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sie, indem ich auf den neben ihr stehenden Bauern beutete.
„Ach wo, dies ist »nein Bruder," gab sie mir zur Antwort.
Ich erkuudigte mich bei der Zweiten, der Dritteln aber Keine
hatte ihren richtigen Manll bekommen, meill Freund Meyer
hatte die traurigste Verwirrmlg in ihr schönes Verwandt-
schaftsverhältniß gebracht.
„Nachdem es Ihnen gelungen ist, die Identität dieser Leute
so glänzend zll beweisen, muß ich Sie dringend ersuchen, beu
Saal zu verlassen." Aber Herr Meyer, an den ich diese Worte
richtete, hatte augenscheinlich kein Verständnis; für meine so
freundlich ausgesprochelle Aufforderung, im Gegentheil, sie
schiell ihn sogar in Wnth zu versetzen, aus deur Meyer wurde
urplötzlich ein Tiger, ilud da mall von Thieren keine Diplo-
matie verlangen kann, so vergaß der Edle jede Rücksicht ans
die menschliche Schwäche, warf seine Taktik über Bord und
rief mir wütheild zll: „Wie heißt verlassen, was bilderl Se sich
denn eill, ich bin ä ehrlicher Mann, ä Mann, lvas is lvoht
ßehu bis funfßehn Jahr älter als Sie, junger Malln," — ich hatte
ihn stark ill Verdacht, daß er etlvas Anderes sageil wollte —
,chaben Se verstandell, heißt ä Chuzpeh, komint so ä lnmpiger
Refrendegar, ruacht ä Stuß mit de Zeigen rrnd sagt mer, mer
hem alten Meyer, ich soll den Saal verlassen," — bei den letzten
Worten versuchte er meine Stimme nachznahmen und sprach
deshalb Hochdeutsch, — „Se bilden sich wohl gar eill, Se sein
der Herr Richter, so lvas is lner mei Lebtag noch nicht vor¬
gekommen." Ohne auf seine Liebesbethenernngen zu achten,
gab ich dem Gerichtsdiener den Auftrag, meinen Freund Meyer
an die Luft zu setzen.
Ich hatte jedoch lveder seine Intelligenz, noch das offene
Fenster in Betracht gezogen, bald vernahm ich wieder feine
liebliche Stimme: „Se Assesponim, Se Schalld for de Jüden-
heit, ich lvär gedenkell an Ihre Niedertracht, und wenn mer
Gott soll erhalten bis hllndert Jahr zu gesund; nu nü, ä Goj
rvird was thun bem Jüd, das größte Unrecht thlrt imnler ä
Jüd dem Anderen, es is ü gebenschtes Massel, daß mer »lischt
haben ü jüdischen Melech, wenn Uler hätten ä jüdischen Melech,
nlöchten alle Jüdeu aus'm Land ransgeschnlissen werden, Gott
soll mer strafen, wenn ich nicht Hab' recht." Ich mußte das
Feilster schließen lassen, nlld so entging mir leider der weitere
Theil seiner Rede. Von diesem Tage aber all war unser schönes
Freulldschaftsverhältniß gestört, Herr Meyer gillg mir stets ill
lveitenl Bogen aus dem Wege, auch vor Gericht hat er Keinen
mehr rekognoszirt.
Frtterarrsche Mittheilrmgen.
— Professor Dr. Moritz Steinschneider, der im April des
nächsten Jahres sein vierundachtzigstes Lebensjahr vollendet, ist noch
ganz jüngst an die Ausarbeitung eines Werkes herangegangen. zudem
er seit fast 50 Jahren die Materialien gesammelt hat. Professor
Steillschneider wird in diesenl „Bibliotheca judaea-arabica“ betitelten
Werke das gesammte Schriftthnul der Jllden in arabischer Sprache,
einschließlich der Uebersetzungen. bibliographisch verzeichnen und zugleich
die wichtigsten biographischen Nachrichten über deren Verfasser mittheileu.
Sprechfaal.
Geehrter Herr!
t nser gelehrter Freund S. I. Halberstamm ist am 22. Adar 5592 in
Krakau geboren, wie ans meinem Magazin Jahrg. VIII.» S. 109
zu ersehen. Herr Professor Deutsch in Ci»»einnati ist daher mit seiner
Notiz in der jüngsten Nummer im Jrrthum. zugleich aber auch darin,
daß es erst einer Anregung von dort her bedurft hätte, um an,den
70. Geburtstag Halberstamms zu denken.
Berlin, 19. Dezember: Ihr Dr. Berliner.
*
Geehrter Herr Redakteur!
Äln Jezierzanij bei Czortkow will sich eine AnzahL Personen zü-
sammenthnn, u»n als angebliches Komitee gemeinsam die Mild-
thätigkeit ihrer im Weste»» wohne»»den Glanbensge»»osse»» anSzllbeute»».
Einer von ihnen wird als Rabbiner unterzeichuen. um mehr Eindruck
zu machen.
