DIE
BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG
ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG
XVI. JAHRG.
BERLIN, 12. April 1912 Ur\)h& y'Dnn 'K ]DV n"3
Nr. 15.
DIE ENTWICKLUNG ZUR EINHEIT
In der jüdischen Presse Rußlands finden sich seit
längerer Zeit ständige Nachrichten über das Anwachsen
der Assimilations- und Taufbewegung.
Diese Zeitersc'heinung hat ihre äußerliche Erklärung
in der unsäglich elenden Lage der russischen Judenheit,
und so klingt denn zuweilen ein Ton schmerzlichen Be-
greifens durch die zahlreichen Protestkundgebungen, die
sich gegen die Taufseuche richten.
Mit dem Hinweis auf die äußeren Verhältnisse, die
eine stets wachsende Zahl junger Menschen zum Ab¬
fall drängen, ist jedoc'h die Frage für uns nicht erledigt.
Mehr als der äußere Anlaß bedeuten uns die inneren
Gründe, und da erkennen wir, daß diese Abfallsbewegung
trotz ihres zahlenmäßigen Umfangs historisch betrachtet
keine eigentliche Gefahr für den Bestand des Judentums,
bedeutet.
Die Assimilationsbestrebungen sind ja auch unter den
östlichen Juden nicht von heute und gestern. In den
vorwiegend polnischen Provinzen ist die Assimilation der
durch Besitz oder Bildung ausgezeichneten oberen Klassen
seit Jahrzehnten in vollem Gange und in den russischen
Gegenden unterscheidet sich die Denkart der außerhalb
des Ansiedlungsrayons zugelassenen bevorzugten jü¬
dischen Schicht kaum von der Denkweise westeuro¬
päischer Assimilanten.
Die „Masse" freilich blieb jüdisch — aber wenn die
intellektuelle Oberschicht zur Assimilation neigte, so
mußte sich diese Tendenz allmählich auch auf die unteren
Schichten übertragen. Denn es kommt für die Ent¬
wicklung einer Volksmasse nicht so sehr auf den augen¬
blicklichen Zustand dieser Masse selbst an der oft
nur ein dumpfes Verharren im Hergebrachten bedeutet
als vielmehr auf die Tendenzen der führenden oder
als führend geltenden Oberschicht, deren Geistesrichtung
den unteren Klassen als Vorbild erscheint. In der Tat
wurde die assimilatorische Tendenz in Osteuropa nicht
nur durch die schlechte äußere Lage der Juden, sondern
vor allem durch die Ideologie der Gebildeten gefördert.
Alle Leiden der Gegenwart sollten durch den Sieg frei¬
heitlicher Gedanken überwunden werden. Die Revolution
sollte die Fesseln sprengen, die alle Völker des russischen
Reiches zu Boden drückten und so strömte die edelste
Jugend — jüdischer und christlicher Herkunft — dem
revolutionären Heerlager zu.
Die Erlöserstimmung, die schon seit vielen Jahren
über allem Reden, Denken, Schreiben der Intellektuellen
Rußlands lag, zog auch viele Juden in ihren Bann.
Dadurch wurde die Assimilation ----- ähnlich wie im
Deutschland des vorigen Jahrhunderts —- veredelt. Sie
bedeutete nicht Verrat am Eigenen, sondern Hingabe an
das Allgemeine, nicht Eintausch schnöden Gewinns, son¬
dern Aufopferung im Dienste einer heiligen Sache, nicht
würdeloses Untertauchen, sondern brüderliche Ver¬
einigung mit allen Kämpfern für Recht und Freiheit.
Das war der Grund, weshalb vielen Juden Rußlands der
Zionismus als rückständig erschien und in der gebildeten
Jugend verhältnismäßig wenig Boden fand.
Heute stehen wir vor einer neuen Situation. Die
russische Revolutionsbewegung ist nicht tot, aber sie
hat andere Formen angenommen.
Die heroische Stimmung ist dahin, die fortschrittlich
gesinnten Elemente haben sich vorläufig unter die Faust
der Bürokratie gedruckt. Sie erhoffen alles weitere von
der „allmählichen Entwicklung", und damit sind die Ge¬
danken der Jugend aus der Richtung gelenkt, die sie
viele Jahre hindurch magnetisch anzog.
Hier blüht eine Hoffnung. Es wäre selt¬
sam, wenn jetzt, nach der allgemeinen Ernüchte¬
rung und unter dem unerträglichen Druck der
Judengesetzgebung, nicht das zionistische Ideal mit
Macht die Herzen ergreifen und der verzweifelnden Ju¬
gend zum Trost werden sollte. In der Tat wächst in
Rußland eine neue jüdische Generation heran, die sich
aus den Wirren der Zeit zu ihrem Volke heimgefunden
hat. Die Konferenz der Chowewe-Zion in Odessa hat
- so versichern viele ihrer Teilnehmer dieses junge
Geschlecht ans Licht gebracht
Die Assimilationsbewegung wird nicht mehr vom
Feuer der Idee belebt, sie ist jetzt Flucht, Abfall, Schwäche
— wie in Westeuropa. Wie hier ist sie zum Geschäft,
zum Ausweg aus einer Notlage geworden, aber sie hat
nicht mehr die herzenbezwingende Kraft des Ideals. Des¬
halb brauchen wir die Tauf- und Abfalltendenzen — ob¬
wohl wir sie bekämpfen müssen — nicht allzusehr zu
fürchten. Hier wie dort vollzieht sich der Prozeß der
Auslese, hier wie dort wird die Assimilation zahlreiche
Opfer fordern — sie wird aber nirgends mehr als Inbegriff
des Fortschritts erscheinen. Wo die Juden zu einer ge-