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losen Streites entgegen zu sehen und . eine schönere Zukunft
scheint uns nunmehr aufgehen zu wollen .
( Schluß folgt . ) -
Bücher scha - u .
( F o r tsetzu « q . )
Es ist eine eigene Erscheinung , deren geschichtliche Ursache
sich aber Nachweisen läßt , daß in allen europäischen Ländern die
meisten Juden die deutsch e Sprache , wenn auch nicht mehr reden ,
doch verstehen . Die europäischen Juden theilen sich nämlich , ihrem
Ursprünge nach , in deutsche und portugiesische , die besser spanische
heißen sollten . Die ersteren sind Auswanderer oder Abkömmlinge
von Auswaadern aus Deutschland , die letzteren von den Vertrie¬
benen der pyrenäischen Halbinsel , Italien , Holland , und von hier
aus . England ist der Sitz der portugiesischen , obschon Holland
und England eben so viele deutsche enthält — die Vermischung !
Beider war früher sehr , ist jetzt allerdings weniger schwierig .
Ganz einzig ist , daß hinwiederum die Portugiesen nur an einer
Stelle in das eigentliche Gebiet der Deutschen eingedrungen , in |
Hamburg und Altona . Die östlichen Theilc Europas , d . i . !
sämmtliche slavische Länder , und von da aus Sibirien sind
nur von Abkömm . ingen von deutschen Juden bevölkert , die sich
aber längst , eigens verbildet haben , so daß man sie absonderlich
mit dem Namen polnische Juden belegt , die später wiederum
ihre Kolonisten zahlreich nach Deutschland gesendet , und noch immer
senden . So ward also die deutsche Sprache heimisch unter den
Juden von Kamtschatka bis an den Themsestrand , und
erhielt sich so lange unter ihnen , als sie von dem socialen Leben
in död von ihnen bewohnten Ländern wenig berührt waren . Es
war aber natürlich , daß , je mehr die Juden , besonders in Frankreich ,
Holland , Dänemark und England , in die Societät eintraten , und
an deren Interessen sich anschlossen , sich auch die Kenntniß der
deutschen Sprache , die sich unter ihnen vererbte , und von den neuen
Ankömmlingen imnnr wieder angeregt ward , immer mehr verliert .
Beweis hiervon liefern sowohl eine Reihe von Jugendschriften , die
in französischer und englischer Sprache für die israelitische Jugend
jener Länder erschienen ^ als auch jüdische Zeitschriften in den ge -
nanr ten Ländern . Trotz dem hat es sich ~ daher immer gemacht ,
daß die jüdisch - deutsche Literatur sich auch nach jenen Ländern
verbreitete , hingegen die jüdisch - französische und englische Literatur
wenig in Deutschland coursirte .
Wir wollen daher heute unsere Leser mit einer englischen
Monatsschrift für rabbinische Literatur bekannt
machen , die mit dem Neujahr 5595 , d . i . mit dem September
1834 zu erscheinen begann , und von der uns zwei Jahrgänge
( bis jnm Neujahr 5597 d . i . Sept . 1838 ) vorliegen . Die Fort¬
setzung scheint nicht erschienen zu sein - da wir sie trotz aller Mühe
nicht erlangen konnten . Dem Umfange nach , kam in jedem Monate
1 Part , enthaltend 4 Nummern , die Nummer zu l Bogen 8 . ,
Die Tendenz des Blattes war die Beförderung der Kenntniß
der rab binischen Literatur , besonders der allgemein - mora¬
lischen und religiösen Parthieen derselben , sowie überhaupt den
Blick in die rabbinische Gestaltung des Judeathums zu öffnen
und zu erhellen . Dies wird am besten aus einer Uebersicht des
in diesen beiden Jahrgängen Gegebenen hcrvorgehen . Den größten
Tkeil des Raumes nehmen Uebersetzungen radbinischcrSchriften
ein ; so wird durch beide Bände hindurch eine Uebersetzung des
Commentars von Wessely zu der irnx nsoa ( Sprüche
der Väter sAbschnitt der Mischnahj ) , der unter dem Namen p ' '
pah bekannt ist , gegeben . Ferner unter dem Titel : Didactic
Paetrv of the Rabbies die Uebersetzung einiger Stücke von Bechi -
nath Olam ; unter dem Titel : Morality of the Rabbies die Ueb .
der Schmonah Perakim Leraxnbam , und von Itabam
( 9t . Eliesar ben Nathan Aschkenasi ) ; unter dem Tircl : Metaphy -
sics and Philosophy of the Rabbies die Ueb . des Buches Ikkarim
von Aldo . ' Ferner : Viele Stücke aus den hebr . Zeitschriften
P | DMö und D , clus den niNSin ' TC des W es -
sely , die Vorrede des Maimonides zum talmudischen Traktate
talmudische Allegorieen , Erzählungen und Aphorismen , eine
Allegorie von rrppy einen Auszug aus Meor Enaim , einen
Abschnitt von » Ioreh Kebuchim u . f . f .
