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Nr. 42.
Wien, 20. Oktober 1905. — 21. Tischr: 5666
9, Jahrgang.
Ein toter Götze.
Die orthodoxen Prediger der aileinseeligmachenden
internationalen Sozialdemokratie haben von altersher die
Zionisten in ihr Herz geschlossen, wo es am wütendsten
war. Da uns das rote Tuch nicht reizte, so wurden sämt¬
liche Flüche der Bibel, auf welche sich die meisten sozial¬
demokratischen Redakteure meist sehr gut verstehen, auf
unser sündiges Haupt herabgeschleudert und die rohesten
Sprachausdrücke erfüllten ihren Daseinszweck, indem sie
zur Bezeichnung unserer „verbohrten" nationalen Sonderbe¬
strebungen in Anspruch, genommen wurden. In dieser Be¬
ziehung blieben religiöse und antireligiöse Tempel- und
Parteipäpste einander und uns gleich. Wir gingen über ihr
Geschrei zur Tagesordnung über.
Inzwischen ist noch jemand über die internationale
.Orthodoxie ,zur Tagesordnung übergegangen, und das sind
die — Sozialdemokraten. Die grosse Ziegelei, in welcher die
jüdischen Former die Gehirne der Parteigenossen in der
ganzen Welt nach einer und derselben Form pressen wollen,
ist bankrott geworden, weil ihr das Material ausgegangen
ist. Die verbohrten nationalen Sonderbestrebungen sind
auf der ganzen Linie der Sozialdemokratie in die Höhe ge¬
schossen. Zwischen der deutschen und polnischen Sozial¬
demokratie klafft ein unüberbrückbarer Riss; die französi¬
schen Regierungssozialisten werden von der Wiener „Arbei¬
ter-Zeitung" abgekanzelt. Der ganze rote Kontinent ist ent¬
rüstet über die englischen Gewerkschaften, weil sie rein
wirtschaftliche Verbände bilden. Danri Einzelfälle der Ver¬
bohrtheit : Bebel spricht von der Bereitwilligkeit der deut¬
schen Arbeiter, in einem Kriege Deutschlands gegen Frank¬
reich, mitzutnn; der österreichische Pole Daszynski findet
im Parlament die'schmetterndsten Trompetentöne für seinen
polnischen Patriotismus. Pernerstorfer weist jede Verdäch¬
tigung seines Deutschturas entrüstet zurück.
Ja, Bauer, das ist was anderes! Das sind Christen
und sie dürfen die Wahrheit reden und das Natürliche zu¬
geben, ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren, wie
.die parteigenössisdien Juden, die den Kopf'unters Tauf¬
becken stecken, um den Ruf nicht zu hören: Jeder zu sei¬
nem Stajnme ! Denn sie wissen sehr gut, dass vom Natio¬
nalismus zum Antisemitismus nur ein Schritt ist" und auch
zu diesem hat das Proletariat den Fuss bereits erhoben.
Es ist die Frage, ob die jüdischen Sozialisten dasselbe tun
wollen wie seinerzeit die Liberalen und warten werden, bis
auf diesen Schritt ein Tritt folgt.
Das eine liegt doch klar, dass sie niemals mehr im¬
stande sein werden, den internationalen Brei herzustellen,
in dem sie so behaglich versehwinden. Zwei Tatsachen der
letzten Zeit haben ihnen ein dringendes Mene Tekel ge¬
schrieben. In Budapest, wo die Wogen des ungarischen
nationalen Kampfes am höchsten gehen, hat. ein Massen¬
übertritt von internationalen Sozialdemokraten zur natio¬
nalen sozialistischen Partei stattgefunden; und im vielum¬
strittenen Prag, wo eine imposante Demonstration für das
allgemeine Wahlrecht stattfand, haben der Führer der
tschechischen und der Führer der deutschen Sozialdemo¬
kratie gesprochen. Das heisst doch klar, dass in keinem
Volke die Arbeiter willens sind, aus der natürlichen, natio¬
nalen Kulturgemeinschaft zu Zeiten der Not auszutreten
und dass sie den richtigen und ursprünglichen Sinn des
internationalen Gedankens erfasst haben, ihren. Einfluss
auf den Fortschritt der Menschlichkeit im eigenen Volke zu
richten, damit blühende Nationen in einem festen Gebäude
des Weltfriedens die Güter ihrer eigenartigen Kultur und
Zivilisation miteinander tauschen können.
Jeder andere Begriff der internationalen Verbrüde¬
rung ist ein jämmerlicher Popanz, der auf Füssen aus Zei-
tungspapier steht, ein altes Götzenbild, dem die Scharen
seiner früheren Anhänger längst schon den Rücken gekehrt
haben. Nur die Juden liegen noch andächtig davor auf den
Knien und die jüdischen Vorbeter werden umso fanatischer,
je einsamer sie sich fühlen. Leider wollen sie nicht ihren
natürlichen Platz einnehmen und ihrem, dem jüdischen
Volke, helfen, im internationalen Bund der Nationen den
würdigen Platz einzunehmen. Wir Zionisten tun das, wir
waren also die Vorläufer des Sozialismus wie er heute ist
und nicht die verschrienen Reaktionäre. Wir haben schon
in "unser Erstlingsprogramm jene nationalsozialen Grund¬
sätze aufgenommen, die heute das Ende jener sozialistischen
Entwicklung geworden ist, deren jüdische Wortführer
früher gegen uns so grossgetan haben.
Wo lag denn der wahre Grund ihrer Feindseligkeit?
Gewiss nicht in der Wahrheit. Eine unterdrückte Minorität
ging daran, sich eine Wohnstätte zu schaffen, ein Begin¬
nen, das vom zugehörigen Proletariat als Lebensnotwendig-
i