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„m* & Welt*
Nr. 34
Korrespondenzen und Telegramme.
Die Juden in Russland.
Cherson. In der jüdischen Abteilung der Domänen¬
verwaltung in Cherson und Bessarabien werden gegen r
wärtig Vorbereitungen zur Qebergabe der jüdischen Kolonien
in den Gouvernements Cherson und Bessarabien an das
Ministerium des Innern getroffen. Die bisherige jüdische
Abteilung, welcher die Verwaltung der Kolonien oblag und
die auch einige jüdische Agronomen zu ihren Mitgliedern
zählt, wird gänzlich abgeschafft. Mit dem Uebergang der
jüdischen Kolonien an das Ministerium des Innern dürften
viele gemilderte Bestimmungen ihre Kraft verlieren, die das
Domänen-Ministerium zugunsten der jüdischen Kolonisten
eingeführt hatte.
*
Losowaja (Gouvernement Jekaterinoslaw). Infolge der
in Südrussland ausgebrochenen industriellen Krise sind
tausende von jüdischen Kohlenarbeitern im Donetz-Becken
brotlos geworden. Denn die Verwaltung der Donetz-Schächte
war die einzige, welche Juden als Steiger und Aufseher
beschäftigt hatte. Alle anderen Verwaltungen der Kohlen¬
gruben im Donetz-Becken nehmen als Arbeitsgeber Juden
nicht auf. Die Lage der arbeitslosen Juden gestaltet sich
aber noch dadurch sehr düster, weil sie als „Beschäftigungs¬
lose" in den Ortschaften des Donetz-Beckens sich nicht
mehr aufhalten dürfen.
*
Kiew. Wie die „Kiewskaja Gazeta* meldet, ist die Zahl
der in diesem Jahre in die Universität des heil. Wladimir
zu Kiew neueintretenden jüdischen Studenten auf 7 gegen
10 Perzent im Vorjahre reduziert worden. Unter diesen
7 Perzent befinden sich aber auch jene jüdischen Studenten,
welche infolge der Unruhen relegiert wurden, jetzt aber die
Erlaubnis erhalten hatten, in die Universität wieder ein¬
treten zu dürfen. Im Kiewer Polytechnikum sind von 400
Gesuchen jüdischer Reflektanten nur 30 berücksichtigt
worden.
.*
Warschau. Wie der halbamtliche „Warschawskij Dnew-
nik" meldet, haben sämtliche Spar- und Vorschussvereine
im Weichsel-Gebiete mit Zustimmung des Finanzministe¬
riums die Juden aus der Verwaltung derselben ausgeschlossen«
Zugleich erlaubt die obere Behörde des Gebietes den Juden
nicht, einen Spar- und Vorschuss verein zu gründen.
*
Kislowodsk (im Kaukasus). Wiewohl der Peters¬
burger Senat in seiner Entscheidung vom 30. März 1900
ausdrücklich erklärt hatte, dass die Frauen akademisch
gebildeter Juden alle Rechte gemessen, welche das Gesetz
ihren Ehemännern einräumt, werden Frauen dieser Kategorie
dennoch zum Aufenthalte im Innern Russlands ohne Bei¬
sein ihrer Männer nicht zugelassen. Im Kurorte Kislowodsk
wurde in diesem Sommer vielen Frauen jüdischer Aerzte
und Juristen der Kurgebrauch untersagt. Frau Dr. M.
erhielt auf ihre energischen Reklamationen die Erlaubnis,
in Kislowodsk als Gattin eines Arztes Handel zu treiben, aber
nicht die Kur gebrauchen zu dürfen . . .
*
Solotonoscha (Gouvernement Poltawa).Wie die „Nowosti"
melden, hat der neue Gouverneur von Poltawa, Fürst
Urussow, unlängst die jüdische Stadt Solotonoscha
besucht. Er wurde nach russischer Sitte mit Brot und Salz
empfangen und nach der Synagoge geleitet, wo er die Ver¬
treter der Kultusgemeinde ins Gespräch zog, um über die
Lage der Juden Näheres zu erfahren. Der Gouverneur war
von den Berichten über die erschreckende Armut der Juden
von Solotonoscha tief erschüttert. Besonders fiel ihm das
armselige jüdische Bethaus auf und er fragte nach der
Ursache dieser Erscheinung. Er erfuhr jedoch, dass die
Juden in Solotonoscha nicht einmal imstande sind, ihre
Familien zu ernähren. Fürst U r u s s o w wies den Juden
den Betrag von 1000 Rubeln an, um das Bethaus zu ver¬
schönern . . .
