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Lagerstelle, schlug einer der Makkabäer, Jonathas, die zahlreiche
Armee des Demetrius Nftator in die Flucht. —
Der Jordan ist ziemlich schmal, aber sehr tief. Eine sehr
schöne Brücke mit 3 Kreuzbogen nach gothischer Art führt über
diesen Fluß. An seinen Ufern, in dem Augenblicke wo ich dieses
heilige Land betrat, war mir, als begönne für mich ein neues
Leben. Wie sollte auch die Phantasie kalt dabei bleiben, wenn
unaufhörlüh große Namen im Ohre wiederhallen? Vom Jordan
bis Jerusalem, vom Hebron, dem Hause Abrahams, bis zum
tobten Meere, wo Gottes Zorn entbrannte, und bis zum Thale
von Tierefias, dem Schauplatz von Davids Ruhm und Helden-
muth, sieht man nur Stellen an welche sich die heiligsten Erinne¬
rungen knüpfen. Das Ohr vernimmt fast keine andern Namen
als solche, welch« wir von unsrer Kindheit an mit Ehrfurcht aus¬
gesprochen haben ; man lebt in Gemeinschaft der Patriarchen, der
Propheten, der Wunder. Man muß sich ganz natürlicherweise
dem ernsten Rachsiunen, einer sanften und heiligen Melancholie
überlassen, die Luft, die man hier einathmet, ist heilig und scheint
ihre Wirkung auf Alles zu erstrecken; denn in keinem andern
älnde entwickeln sich Glaubensmeinungen mit gleicher Lebhaftig¬
keit, hier zählt jede Ration eifrige Bekenner. Der Jude, der
Christ und der Muselmann, Alle glühen auf gleiche Weise für
ihre Religion, und Judäa scheint die eigenthümliche Macht zu
besitzen, das menschliche Herz zum Verkehre und zur Gemeinschaft
mit der Gottheit zu stimmen. —
Auf dem Wege nach Liberias kamen wir am Josephsbrunne»
vorüber, der zur Erholung und Bequemlichkeit der Reisenden wie
geschaffen ist. Hier soll Joseph ' von seinen. Brüdern in eine
Cisterne hinabgelassen und an ägyptische Kaufleute verkauft worden¬
sein. — Die geographischen Forschungen widersprechen dieser Tra¬
dition keinesrvegeS, weil sie nicht weit davon die Ebene von D o t-
hain bezeichnen, wo Joseph, der Genesis zufolge, seinen Brüdern
begegnete. —
Das Galiläische Meer bildet einen der schönsten Seen, die
man nur sehen kann. Das Sand, welches ihn umgibt, ist von
der Natur sehr begünstigt. Der See hat einen bedeutenden Um¬
fang, sehr schönes Wasser, und die Berge, welche ihn umgeben,
sind von Natur aus sehr fruchtbar, und würden sich für die schönste
Cultur eignen. Ehemals waren die Ufer des Sees sehr zahlreich
bevölkett und mit 13 blühenden Städten geschmückt; heutzutage
ist Liberias ein Haufe ünfläthiger, in Schutz zusammenstürzender
Häuser, wo das Elend sich in seiner ganzen abschreckenden Gestalt
zeigt.. —
. Biele europäische Juden begaben sich in diese Gegend, um
. hier ihre Tage zu beschließen, und zwar siedeln sie sich in Liberias
selbst nicht an, sondern in Safad, einer kleinen Stadt, welche in
einer Entfernung von wenigen Meilen an der erhabensten Stelle
des Hochlandes erbaut ist. Nach dem Glauben der Juden wird
dort der Mesias ankommen, und voll Bettrauen erwatten sie ihn
daselbst. Sie begeben sich von- allen Gegenden der Welt nach
Safad,-um ihre Lage in dieser Stadt zu beschließen-, welche ihrer
Meinung zufolge eines Tages mit großem Glanze verklätt und
vor Allem der Hauptott ihrer Macht werden wird. Es ist er¬
staunlich , welch tiefer Glaube noch heutzutage die Juden beseelt,
- und wie behaglich sie sich weigern, die strafende Hand zu erkennen,
welche sie gettoffen hat, und deren Fingerzeig überall zu er¬
blicken rst. — *
• Am 14. früh Morgens brachen wir wieder auf. In Na-p lus
hielten wir wieder an. Das Aoußrr dieser in einer engen Schlucht
gelegenen kleinen Stadt ist sehr angenehm, weil sie mft reichen
Pflanzungen geschmückt ist, und nur Derjenige, der es selbst em¬
pfunden, vermag es sich vorzustellen, wie sehr das Auge des Rei¬
senden ,- der mitten im Sommer den glühenden Orient durchwari- -
' dett, vom Anblick eines grünen Wäldchen bezaubert wird. Ngplus
ist das ehemalige-S amari a, oder stößt wenigstens unmittelbar-
an das Terrain, auf- welchem sich die- alte Stadt erhob. . Samaria
war die Hauptstadt des Königreichs Israel, das sich von Juda und
Benjamin getrennt hatte. Es war desgleichen auch die Haupt¬
