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hat noch Niemand dagegen zu zeugen gewagt, und sie
sind die Lehrworte der Kindheit und die Mahnworte des
Alters geworden.
Und werfen wir weiter einen Blick auf das Verhalt-
niß unter den Menschen. Im Alterthum, wie war Volk
von Volk getrennt, wie verachtete der Grieche alle Richt-
griechen und nannte sie Barbaren, wie verschmähete der
Römer alle anderen Völker, und rollte sie zu seinen Zü¬
tzen. Kein Bruderband schlang sich um alle Erdensöhne.
Aber von Israel ging die Verkündigung aus: Liebe Dei¬
nen Nächsten wie Dich selbst, von Israel drang die Lehre
durch: sind wir nicht alle Eines Vaters Kinder? Und
ob anch Zwietracht und Kampf noch in der Menschen¬
welt ist, die anerkannte Herrschaft haben sich doch diese
jüdischen Ideen errungen, und Niemand waget dagegen
zu zeugen.
Und ferner: Israel proklamirte zuerst die Gleichheit
der Menschen vor dem Gesetze nna npfi nna !rmn
nnn , die Gleichheit aller Menschen vor dem Ge¬
richte, und sie dringet jetzt erst durch; Israel war das
Volk, wo kein Adel der Geburt bestand, kein Vorrecht
den Priester schützte, sondern allein dem Verdienste ward
der Siegerkranz; Israel gab den ersten Anstoß zur Ab¬
schaffung der Sklaverei, und sie erwirbt sich jetzt erst den
Sieg; Israel stellte zuerst ein Fremden-, Armen-, Wai¬
sen- und Wittwenrecht auf, erkannte dem Bedürftigen
einen Antheil zu, und die Welt «ahm es an; Israel
hatte" zuerst ein Keuschheits- und Ehegesetz, und wies das
Verbrechen der Blutschande von sich, und die Völker ha¬
ben es angenommen.
So, m. Br., hat die ganze menschliche Gesellschaft
ihre Verfassung Israel und seinem heiligen Worte ent¬
lehnt, und Alles, was in der neuesten Zeit selbst nur
als Keime einer weit entfernten Zukunft erst verborgen
lieget, wie Gleichheit des Eigenthums, Aufhören des Schul-
deuwesens, Verhütung der Verarmung ff., das wurzelt
schon im Boden des heiligen Wortes.
Aber, von der andern Seite. Was, meine Br., ist
die Grundlage alles Gottesdienstes in allen Religio¬
nen geworden, wenn nicht jener Sabbat, den zuerst
unsre Vater dem Herrn geheiligt? Daß der Mensch zwar
zur Arbeit bestimmt ist, daß er aber nicht versinken soll
ganz und gar in die irdischen Bestrebungen, und daß
darum ein Tag der Woche den Arbeiten oer Welt ent¬
zogen und der Gottesverehrung und der geistigen Be¬
schauung gewidmet werden solle, und daß hierauf alle
Religion und ihr Bestand gcbauet ist: diese Idee, die die
Religion Israeli völlig durchdringt, sie ist übergegangen
in alle anderen Religionen und sie haben sie zu ihrem
Fundamente gemacht. Ob nun die Einen den Sonntag,
die Anderen den Freitag gewähtet, um sich von uns zu
unterscheiden, so haben sie doch das Knie gebeugt vorder
Lehre unserer Religion. Und wie dieser Sabbat, so
alle Feste des Herrn. Unser Peßach im Ostern, unser
Schebuoth im Pfingsten, aber welch' schwacher Nachhall
unseres Rosch haschanah, unseres Jom Kippur, unseres
Sukkoth ist das Neujahrs-Erntedank- und Bußfest?
Und ferner: die Lehre, daß Gott der unendliche Geist
nur im Geiste, unter keinem Bilde, in keinem Ab¬
zeichen anzubeten sei, diese Gruudlehre unsrer Religion,
sie hat sich die Herrschaft erworben über alle Welt; und
wenn ihr die Völker auch dem Scheine nach nur huldi¬
gen, wenn viele, ob sie die Wahrheit derselben anerken¬
nen, dennoch noch vielfach in das kindische Spiel mit
Bildern und Abzeichen als göttlich versunken sind, sie
müssen es doch eingestehen, daß es nicht also sein sollte,
und lassen es fahren immermehr.
Und gehen wir endlich zum Höchsten über, zur Er-
kenutniß des göttlichen Wesens, wie viel Sieg hat Israel
da schon erfochten, und wie breitet sich seine Herrschaft
immer mehr aus. Die Menschheit beugte sich vor einem
Haufen von Götterkräften, vor hölzernen, steinernen und
thierischen Götzen: Israel hat sie zertrümmert, sie schwan¬
den und schwinden immermehr von der Erde vor Jsrael's
Wort. Und wenn nun auch die Lehre des Einig-Einzi¬
gen noch nicht in ihrer ganzen Klarheit, in ihrer ganzen
Reinheit erkannt worden ist, wenn sie modifizirt, verän¬
dert, entstellt unter den Völkern weilet: so vielen Sieg
hat sie doch schon gewonnen, daß der weitere ihr sicher
ist, bis dereinst „einig der Name des Einigen ist aller
Orten." Und daß der Herr das Weltall ans dem Nichts
geschaffen, und daß der Mensch rein und schuldlos, aber
mit oer Befähigung zur Sünde aus Gottes Hand her¬
vorgegangen, und daß nun jeder Mensch sündig wird im
Leben, und der Gnade Gottes bedarf, aber daß eine Ver¬
söhnung des Menschen mit Gott und eine unmittelbare,
versöhnende Barmherzigkeit Gottes rst, und daß der Sohn
nicht für den Vater und der Vater nicht für den Sohn
einznstehen, sondern jeglicher das Heil für sich zu suchen
habe — alle diese Lehren Jsrael's, sie haben die Welt
überzogen, sie haben erst schwach, dann laut, dann im¬
mer lauter die Stimme erhoben, sie haben endlich die
Gegner zum Weichen und Schweigen gebracht, sie haben
gesiegt und werden siegen, bis dereinst der Sieg über