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DIE^ELT
schränkter Zeit, sich bescheiden. Wenn Völker nicht ewig
sind, so dürfen sie doch glauben, es sein zu können, und
alle Bescheidung ist für sie nur Aufschub. Sie kennen nicht,
wie der einzelne jene Notwendigkeit des Todes, die P r diesen
aus seiner Zugehörigkeit zu einer zeitlichen Reihe folgt, als
deren Glied er entsteht und auch vergehen muß. Wenn auch
alle Völker zugrunde gehen müssen, so hat diese Notwendig¬
keit einen anderen Sinn und andere Gründe. Das Ziel ist un¬
endlich, und vor ihm sind auch größte Möglichkeiten not¬
wendig begrenzt. Ist die Möglichkeit erfüllt, so ist kein Ziel
erreicht und doch versiegt der Quell. Dann bestehen die
Völker wohl noch fort, bis sie zerfallen oder aufgesogen wer¬
den von anderen, und in dem Zerfallenden neue Ansätze sich
Der Idee nach aber will jedes Volk wachsen, sich
ausdehrien, herrschen und unterwerfen ohne Ende, will immer
fester sich zusammenfügen, bis das All unter seiner Herr¬
schaft ein Organisches geworden. Für jeden einzelnen ist
sein Volk ein Weg zu Gott als zum All, den er, der zeitlich
beschränkte, nicht zu Ende gehen kann, der einzig richtige,
der allein wahre Weg — und wenn die Völker aufhören,
an sich als an diesen einzig wahren Weg zu glauben, so
beginnen sie aufzuhören, Völker zu sein.
Aber auch die Völker können den Weg nicht zu Ende
gehen, das All als die Endlichkeit des Unendlichen ist nur
Richtung, nicht Sein, und in dieser Quelle aller Tragik ent¬
springt auch di« Tragik im Leben der Völker, ihr ewiges Mühen
und nie restloses Erreichen.
DER AUGENBUCK
Wir durchleben gegenwärtig den wichtigsten, den
fruchtbarsten Augenblick der modernen jüdischen Be¬
wegung. Nicht als wir einst, glühend vor unbändigem
Verlangen, uns zu bekennen, in die träge Welt hinaus¬
riefen, daß wir sind; nicht als wir später traumselig dem
Wunder einer Befreiung zwischen Abend und Morgen
entgegenharrten und den Schritt der Weltgeschichte vor
unseren Fenstern zu hören wähnten; und nicht als wir, ,
gereift und gesichert in unserer Anschauung, uns klaren
Blickes und gefaßten Herzens über die Aufgaben von
Generationen besprachen und den Grundriß der Arbeit
entwarfen; sondern jetzt ist der mächtigste Augenblick —
jetzt, da nicht von uns an das Leben, da von dem Leben
an uns die Forderung ergeht. Die Forderung, der stand¬
zuhalten wir alle Kraft der Auflehnung und des Opfers :
aus unseren Seelen holen und hingeben müssen.
Wie groß ist die Gewalt und Herrlichkeit des Augen¬
blicks! Gestern noch gingen wir in lässigem Schritt,
gestern noch beschjeden wir unser Gewissen: „Die Zeit
ist nicht reif", „nur keine Willkür — nur nicht das
Tempo überstürzen", „ein wenig hier, ein wenig dort,
und es wird geraten“ — da wird von ungetreuer, von
läppisch ungetreuer Hand das lebendige v Werk gefährdet,
Zweckdienst und Selbstsucht bedrohen das heilige Herz,
und aufgestört aus unserer Ruhe, emporgerüttelt aus
unserer Ueberlegenheit stehen wir vor dem heischenden
Augenblick, alle weisen Regeln entstürzen unseren Hän¬
den, und siehe, die Zeit ist reif geworden, weil wir
nunmehr nicht länger auf ihr Reifen warten dürfen. Eben
noch versicherten wir „Wir haben noch nicht die Kraft"
— nun fordert sie der Augenblick von uns, und wir haben
sie, weil wir sie haben sollen.