stadt einer neuen Nation, die samaritanische genannt, gebildet
aus den asiatischen Kolonisten, welche Salmanasser zur Zeit der
babylonftchea Gefangenschaft der Juden hierher sandte.—So an¬
genehm-Naplus, aus der Ferne gesehen, das Auge anspricht, eben
so abschreckend ist sein Anblick, sobald man 'sich innerchald der
Mauern befindet. Die Bevölkerung ist aufeinander gepreßt, und
die Straßen noch bei weitem enger, als sie es in den türkischen
Städten gewöhnlich sind. Sie sind zur Hälfte mit Gewölben be¬
deckt, wodurch gleichsam untettrdische Gänge gebildet werden, so
daß man nur von Stelle zu Stelle das Tageslicht erblickt. Diese
Stadt enthält ein lebendiges Denkmal ihres Altetthums, nämlich
eine samaritanische Familie, welche eine Att von Stamm bildet,
dresen Aufenthaltsott nie verlassen, noch sich mit-einer ftemden
Familie verbunden hat. Ich besuchte das Oberhaupt dieser Fa¬
milie, welche gegenwärtig aus 300—400 Personen besteht. Man
bettachtet ihn als eine Att von Patriarchen. Der Oberrabdiner
behauptet in gerader Linie von Aaron, Mosis Bruder, abzustammen,
und im Besitze von Büchern zu sein, welche Aarons Sohn selbst
. geschtteben haben soll. Wenn dem wirklich so ist, so sind diese
Manuscripte eben so alt, als die ältesten unter denen, welche
man in den ägyptischen Gräbern findet. Ich verlangte nicht sie
zu sehen, weil ich aus ihrer Besichtigung nichts hätte entnehmen
können.
Des andern Tages, am 15. September, brachen wir mit
frühestem Morgen auf; wir sollten au diesem Tage die heilige
Stadt erreichen, und ich fühlte mich zum voraus ttef bewegt;
denn schon die bloße Nennung ihres Namens erweckt tausend Ge¬
danken verschiedncr Att; das Land bis 3 Meilen vor Jerusalem
schien mir höchst sorgfältig cultivirt. Eine Menge schöner Gatten,
mit Feigenbäumen und Weinreben bepflanzt, machen den Reich¬
thum dieser Gegend aus, und die Dörfer, durch welche mau
kömmt, zeigen ihrem Aussehen nach von bedeuttndem Wohlstand.
Das Land an und für sich ist jedoch unfruchtbar, und jenes Re-'
-sultat kommt allein auf Rechnung der verdoppelten Sorgfalt und
Anstrengung der Bewohner. Aber gar bald ändctt sich die Scene.
Wenn man sich Jerusalem nähett, glaubt man das Reich des
Todes zu bettttea, man gewahtt überall- nur Unfruchtbarkeit und
nirgends Cultur. Aber die Austnerksamkeit und das Interesse
«erden in andrer Att in' Anspruch gmommen: das Ohr ver¬
nimmt die größten Namen, man lebt weit mehr in der Ver¬
gangenheit als in der Gegenwart. — Ich bemerkte ein Gebäude
auf einem Berge unfern der Sttaße: aus meine Frage, was es
wäre, antwottete mein Führer ganz kurz: »das ist Samuels
Grab;« an einer andern Stelle, sagte er zu mir: »diesen Brunnen
hat Jacob gegraben.« Ich befand mich unaufhörlich, und ohne
mich dessen zu versehen, iy Berührung mit den Pattiarchen und
Propheten, mit den Männern, deren Namen wir schon stammelten,
als wir die Wiege verließen, und von welchen wir durch so viele
Jahrhundette gettennt sind. Wenn aber schon die bloße Nähe
von Jerusalem so tiefe EmpsindUngen verursacht, wie viel mehr
fühlt man sich erst durch den Anblick der Stadt selbst erschüttert
Alles menschliche Elend scheint daselbst versammelt und angehäufr;
dumpfe Traurigkeit' bemächtigt sich des Gemüths des Reifenden-,
er kann aus dem Nachsinnen und der Träumerei, welche ihn un-
willkührlich überfällt und gefesselt hält, nicht hcrauskommen; er
glaubt noch Gottes Hand zu sehen, wie,- sie schwer auf diese un¬
glückliche Stadt fällt, und sie zwingt, sich dem Urtheilsspruche zu
entziehen, welcher sie verdammt, in ewigen Todeszuckungen zu
leben; er glaubt sich von ihrem traurigen Loose mitgetroffen,
denn die Luft, die er athmrt, scheint ihm nicht mehr das Elemenr
des Lebens zu enthalten. Diese Stadt war einst schön und mächtig:
die Werke Salomos, der Einfluß welchen er aus sein Jahrhunderr
übte, der ausgedehnte Verkehr, welchen er mit entfernten Völkern
gründete, beweisen es zur Gnüge; heutzutage ist sie nur mehr
ein bloßes Grab in einer Wüste. —
(Sckluß folgt.)
Redattcur : vr. L. Phrlippfok. Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.