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was um so schwieriger wird , wenn wie kn Preußen für
die Ausbildung der christlichen Mittlern Klassen so treff¬
lich gesorgt ist . Wiel viel ferner durch eine größere Bil¬
dung des Volks der Emanzipationssache gedient ist , das
darf dem Einsichtigen wol nicht erst entwickelt werden .
Hiernach wird es wol nicht überflüssig erscheinen , ei¬
nige unparteiische Bemerkungen über ein Institut , wie
die Berliner jüdische Gemeinde - Knaben - Schule , öffent¬
lich auszusprechen , und ist dann ihr Zweck genugsam er¬
füllt , wenn sie vielleicht auf den oder jenen Uebelstand ,
an denen es nirgends in der Welt fehlt , aufmerksam zu
machen im Stande sind und damit die erste Veranlas¬
sung zu Verbesserungen geben .
Der Gemeinde - Knabenschule sowol wie der Mädchen¬
schule sind in höchster Potenz die Vorsteher von dem
Gemeindealtesten vorgesetzt ; bei ihnen ist die Aufsicht
über die Schulen , sie haben über den Zustand derselben
an die Gemeinde zu referiren , auf Uebelstande aufmerk¬
sam zu machen u . s . w . Nun setzt der Wirkungskreis
der Vorsteher in diesen zwar kein umfassendes pädagogi¬
sches Studium , zwar keine vollkommene Aufopferung für
die Schulen , aber doch , wiewol zugegeben werden muß ,
eine gewisse Fähigkeit , die Leistungen von Lehrern und
Schülern zu würdigen , voraus , verbunden mit einem
Grade von Liebe und Hingebung für den Gegenstand ih¬
rer Aufsicht . Leider aber sind die Verhältnisse in einer
jüdischen Gemeinde , wie in Berlin , selten der Art , die¬
sen Anforderungen zu genügen ; die Vertheilung von Eh¬
renämtern findet da selten in der Qualifikation der Per¬
sonen ihren Maßstab , Eitelkeit bestimmt sie zur An¬
nahme — und mangelt dieser noch gar Liebe für den
Gegenstand , so ist der ganze Zweck verfehlt . So kann
man mit dem vollkommensten Rechte behaupten , daß die
Vorsteher bisher dieser Anstalt mehr geschadet als genützt ;
ja sonderbarer Weise , es ist nicht selten drr Fall vorge -
kommen , daß aus falscher Vorliebe für die Mädchen¬
schule Vorsteher so weit gingen , die Knabenschule herun¬
terzusetzen . Was aber kann einer solchen Anstalt mehr
schaden , als in ihrem Fundamente wankend gemacht ,
moralisch heruntergesetzt zu werden — von Personen , de¬
ren Aufgabe es wäre , jeden derartigen Versuch mit aller
Kraft zurückzuweisen ! —
Die spezielle Leitung der Anstalt ist in der Hand ei¬
nes Rektors , dem die Einrichtung und Ausrechterhal¬
tung der äußern wie der innern Ordnung der Anstalt
obliegt ; und in der That muß man gestehen , was zu¬
mal die ersten betrifft , daß manches Löbens - und Nach -
ahmungswerthe geleistet ist . Denn es ist nicht bloß für
Bequemlichkeit kn den Klassen während der Lehrstunden ,
sondern auch für einen geräumigen Spielplatz zur Be¬
nutzung während der Erholung gesorgt . Ein dm Anfor¬
derungen an eine Elementarschule genügender Lehrapparat
steht der Anstalt zu Gebote ; obgleich in der Anschaffung
mancher kostbaren physikalischen Instrumente vielleicht in¬
sofern etwas zu weit gegangen ist , als die dazu ver¬
wandten Mittel zur Anschaffung wichtigerer Gegenstände
wol nützlicher hatten gebraucht werden können . Sogar
eine Lesebiblipthek für die Schule ist eingerichtet worden ;
indessen soll dieselbe weder mit genügender Auswahl zu¬
sammengestellt sein , noch sich in einem so geordneten Zu¬
stande befinden , der zu einer nützlichen Anwendung un¬
erläßlich nothwendig ist . Zum Lobe des Rektors muß
ferner noch erwähnt werden , daß er keine Mühe scheut ,
' den abgehenden Schülern ihren Fähigkeiten und Neigun¬
gen so weit wie möglich entsprechende Lehrlingsstellen zu
verschaffen ; auch kann einer von ihm in ' s Leben gerufe¬
nen Einrichtung , die meist armen Schüler mit Klei¬
dungsstücken zu versehen , eine dankende Erwähnung nicht
versagt werden ; wenn gleich bei der Vertheilung derselben
weder das größere Bedürfniß noch das größere Verdienst
jedesmal den Ausschlag geben sott . Einen Gegenstand
der Klage bildet jedoch der oft nachlässige Schulbesuch
der Knaben , und würde in der Aufrechthaltung desselben
der Rektor , wenn andere Mittel nicht ausreichen , von
der betreffenden Staatsbehörde gewiß unterstützt werden .
Zugleich müssen wir noch erwähnen , daß die allzulangen
Ostern - und Herbst - Ferien den Kindern , die zu Hause
meist aller Aussicht entbehren , ungemein nachtheilig sein
müssen . —
Alljährlich legt die ' Anstalt in einem dreitägigen
Examen öffentlich gleichsam Rechenschaft über ihre Lei¬
stungen ab . Es leuchtet wol Jedem ein , daß ein drei¬
tägiges Examen ein zu großes Zeitopfer vom Publikum
verlangt . Sollte nicht ein Tag für sammtliche Gegen¬
stände und höchstens noch ein halber für Deklamationen
rc . genügend sein ? Das Hebräische , das bisher einen
ganzen Tag für sich in Anspruch nimmt , kann sich ei '
nerseits oemungeachtet nicht in der ganzen Ausdehnung
des Geleisteten zeigen , andererseits aber würden , da das
größere Publikum ohnedies nur sehr wenig Theil daran
nimmt , die geistlichen Vorsteher der Gemeinde wol gern
erbötig sein , dann und wann die Klassen selbst zu be¬
suchen . Die Länge des Examens trägt nicht minder , als
der verdammungswürdige Jndifferentismus der Berliner