Neben diesen fallen die Uebersetzungen aus anderen Sprachen
über jüdisch - religiöse und historische Gegenstände in die Augen :
so werden über die Sekten der Essener , Samaritaner und Kariten
die betreffenden Stellen aus Peter Beer ' s » Geschichte , Lehren
pnd Meinungen aller religiöser Sekten der Juden - geliefert , wozu
noch über die Karaiten der Brief des 0r . Mises ün vr . Jost
als Appendix hinzugefügt wird ; über das jüdische Königreich der
Chasars aus Jost ' s Gesch . der Israeliten , Munk ' s Aufsatz in
dem Temps über die Poesie der Juden im Mittelalter .
Außerdem sind noch folgende Aussätze zu beachten , welche
theils Original , theils aus den besten rabbinische » Schriften gezogen ,
und passend überarbeitet sind . Customs and observances of the
Jews ; hier werden in einzelnen Abschnitten die Geschichte , Ursache ,
Gesetze u . s . w . der einzelnen jüdischen Feste anziehend erzählt , so
• man nach der History of the Jews by Professor Milman , Qni3 ,
wo auch die bekannten Andeutungen des Festes in der heil . Schrift
nach dem Talmud nicht übergangen werden , u . s . w . On Hebrew
Synonymes , wo treffliche Bemerkungen beigebracht werden ; On the
Excellency of the Hebrew Language , einem englischen Schriftchen
eines gewissen Thurlestone entlehnt , nicht von Bedeutung . Erst
im zweiten Bande finden wir allerdings mehrere Originalauffätze ,
z . B . Are the Institutions of tbe Jews anti - social , wo die Miche
der jüdischen Gesetze gegen den 6er und Nochri , besonders im
Vergleich mit den griechischen Sitten in diesem Bezug hcrvorge -
hoben wird . On the Social Condition of the Jews , ein weitläufiger
Aussatz , welcher besonders die Geschichte des Talmuds und seine
Einwirkung auf die Juden berücksichtigt , und auf eine interessante
Weise besonders das Zusammentreffen der Araber und Juden seit
Mohammed schildert . On the lndustry of the Hebrews ; dieser
schön geschriebene Aussatz beginnt mir einer guten Exposition des
Gedankens , daß wen » die Hebräer auch keine Werke der Kunst
hinterlaffeu haben , ihre Bestimmung unter den Völkern jedoch
so herrlich , daß sie nicht neidisch auf Andere zu schauen haben ,
und geht dann darauf über , daß die meiste Beschäftigung der He¬
bräer der Ackerbau war , zählt die Stoffe auf , die unter ihnen
am meisten gebraucht werden , und durchgeht dann von der Zeit
Salomo ' s bis zur Zerstreuung die industriellen Werke der Hebräer ,
wenn auch lange nicht gründlich genug . ' Eine Lebensbeschreibung
des Propheten Samuel , eine Geschichte der hebräischen Könige .
Diese Uebersicht des Inhalts der vorliegenden beiden Jahr¬
gänge wird dem Leser schon eine Ansicht über die Bedeutung dieses
Unternehmens geschafft haben . Ehe wir aber diese näher bezeichnen ,
müssen wir zuvor Etwas über den Charakter desselben deibringen .
— Dem tiefer » Beschauer wird es offenbar , daß das Judenthum ,
trotz dem , daß diese Erscheinung in der Menschenwelt die einheit¬
lichste zu sein scheint , eine Schattirung und Färbung in den
verschiedenen Ländern gegenwärtig angenommen , welche nicht die¬
selbe ist , sondern sich an den Charakter der Völker genau anschlicßr .
Sehen wir auf die drei prägnantesten Länder , auf Deusschlaad ,
Frankreich , England : so tritt in England die rabbinische
Gestaltung des Judeathums am entschiedensten
öffentlich noch heute auf , ( wir erinnern an die in dieser
Hinsicht wichtige Mittheilung aus London No . 35 . unserer Zeit . ,
zu vergleichen mit No . 6 . ) ; in Frankreich entkleidet sich
das Judenthum im öffentlichen Leben seiner bis¬
herigen Form am meisten ; und in Deutschland —
da schwankt man ( wie in Allem ) immer zwischen Bei¬
den hin und her , und hat keinen festen Boden .
( Schloß folgt . )
Redacteur : vr . L . Philipps « » » . — Verlag von Baumgartners Buchhandlung « — Druck von W . Haack .