Allgemeine
des Iudenlhums.
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Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn.
Gzepedition: Leipzig, Woßptcrh 18
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Bonn direct, in allen übrigen an die
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47. Juhrgsug. Leipzig, den 2. April 1883. N>. 14.
Inhalt. Leitende Artikel : Die gegenwärtigen Zustände. — Zur Religionsschule. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnach¬
richten: Deutschland: Berlin, München, Fürth. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Nyiregyhaza, Lemberg. — Belgien: Brüssel. —
Großbritannien: London. — Serbien: Belgrad. — Palästina: Jaffa. — Bonn: Notizen, Kunstnotiz. — Feuilleton: Michel
Beer. — Notizen. — Vermischtes.
Bonn, 28. März.
Die gegenwärtige« Instän-e.
Eine schwere Besorgniß lastet auf den Gemüthern. In
fast allen Landern der civilifirten Welt pocht die socialisnsch-
anarchische Revolution an die Pforten der Gesellschaft, droht
diese zu zertrümmern und das ganze innerhalb einer viel-
tausendjährigen Entwickelung errichtete Bauwerk umzustürzen.
Nun, die Geschichte hat gelehrt, daß der Ansturm einer ver¬
meintlich oder wirklich unterdrückten Menschenklaffe oder einer
solchen von Noth und Armuth gedrängten gegen die wohl-
organifirte Gesellschaft ohnmächtig ist, daß dagegen die Ent¬
wickelung der Gesellschaft selbst die Uebelstände und das
Unrecht, unter welchen große Menschenklasien litten, zu über¬
winden und aus dem Wege zu schaffen vermochte. Eine
sociale Frage gab es vom Ursprung der menschlichen Gesell-
schüft an und blickt uns warnend schon an der Schwelle der
h. Schrift entgegen, symbolifirt in dem Bruderstreite und
Brudermorde Kains und Abels. Während aber die blutigen
Sklaven- und Bauernkriege und andere sociale Aufstände er¬
folglos für die empörten Mafien blieben, war doch die Ge¬
sellschaft im Stande, die Kasten zu sprengen, die Sklaverei
abzuschaffen, die Leibeigenschaft aufzuheben und einen fteien
Arbeiterstand zu schaffen. Denn die Gewerbefteiheit, die
Freizügigkeit und die Gleichheit vor dem Gesetze, wie sie in
allen rechtlichen und staatlichen Institutionen, besonders auch
im allgemeinen Stimmrecht gegeben ist, haben den Arbeiter
stand zu einem freien gemacht und diesem Ergebniß wider¬
spricht die Abhängigkeit in den Lebenverhältniffen nicht, denn
eine solche findet in allen Sphären der Gesellschaft statt.
Jndeß werden durch dieses geschichtliche Resultat die drohen¬
den Gefahren, die aus einer neuen Phase der socialen Zu¬
stände hereinzubrechen scheinen, an sich nicht beseitigt. In
Rußland hat der Nihilismus zu außergewöhnlichen Freveln
gegriffen und Staat und Gesellschaft in maßlose Verwirrung
gestürzt. Wien wird nächtlicher Weise mit aufrührerischen
Flugblättern und Plakaten überschwemmt und Ansammlungen
der Maffe wurden versucht. In Deutschland sahen sich Re¬
gierung und Volksvertretung genöthigt, den Socialismus durch
Entziehung der Preßfreiheit, des Vereins- und Versamm¬
lungsrechtes mundtod zu machen. In Spanien hat die Re¬
gierung mit einer weitverzweigten Anarchistenverschwörung
zu kämpfen. In Paris mußte man soeben die bewaffnete
Macht aufbieten, um die Straßenaufläufe der Anarchisten zu
unterdrücken. Wie weit die irisch-communiftisch-anarchische
Empörung mit Revolver, Dolch und Dynamit vorgeht, zeigen
tägliche Berichte. Es ist nicht zu verkennen, die socialistifck
anarchische Partei hat ihr Netz über ganz Europa aus¬
gebreitet, große Schaaren von Anhängern gewonnen und
kennt weder religiöse und sittliche, noch gesetzliche Schranken.
Sie hält sich zu Allem berechtigt, um Alles zu erlangen.
Da drängt sich uns die zwiefache Frage auf: woher stammt
diese schreckensvolle Erscheinung mitten in der nach Freiheit,
Recht und Gesittung strebenden Gesellschaft? und durch welche
Mittel wäre sie zu bekämpfen, abzuschwächen, zu beseitigen?
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