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Nr. 41. Wien, 10. Oktober 1902 — 9. Tischri 5663. 6, lahrgang
Die Lehre aus Südafrika.
Die Nachricht, dass Lord Alfred Mi In er die
zionistische Zentrale in Südafrika als Repräsentanz der
dortigen Judenschaft anerkannt hat, indem ei der
Federaüon die Mitwirkung bei Ausfc^gung von Pässen
an Juden übertrug, hat in weiten Kreisen das berech¬
tigteste Aufsehen erregt. Während die Freunde des
Zionismus in der gemeldeten Tatsache einen natur-
gemässen und erfreulichen Fortschritt bei Beurteilung
der Judenfrage erblicken, hat die Mitteilung von der
Verfügung der südafrikanischen Verwaltung bei den
Gegnern des Zionismus natürlich ein Gefühl des Miss¬
behagens hervorgerufen. Und doch mussten selbst
Antizionisten die innere Berechtigung der Massregel
zugeben, indem sie ihr wenigstens für einen Teil der
Juden keine Einwendungen entgegensetzen. Es ist also
einleuchtend, dass der antizionistische Unmut nicht
gegen die Verfügung als solche gerichtet ist, welche
eine scheinbar schwierige Frage in einfacher Weise
regelt, sondern dass das missliebige Erstaunen unserer
fanatischen Gegner sich nur aus der Erkenntnis her¬
leitet, dass hier ein Schritt getan ist, der ihren mühsam
gestützten Theorien widerspricht und ihnen darum von
Herzen unsympathisch ist.
Jeder Mensch, der in das Gebiet Transvaals oder
des früheren Oranjestaates eintreten oder diese Terri¬
torien verlassen will, bedarf nach den Anordnungen der
südafrikanischen Behörden eines Passes. Der Pass ist für
Nicht-Engländer nur durch Vermittlung der betreffenden
Konsulate zu erlangen. Ja, da sitzt die Schwierigkeit:
der betreffenden Konsulate. Welches ist dieses
betreffende Konsulat für die nach tausenden zählenden
jüdischen Auswanderer, die aus Ländern kommen, in
welchen sie fast nie oder nur in beschränktem Masse
als Staatsbürger anerkannt wurden und welche den
Juden, die sich aus der unbarmherzigen Umklammerung
befreit haben, ihre Tore für immer versperren ? Sollten
die armen Leute, die nie die Wohltat eines Vater¬
landes verspürt, weil sie ans Ländern kommen, die von
Barbaren bewohnt und beherrscht sind, sollten sie für
immer schutzlos und ohne Repräsentanten bleiben?
Bietet da das Völkerrecht keine Lösung für diese
Frage ? Ja, und die englische Regierung, die Vertretung
des mächtigsten und politisch entwickeltsten Volkes
der Erde hat sie gefunden.
Das Völkerrecht hält es ebenso für möglich, dass
eine Person als -Mitglied zweier Staaten betrachtet
werde, wie es die Möglichkeit zugibt, dass jemand
ausserhalb jedes Staatsverhandes stehe. Tritt doch
manchmal der Fall- ein, dass ein Staat jemanden als
ausgetreten betrachtet, während noch kein anderer
Staat diesem Individium seine Staatsbürgerschaft zu¬
erkennt. Dieser Fall hat bis jetzt eigentlich bloss in der
Theorie eine grosse Bedeutung gewonnen, praktisch ist
er wohl selten als Massenerscheinung aufgetreten. Erst
die Judenfrage hat das Dilemma aus einem theoretischen
zu einem praktischen gemacht.
Wie ist nun eine solche Persona nullius civitatis
zu behandeln?
Wenn auch alle Kulturländer, also insbesondere
ganz Europa mit Ausnahme von Russland und Rumänien,
alle Einwohner in privatrechtlicher Beziehung im
Prinzipe gleich behandeln, in öffentlich-rechtlicher Be¬
ziehung wird — innerhalb gewisser Schranken — doch
ein Unterschied gemacht. Kommt jemandem also nicht
das Recht eines Inländers zu, wird insbesondere eine
Person nicht durch die Behörden des Inlandes ver¬
treten, so muss natürlich die Frage nach dem Re¬
präsentanten aufgeworfen werden. Wie also, wenn sich
kein Repräsentant findet oder der gefundene die Stell¬
vertretung verweigert?
Wohl gilt im Völkerrechte die Regel, dass —
innerhalb gewisser Grenzen — jeder Mensch nach den
Gesetzen seines Heimatllandes zu beurteilen ist. Wenn
aber dieses Heimatland ein Land ohne Recht und
Kultur ist ? Kann ein Staat, in dem der Grundsatz
herrscht, dass alle Menschen gleich sind, es dulden,
dass die Barbarei eines Staates, der einer Gruppe von
Menschen die gleiche Rechtsfähigkeit abspricht, sich
auf sein Territorium erstreckt ? Gilt da der vage
völkerrechtliche Grundsatz mehr als die Kultur? Der
grosse russische Völkerrechtslehrer Martens sagt
wörtlich: „Die eigentümlichen sozialen und staatlichen
Zustände, in denen sowohl die mohammedanischen
Völkerschaften als auch die heidnischen und wilden
Stämme leben, gewähren absolut keine Möglichkeit,
bei dem Verkehre mit diesen unkultivierten oder halb-