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Wenn die Apostel dieser Umwälzung von der Befreiung i die Verkeilung des Erwerbes und Besitzes eine überaus
des Arbeiterftandes sprechen, so ist dies nur ein leeres, in- j mannigfaltige und in den schroffsten Gegensätzen bestehende
haltsloses Wort. Freiheit ist die persönliche Freiheit des In-! ist. Zu der Ungleichheit der Bodenvertheilung ist nicht allein
dividuums innerhalb der gesetzlichen Schranken, die noth- j die Ungleichheit des Erwerbes durch industrielle und com-
wendig sind, damit das eine Individuum die anderen nicht > merzielle Arbeit, sondern auch und ganz besonders die Un-
schädige, und der Mißbrauch der eigenen Freiheit die der I gleichheit des Kapitalbesitzes gekommen und hat durch den
anderen nicht verletze. Was aber jene Wortführer des So- im letzten Jahrhundert eingetretenen Aufschwung aller gewerb-
cialismus unter Befreiung des Arbeiterstandes verstehen, ist j lichen Thätigkeiten und deren Ausnutzung ungemein zuge-
nichts anderes, als die persönliche Freiheit Aller vernichten, nommen. Schon das mosaische Gesetz tritt dieser Ungleich-
das Eigenthum und die freie Bethätigung des Willens ab- heit entgegen und sucht auf legalem Wege die Bereicherung
schaffen, die Staatsorgane stürzen und auf die Trümmer der
Gesellschaft ein ihnen selbst noch unklares Neues setzen, das
eine Kasernirung Aller, eine Unterwerfung unter einen despo-
aus der einen, die Verarmung auf der anderen Seite zu
verhüten. Es nahm eine gleiche Bertheilung des Bodens
vor, sicherte diese durch das Löse- und Jobelgesetz und verhin-
tischen Gesellschaftsmechanismus, den Untergang aller Bildung derte das Ueberhandnehmen des Schuldenwesens durch das
und freien Geistesthätigkeit bedeutet. Es versteht sich, daß! Zinsverbot und das Erlaßjahr. Trotzdem war es sich be-
dieser Wahnwitz unausführbar wäre, und daß die socialistische! mußt, daß es durch die verschiedenen Faktoren des Erwerbes
Revolution ihre eigenen Kinder nur verschlänge und einen an Dürftigen nicht fehlen werde im Lande (ö Mos. 14, 11.),
Kampf zwischen der einen und der anderen Hälfte der Men¬
schen herbeiführen würde, der die civilisirte Welt veröden
und die völlige Knechtung des einen Theiles durch den an¬
deren bewirken müßte. Die Ursache jener Erscheinung kann
also durchaus nicht in einem wirklichen Freiheitsdrange lie¬
gen, welcheni die ruhige Entwickelung des Staatslebens, nach¬
dem so viel erreicht worden, viel mehr Bürgschaften böte,
als jede Revolution. Aber auch in der Arbeit liegt die
Ursache nicht, so sehr sich auch die Wortführer jener als Für¬
sprecher der Arbeiter geriren. Denn arbeiten müffen wir
Alle, und viele, sehr viele, die dem sog. Arbeiterstande nicht
und sorgte deshalb für diese durch das Armengesetz und den
Appell an das menschliche Herz und die religiöse Pflicht.
Biel weniger konnte diese Gesetzgebung die ungleiche Ber¬
theilung des Erwerbes und Besitzes durch Industrie und
Handel und durch die Anhäufung des Kapitalvermögens ver¬
hindern. Ja, die Lehrer der traditionellen Auslegung selbst
waren bei den später entwickelteren Berhältniffen gezwungen,
die Wirksamkeit des Erlaßjahres durch schriftliche Verträge
einzuschränken. So hat die mosaische Gesetzgebung uns das
Ziel, nach welchem die Gesellschaft zu streben habe. an¬
gegeben, aber die Mittel und Wege, um zu diesem Ziele zu
angehören, viel angestrengter als selbst der Tagelöhner, mit kommen, war sie bei der einfachen Natur des Volkes, an das
größerer Aufopferung und Hingebung und zu größerer Er-> sie sich richtete, nur nach einer Richtung im Stande. Die
fchöpfuilg. Was wäre der Mensch überhaupt ohne Arbeit, ! Art und Weise, wie die Länder durch Völkerströmungen ein-
um könnte er, abgesehen von den materiellen Früchten, ohne | genommen, die alten Bewohner geknechtet wurden, eine seu
Arbeit existiren? Auch sind gegen jedes liebermaß von Arbeit, - dale Aristokratie sich herausbildete, mußte die Bodenverthei-
gegen jeden Mißbrauch der Kräfte des Arbeiters schon viele lung völlig ungleich machen, und nachdem Industrie und
gesetzliche Maßnahmen getroffen, und können und werden Handel eine immer größere und über alle Erdtheile sich aus-
noch immer mehrere getroffen werden. Der wirkliche Grund dehnende Entfaltung gewonnen, und die Finanz sich in un-
der ganzen Bewegung liegt vielmehr in der ungleichen ' geheuren Maßen ausbildete, wächst diese Ungleichheit von Tag
Bertheilung des Besitzes und des Erwerbes. Mit dem Be- zu Tag. Die Ursache der Unzufriedenheit in den sog. ar-
wußtsein des Rechtes auf persönliche Freiheit und auf Gleich-! beitenden Klassen und die faktische Unterlage, welche die
heit vor dem Gesetze, das besonders seit einem Jahrhundert j Wortführer des Socialismus für ihre Theorien in der Wirk-
in die Volksseele verpflanzt worden, hat sich allmälig auch lichkeit finden, stellt also ein Wachsthum des revolutionären
das Verlangen nach Gleichheit in der Lebensstellung, im : Elements in Aussicht. Die Arbeiter sehen in der That viele
Erwerbe und Besitze und ganz besonders im Genüsse ver- Beispiele vor sich, wo ein Industrieller in 10 bis 20 Jahren
Kunden Daß eine solche Gleichheit weder in der Natur durch emsige Thätigkeit, Geschästsgewandtheit, Geschick in der
überhaupt, noch in der Natur des Menschen und seiner Ge- Produktion und im Verschleiße der Produkte sich durch seine
sellichaft möglich ist und das Recht darauf auch gar nicht vor-! Arbeit ein sehr ansehnliches Vermögen erwirbt, während sie
Händen, da die Art und der Grad der Thätigkeit und das immer auf demselben Punkte stehen bleiben und von der
Eonsum des Erarbeiteten unsäglich verschieden sind, wollen! Hand in den Mund leben. Die Freiheit, die sie erlangt
selbstverständlich weder die Verführer noch die Verführten! haben, und der Schutz, den ihnen das Gesetz bietet, genügen
anerkennen. Nun ist es allerdings nicht zu leugnen, daß>ihnen deshalb nicht; sie erachten die Besitzende» in jeder