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Zustandes der Israeliten? Wir glauben, daß das wirksamste
Mittel, den Zustand der Juden zu verbessern, darin besteht,
wenn man - zur Ehre des menschlichen Geistes und Herzens
im wahren Sinne des Ehristenthums endlich einmal aller
Intoleranz entsagt, den Juden als Bruder und Mitbürger
ohne Scheelsucht anerkennt, an seiner bürgerlichen Entwicke¬
lung sich freut, ihm die gesellschaftlichen und Familim-
Kreise öffnet, wo er sich freuen kann mit den Fröhlichen.
Dahin rechnen wir auch vorzüglich Gleichheit vor dem Ge¬
setze mit seinen christlichen Mitbürgern. Denn so lange diese
nicht stattsindet, so lange die Schmach des Gesetzes auf
dem Juden lastet, ist an keine gründliche Verbesserung sei¬
nes Zustandes zu denken. Wir sind daher ganz anderer
Meinung, als jener Correspondent, welcher die diesseitigen
Ausnahmsgesetze auf die hessische Rheinprovinz angewendet
wissen will, weil — nun weil einige Juden sich dem Ein¬
zelhandel mit Grundstücken hingeben sollen, den dort man¬
che Christen gern allein betreiben' möchten. — Ein solches
Verlangen^zeigt übrigens nur 'von zeitwidrigen Ansichten
über die Beschränkung des freien Verkehrs und der freien
Dispositionsbefugnisse der Grundeigenthümer, und selbst von
einer Unkunde der diesseits des Rheins wirklich bestehenden
Verhältnisse, indem nicht allein längst die besondere Taxe
der Juden für die Erlaubniß zum Erwerb von Immobi¬
lien gesetzlich aufgehoben, sondern auch die frühem ge¬
setzlichen Erwerbs-Beschränkungen, welche ohnedies nicht in
den neuen Landen Gesetzes-Kraft harten, nach und nach
durch Praxis und mildernde Bestimmungen fast ganz obso¬
let geworden sind. 'Schließlich möge hier nur noch die Be¬
merkung stehen, daß es . nicht die Freunde der Juden sind,
welche die Verbesserung ihres Zustandes als von ihnen al¬
lein abhängig darstellen, und welche, die schweren gesetzlichen
Fesseln ignorirend, die sie hemmen, dennoch verlangen, daß
die Juden schnelleren Schrittes voranschreiten sollen.
St. Petersburg, 31. Marz (Privatmitth.). Sie
wissen, daß die russische Regierung seit einigen Jahren das
Schicksal der Hebräer, die in so bedeutender Anzahl unter
ihrem Zepter leben, zu erleichtern suchte. Durch einen je¬
ner Sprünge, welche die Geschichte der Juden öfter auf¬
weist, und deren Quelle oft in den geringfügigsten Ursa¬
chen verborgen liegt, ist fetzt eine Maßregel ergangen, welche
viele Tausende hart betrifft. Ein Ukas vom 5. Januar
bestimmt, daß Kaufleute erster Gilde jährlich nur auf
6, zweiter Gilde nur' auf 3 Monate, und zwar immer
nur hintereinander, Kaufleute dritter Gilde aber gar keine
Pässe in fremde Gouvernements erhalten sollen; daß ferner
nicht wie bisher allen Mitgliedern des Hauses, sondern nur
den Chefs der Aufenthalt am fremden Orte gestattet sei.
Welcher Nachtheil dadurch den Geschäften, welcher Zwang
den Individuen dadurch auferlegt ist, ist unberechenbar. —
Bei einer solchen Maßregel ist man berechtigt, nach der Ur¬
sache zu fragen, und das erste wird die Vermuthung sein,
daß die russischen Hebräer allesammt einen Geist der Un¬
ruhe, oder sonstiger nachtheiliger Bewegung gezeigt haben,
welcher sie einer solchen Beschränkung unterwerfen mußte.
Aber nichts weniger. Es fällt hier die Schuld einer Zahl
von drei oder vier Verbrechern auf anderthalb Millionen
Menschen zurück. Bei dem Brande des Winterpalastes ha¬
ben sich unter notorisch vielen christlichen Individuen auch
einige jüdische Fremdlinge des Ankaufs entwendeter Sa¬
chen verdächtig gemacht. Daß diese nun nach völliger Er¬
mittelung des Thatbestandes auf's härteste, eben so wie die
christlichen Schuldigen, bestraft wurden — war natürlich zu
erwarten und zu wünschen. Aber nach der alten Gewohn¬
heit hat man die Strafe auf alle Juden ausgedehnt, und
sie mehr als je zu glebae adscriptos gemacht, und dadurch
abermals einen Stillstand in der Entwickelung ihres Zu¬
standes hervorgebracht, der von langer Dauer und tiefer
Wirkung für das allgemeine; wie für das Glück unzähliger
Einzelnen sein wird. — G. -
Man ist gewohnt, und zwar in der ganzen civilistrten
Welt, die Großthaten eines Juden immer nur als die eines
Einzelnen - hervorzuheben, hingegen die Schuld Einzelner
auf die ganze Masse zu walzen. Ehe diese Sitte in Eu¬
ropa nicht getilgt ist, kann an keine wahrhafte Emancipa-
tion, selbst bei völliger Gleichstellung, gedacht und geglaubt
werden — so lange ist auch an die Sicherheit der Verhalt-
m'sse, selbst bei völliger Gleichstellung, nicht zu glauben; denn
die Ausnahmegesetze können immer wieder zum Vorschein
kommen, wie man weiß. Daß von jeher die Juden unter
sich das moralische Princip zu erhalten und zu verstärken
gesucht, bezeugt schon der alte Gebrauch, in die „Todten-
brüderschaft" oder „BeerdlgungsgeseUschaft," Niemanden auf-
zunehmen, der -in gerichtlicher Untersuchung gestanden und
nicht frei gesprochen worden. Wir ersuchen die israe¬
litischen Gemeinden aller Lander, mit Strenge
hierüber zu wachen, und dahin auszudehnen, daß
ein Solcher z. B. keine Mizwa in derSynagoge
erhalten kann, er müßte denn durch spätem fünf- oder
zehnjährigen unsträfllichen Wandet seine Besserung kund ge-
than haben. Auf diese Weise läßt sich am besten erweisen,
daß die Gesammtheit der Verbrechen Einzelner theilhaftig
zu machen, die höchste Ungerechtigkeit sei.
Die Redaction.
Pesth, 4. April (Pcivatmitth.). Wenn ein jedes un¬
glückliche Ereigniß manches Gute in seinem Gefolge mit
sich führt, so auch die beklagenswerthe Ueberschwemmnng,
die uns betroffen. Nach den verhangnißvollen Tagen des
Marz hat der Bürgerausfchuß und Magistrat der königl.
Freistadt Ofen die Emancipation. der Juden für diese
Stadt zur Rede gebracht, und sofort einstimmig angenom¬
men, daß den Juden ertaubt werde, sich in Ofen ansässig
zu' machen, Grundbesitz zu erwerben, und alle Gewerbe zu
betreiben. Das desfalstge Dekret liegt jetzt vor der königli¬
chen Tafel. — Da das patriotische Benehmen der pesther
Israeliten dies größtentheils zur Folge hatte, so können wir
diese Begebenheit als einen zwiefachen Triumph unserer
heiligen Angelegenheit arischen.