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Odessa. Der vom Odessaer Komitee der Gesellschaft
zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer in Syrien und
Palästina zur Besichtigung der jüdischen Kolonien in
Judäa und Galiläa entsendete Agronom J.Etting er ist
unlängst von seiner Inspektionsreise nach Odessa zurück¬
gekehrt. Er hat äusserst interessante Daten über das wirt¬
schaftliche, häusliche und geistige Leben der jüdischen
Kolonisten gesammelt, welche er in seinem Rechenschafts¬
berichte verarbeitet hat, den er demnächst dem Komitee
unterbreitet. Wir werden auf diesen Bericht noch zurück-
kommen»
#
Warschau. Vor kurzem starb in Warschau einer der
hervorragendsten Vertreter der hiesigen Judengemeinde,
J. Günzburg. Er war einer der ersten, welcher dem
Zionismus mit Leib und Seele ergeben war und alle Mittel
anwendete, um die jüdische Kolonisation in Palästina zu
fördern. Die ersten jüdischen Pionniere in Palästina erhielten
vom Verstorbenen grosse Geldsummen, die er teils selbst
opferte, teils unter seinen Bekannten sammelte. Er hat
auch die jüdische Volksküche in Warschau begründet und
den aus Moskau ausgewiesenen Juden Hilfe erwiesen.
Friede seiner Asche!
*
Wilna. (Die Polizei und die Arbeitslosig¬
keit.) Infolge der in Russland bestehenden ökonomischen
Krisjs und der daraus resultierenden Stockung auf dem
Gebiete der Bautätigkeit sind tausende von jüdischen
Zimmerleuten, Maurern, Tischlern, Schlossern und sonstigen
Bauhandwerkern seit Monaten ohne Beschäftigung und
sterben mit ihren Angehörigen buchstäb¬
lich vor Hunger. Hier aber waren die jüdischen
Arbeitslosen in solcher Verzweiflung, dass sich sogar
die Polizei veranlasst sah, sich für die Bauhandwerker
um Arbeit umzusehen. Die Polizei in W r ilna lässt
die Trottoirs ausbessern und befahl sämtlichen Haus¬
besitzern, ihre Häuser frisch zu streichen. Ausserdem hat
sie die jüdische Gemeinde alarmiert und ihr aufgegeben,
um jeden Preis für die Arbeitslosen zu sorgen. Die Ge¬
meinde hat nun die ganze Stadt in .17 Bezirke eingeteilt
und für jeden Bezirk eine Armenkpmmissioh eingesetzt.
Letztere verteilt nun unter den arbeitslosen Bauhand¬
werkern (die anderen Arbeitslosen bekommen
nichts!) 2 Pfund Brot per Kopf und Tag. Ausserdem
versucht ein speziell eingesetzter Ausschuss für Arbeits¬
nachweis den arbeitslosen Bauhandwerkern Beschäftigung
zuzuweisen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass
diese Bemühungen ziemlich fruchtlos sind. Jetzt
haben die unglücklichen Bauhandwerker zum Aeussersten
gegriffen: Sie wandern in grossen Scharen aus, und täglich
verlassen hunderte von zerlumpten jüdischen Handwerkern
Wilna, um nach Amerika, Australien und Südafrika zu
gehen.
Die „St. james Gazette" in London publizierte anlässlich
der Krönung des "Königs und der Königin eine eigene Festnummer,
zu der über Einladung der Redaktion die hervorragendsten eng¬
lischen Schriftsteller beigetragen haben. Israel Z..an jgwiÄli'l
schreibt nun: „Das Krönungs-Rituale in der Westminster-Abtei
ist eine Ueberraschung für mich. Obgleich ich weiss, dass jedes