Man mag es bedauern, daß uns die Pflicht, das
palästinensische Erziehungswerk unverzüglich in unsere
Hände zu nehmen, nicht von unserem Plan und dem
Gang unserer Unternehmungen, sondern von einem un¬
vorhergesehenen, vielleicht unvorhersehbaren Verhalten
der — anderen diktiert worden ist. Aber unendlich stärker
ist das Gefühl in uns, daß eben dies der Weg des Lebens
ist. Unser Denken steckt die Wegzeichen ab, mißt die
Entfernungen, berechnet die Mittel; aber dann kommt
wie ein Sturmwind der Augenblick, überrennt unsere
Maße und unsere Aufstellungen', zwingt uns größer zu
bauen, weitsichtiger zu rechnen; und wir sind nicht
entmutigt, nein, angefeuert und beglückt: weil er unser
Aeußerstes von uns fordert.
Diese Forderung hat ein doppeltes Angesicht: sie
meint Verbundenheit und Kampf. Daß wir mit der Ver¬
bundenheit und mit dem Kampfe Emst machen. Daß wir
in der Verbundenheit und im Kampf unser Aeußerstes
hergeben: an tätiger Liebe und an Angriffsmut.
Uns ist vielfältiger Kampf auf erlegt, uns ist vielfältige
Verbundenheit gewährt; aber wir wissen, daß es für uns
über allem Streiten einen großen Krieg und über allen
Gemeinsamkeiten einen großen Bund gibt: den Krieg
gegen das Geschlecht des Scheins und der Geschicklich¬
keit, das sich die Herrschaft anmaßt; den Bund mit dem
Geschlecht der Echtheit und der Entscheidung, das sich
ein freies, unmittelbares und vollständiges Menschenleben
aus der Erde des alten Landes ergräbt. Beiden, diesem
Bund und diesem Kampf, bringt der Augenblick, in dem
wir stehen, die Weihe der Kraft.
Man hat uns von „alljüdischer" Seite vorgeworfen,
daß wir uns um den palästinensischen Jischub mehr
kümmern als um die „Positionen des Golus". Ja, das
ist so: man mag seine Geschwister noch so sehr lieben,
es gibt eine Sorge, die unvergleichlich ist — die Sorge um
sein Kind; und der Jischub ist unser Kind. Aber ich
meine, daß wir uns um ihn nicht zu viel, sondern zu
wenig kümmern. Nichts fördert einen Menschen so stark
wie ein Kind haben und das Rechte für es tun. Unser
Werk trägt uns empor. Aber wir stehen noch zum
jungen Jischub nicht lebendig so, wie man zu seinem
Kind, zu seinem Werk stehen soll. Wir sind mit ihm noch
nicht wahrhaft verbunden. Wir wissen noch zu wenig
von seinem Leben und wir tun noch zu wenig für sein
Dieser Augenblick bedeutet Größeres als irgend ein
früherer für die Herstellung einer wahrhaften Verbunden¬
heit zwischen uns und dem Jischub. Wir haben ihn
oftmals angeregt, beraten, unterstützt. Aber wir haben
uns nie so völlig mit seiner Sache identifiziert, wie wir
es jetzt tun müssen und tun wollen. Wir müssen und
wollen zu ihnen, die unser Kind sind (wie wunderlich,
daß ich an sie, unter denen viele viel älter sind als ich, wie
an lauter junge Leute denke), sprechen: „Nicht m i t euch
leiden wir, wir leiden euer Leid. Eure Wunde ist unsere
Wunde und eure Empörung unsere Empörung. Ihr
braucht uns euren Willen nicht mitzuteilen ; er ist zur
selben Stunde in uns erwacht. Ihr braucht unsere Hilfe
nicht anzurufen; die Fülle unserer Kraft ist euer. Denkt
nicht, daß wir fern seien: fühlt doch, unsere Hand ruht in
eurer, und wenn ihr lauschet, werdet ihr mitten in diesem
Getümmel eurem Herzen den gleichen Schlag des unsern
antworten hören. Nein, nicht helfen wollen wir euch,
wir wollen, ob auch noch durch Raum und Schicksal
gesondert, .gemeinsam mit euch leben, gemeinsam mit
euch streiten und bauen.“
Das heißt mit der Verbundenheit Ernst machen.
Und der Kampf?
Aller rechtschaffene Kampf ist ein köstliches Ding
und eine Erhebung der Seele; wie erst der des Ganzen,
der gegen die Halben streitet! Solcher Art ist der unsere.
Es ist ein Kampf nicht zwischen Parteien und nicht
zwischen Meinungen; es ist der uralte Kampf zwischen
zweierlei Menschen. Die einen streben danach, sich zu