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Nr. 1
Wien, 5. Jänner 1900.
4. Jahrgang
Unterwegs.
H. Wenn ick nicht irre, ist unser Werk ein
merkwürdiges. \V;'ren die Professoren der Universität
nicht, so schrecklich zerstreute Menschen, die ihren
Regenschirm imner irgendwo im Alterthum stehen
lassen, sie müsstan uns eigentlich zuschauen, ob wir
klug oder thöricht schaffen. Seihst unsere Fehler könnten
manche Lehre ergeben. Aber die Herren Professoren,
die das Werdende nie verstehen, kommen erst später:
nachher freilich wissen sie alles besser a's wir, und sie
erklären uns das Gewordene.
Von solchen Bewegungen, wie unsere zionistische,
wird darum dm späteren Generationen keine genaue
Vorstellung vorbereitet Diejenigen, die kühl und „ wissen¬
schaftlich u gering sein könnten, um ruhig zu beobachten,
bemerken die längste Zeit überhaupt gar nicht, dass
da etwas Wichtiges vorgeht Die Agierenden wieder
stehen zu sehr mitten drin, um bei allem Wabt'heits-
bestreben, das sie erfüllen mag, verlässliche Angaben
machen zu körnen.
Wir werden eines Tages am Ziele sein — wir
hoffen es mit aller Kraft, unserer Seele — und dann
werden vielleicht alle Stationen, die Zwischenfälle der
Fahrt, alle Erwartungen und Besorgnisse, die jabrelang
unser Leben ausfüllten, mit einem Schlage vergessen
sein. In der. neuen enormen Aufgaben, die uns dort
erst erwachsen und viel Kraft und Muth erfordern
werden, wird vielleicht auch gar nicht mehr die Müsse
zu finden sein, um auf die vorigen Begebenheiten zurück¬
zublicken.
Jetzt aber sind wir noch unterwegs, und obwohl
wir ohne Rast weitereilen, gibt es doch Augenblicke
der Reflexion über Vergangenes und Künftiges, und
vor allem über die Gefilde, die an unseren Augen
vorbeiziehen. Es ist vergleichbar der Stimmung, die
man im Eisenbahnzuge hat. Freilich fahren wir nicht
auf vorbereiteten Geleisen, unser Weg ist nicht gebahnt
So sollten wir uns denn der Richtigkeit wegen lieber
des bejahrteren, aber noch immer brauchbaren Gleich¬
nisses vorn Schiffe bedienen.
Ja, es ist uns, als ob wir uns auf einem Schiffe
befänden und wir steuerten hinaus nach dem altneuen
Lande. Zeiten gibt es auf der Seefahrt, wo man rings¬
um nur Wasser und Himmel sieht. Wer die Zeichen
der Schiffer nicht kennt, der kann da glauben, man
käme überhaupt nicht vorwärts. Aber der Seemann
braucht nur einen Blick auf das Logglas zu werfen,
und er weiss nicht nur, dass das Schill' fährt, sonnern
auch, wieviel Knoten die Geschwindigkeit beträgt l'ud
wenn der Mann am Steuer nicht schläft, und wenn ei¬
serne Himmelsrichtung kennt so muss die Küste einmal
aus den Wellen steigen.
Indem ich dies schreibe, taucht die Erinnerung an
wirkliche, nicht allegorische Seefahrten auf, che ich
gemacht habe. Es waren darunter auch solche im
Mittelländischen Meere, dem schönsten, das ich kenne.
Es hat liebliche und wundervolle Ufer. Jeder Hafen ist
eine Pracht, alles glänzt malerisch im Sonnenscheine,
und selbst die Aermsten sehen nicht unglücklich aus,
weil die Natur, die sie umgibt so reich ist. Ich denke
an Italien, dessen südlichsten und herrlichsten Küsten
"a auch das Gestade von Palästina ähnelt.
An Italien zieht der Westeuropäer vorüber, wenn
er nach dem Morgenlande fährt Wenigstens jetzt
geschieht es noch s<», da die Bagdadbahn erst im
Werden ist. In einigen Jahren wird Mesopotamien -
das schöne, fruchtbare Hinterland Palästinas, die eigent¬
liche Urheimat der -luden, das Land zwischen Tigris
und Euphrat, in dem Abraham zuhause war — in
einigen Jahren also wird Mesopotamien durch die
Bagdadbahn dein modernen Weltverkehr eröffnet sein.
Bis dieser Landweg fertig ist, können die West¬
europäer nur zur See nach dem Morgenlande reisen.
Wer zum Beispiel von England nach Aegypten oder
Palästina, nach Indien oder China will, der besteigt iu
Southampton das Schiff, fährt um Frankreich, Spannt
Portugal herum, bis er durch die Strasse von Gibra , '- iJ "
ins Mittelländische Meer kommt Nun gibt e- aD f r
Leute, die das Schiff nach dem Oriente nicht s^ 1011 m
Southampton nehmen, sondern erst in einen' anderen
Hafen einsteigen. Es kann dafür verschiedene Gründe
geben. Die einen vertragen eine lange Speise nicht;
sie fürchten sich vor dem Rollen und S'ampfen eines
Schiffes auf offenem Meere: sie sind dt** Ansicht, dass
das Wasser keine Balken habe: werden leicht
seekrank. Die zweiten wären wohl seetüchtig, aber das
Schiff oder dessen Führer kommen ihnen nicht recht