Ich mache darauf a»,s»nerksau», daß Jezierza»»ij »»ahe bei Skala,
Borczow. Kndrynce liegt, drei Orten, die sich durch ihre Schnorrer-
ko»»sortien in der Welt ei»»en Nalnen gemacht haben.
Es ist bezeichnend, daß der Gegner eines solche»» Treibens sich »»ach
auswärts lvende»» muß; »»ach meinen Ersah» »mgen finden diese Gauner
bei den Behörden Schutz, denen die schlechte»» Juden, welchen mau
mit Gefängniß drohe»! kann, wegen der Wahlmache lieber sind als die
anständigen. Ein echt galizisches Stimmnngsbild.
Ein A bo n »»en t.
^K>er ve» ehrlichen Redaktio»» sende ich in Verfolg des Artikels in
Nr. 51 Ihrer Zeitmlg „Nochmals das Lehrlingsheim Pankow"
ganz ergebenst folgende Berichtigllng:
1. Voll einen» „Widerstand" seitens des Unterzeichneten Vor¬
sitzenden gegen de»» „Verschlnelzungs-"Plan ist bisher gar nicht die
Rede gewesen; seine Ansichte»» darüber hat der Vorsitzende amtlich zu
äußern noch kei»ie Veranlassung gehabt, sondern hierzu ist erst statuten¬
mäßig in der Generalversam»lllung Raum.
2. Der Vorsitzende hat nicht „es abgelehnt" den diesbezügliche»»
Antrag ans die Tagesordillmg einer Vorftandssitznng zu bringen; er
hat vielrnehr den Antrag — »vie er dies statutenmäßig allei»» durfte —
iil Form der Berichterstattung über den eingelanfeuen Antrag auf die
Tagesordnung, und z»var nrehrerer Sitzungen gesetzt, so daß zur Aenße-
rnng über den Antrag jeden» Vorstandsmitgliede in der umfassendsteir
Weise das Wort gestattet war.
3. Es ist nicht ersichtlich, »»ach welcher Richtliug durch irgend »velche
„Handlnngsweise" die Verfolgung des Antrags gehindert gewesen sein
sollte, zn»nal doch der Artikel selbst erwähnt, daß »»»»»»»»»ehr der statuten¬
mäßige Weg der Antragstellnng für die Generalversamrrllung ein-
geschlage»» »vorden ist. Ei»r solcher Antrag ist thatsächlich eingegauge»»,
uild z»var u»»ter Verrneidnng der juristischen Unkorrektheiten des in
den» Artikel gedachten Antrages der drei Vorstandsmitglieder.
4. Es ist eine Verdunkelu»»g des Sachverhalts, wenn immer von
einer „Verschmelzung" mit einem auderen Verein gesprochen »vird.
Ei»»e solche Verschmelzung ist und bleibt nur als. eine Auslösung der
„Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke rc." unter Uebergang des
Gesellschaftsvermögens in das Vermögen des „Lehrlingsheims" möglich,
so lange nicht umgekehrt die Einwerfung des Vermögens dieses Ver¬
eins in das nr»serer besteheilde»» Gesellschaft erzielt »vird. Ei»»e Auf¬
lösung ist aber u»»r »»ach de»» ausdrücklichen Bestilnmnngen des Statuts
»nöglich, nünllich durch Beschluß der Generalversa»»»mlu»»g; und der
Vorsitzeilde durste und »vird eine etwa pflichtwidrig von einzelnen
älteren oder neu eiugetretenen Vvrstar»dsnütglieder»» vers»»chte Um¬
gehung der Ge»»eralversamn»lnng nicht dulden.
5. U»»richtigerwe»se spricht der Verfasser des Artikels von ca. 100
Lehrlingen, die durch „vier sogenannte Jnspektore»»" zu bewachen seien.
Thatsächlich werden ca. 65 Lehrlinge d»»rch sechs Jnspektore»» und' ei»»em
Vorsitzende»» derselbe»» belvacht.
6. Der Vorsitzeilde verlvahrt die Gesellschaft, derei» achtzigjährige
Thätigkeit der Verfasser des Artikels selbst erwähnt, gegen jede Dis-
kreditirung. Der Verfasser, der die Gesellschaftseillrichtnngen nicht z»»
kennen scheillt, verrnag llicht zu benrtheilen, ob ihre alter» Einrichtungen
sich aus ihrer bisherigen Grundlage nicht Halter» lassen und mag, wen»»
er es ernst mit den» Jrlteresse der Gesellschaft meint, als Mitglied
ordnungsmäßig feine Ansichten in der Generalversammlung in sach¬
licher Weise äußern.
Mit vorzüglicher Hochachtung Leopold Lesser,
Vorsitzender der Gesellschaft z»»r Verbreitung der Handwerke
und des Ackerbaues unter den Jude»» int Preußischen Staate
gegründet 1813.
Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.