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Nr. 31.
Wien, I. August 1902.
6 Jahrgang
Die Angstmeier des Judentums.
Man würde in Verlegenheit geraten, wenn man
das, was jenseits der zionistischen Bewegung für das
jüdische Gemeinwohl vorgeschlagen und unternommen
wird, in einen angemessenen Sammelnamen zusammen¬
fassen wollte. Kann man von einer jüdischen
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VoMc s Fiittk: :^ im Ernst reden?
Dagegen möchten wohl diese selbst sich am heftigsten
verwahren, sie, denen schon die Benennung „jüdisches
Volk" auf die Nerven geht und die es vollends als —
unanständig empfinden, von einer- jüdischen Politik
zu sprechen. Ganz abgesehen davon, dass es ja an
und für sich der grimmigste Hohn wäre, dieses fahrige
und zerfahrene, plan- und systemlose Getue als Volks¬
politik hinzustellen.
Wenn man aber auch nicht leicht über die Wahl
einer entsprechenden Nominalbezeichnung schlüssig
werden dürfte, so kann es doch nicht schwer fallen,
die Tätigkeit der Assimilanten für die jüdische Ge¬
samtheit adverbial mit äusserster Genauigkeit zu be¬
stimmein.; Immer ängstlich — das ist der Wahlspruch
der anti- und azionistischen Taktik, das einzig Be¬
stimmte in ihren sonst unbestimmten Aktionen. Unsere
Wunden, aber auch unsere gesündesten Stellen dürfen
um alles in der Welt nicht blossgelegt werden —
wenn das die Antisemiten sähen! . . . Jüdisches Volks¬
tum? Um des Himmels willen: Hochwasser auf die
Mühle der Antisemiten! Eine jüdische Heimstätte?
Also sind die Juden vaterlandslos — werden die Anti¬
semiten sagen. Immer wieder die Antisemiten . . .
Der Jude darf sich weder zu seinem Nachteile noch
zu seinem Vorteile von den anderen unterscheiden,
nicht einmal mehr Geisteskranke darf es bei uns geben
als bei den Nichtjuden, sonst könnten die Judenfeinde
auch daraus verderbliche Schlüsse ziehen. Ergo verdammt
der „ Zentral verein deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens" die Bestrebungen zur Errichtung einer jüdischen
Nervenheilanstalt, mag hierfür ein noch so dringendes
Bedürfnis vorliegen. Ein anderes Beispiel: Wenn .es
gilt, verfolgten, aus der Heimat verdrängten rumänischen
Juden momentane Hilfe angedeihen zu lassen, dann schlägt
wohl auch dem assimilierten ungarischen Juden das
Herz in brüderlichem Mitgefühl und in — Todesangst.
Werden die Antisemiten nicht sagen, die Interessen
der ungarischen Juden erstrecken sich über die rot-
weiss-grünen Grenzpfähle hinaus?. Also .lasset uns
unser jüdisches Mitgefühl immerhin betätigen, aber
^hübsch diskret, mit Ausschluss der Oeffentlichkeit . . .
jEsJässt sich demnach ermessen, wie aufreizend
das erste Auftreten der Zionisten auf diese Angst¬
meier wirken musste.. Kamen da Leute herangestürmt,
die nicht die mindeste Rücksicht auf die Antisemiten
nahmen, die sich nicht scheuten, die friedlichen Aspira¬
tionen der jüdischen Nation in das volle Licht der
europäischen Oeffentlichkeit zu rüGken, die die Leiden
und Schäden der Judenheit vor aller Augen ent¬
hüllten. Nein — das war unerhört, das konnte man
sich nicht gefallen lassen. Es prasselte eine Flut von
Protesten hernieder, und die Erbitterung der assimila¬
torischen Angstmeier stieg aufs höchste. Das ist die
Psychologie des Protestrabbinismus und all der häss-
lichen Anfeindungen, denen unsere Bewegung in ihren
Anfängen begegnete.
Seither ist die Temperatur des Antizionismus
merklich gesunken. Es hat sich gezeigt, dass der Frei¬
mut und die Redlichkeit unserer Bestrebungen dem
Judentum durchaus nicht geschadet, ja sogar den Anti¬
semiten Achtung abgetrotzt haben. Gleichwohl würde
man irren, wenn man glaubte, die Leute, die uns be¬
kämpfen, hätten das Geringsste von ihrer würdelosen
Aengstlichkeit abgestreift. Immer wieder, wenn auf zioni¬
stischer Seite die wahre Lage des jüdischen Volkes
vor einer grösseren Oeffentlichkeit dargestellt wird,
geht ein ängstliches Rascheln durch den antizionisti¬
schen Blätterwald: Was doch nur die Antisemiten dazu
sagen werden!
Ein solches Geräusch hat auch die jüngste Aus¬
sage Dr. Herzls vor der englischen Fremden-Ein¬
wanderungskommission hervorgerufen. Verschiedene
deutsch-israelitische Assimilationsblätter druckten eine
„kritische Würdigung" der Aussage Dr. Herzls ab,
in der voll Entsetzen darauf hingewiesen wird, dass
das Kommissionsmitglied Major Gordon, der Führer
der fremdenfeindlichen Bewegung, versucht hat, „eine
Reihe von Bemerkungen Dr. Herzls für seine Zwecke
auszubeuten\ Gleich darauf wird allerdings zugegeben,,