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„Die <s Welt**
Nr. 26
damit dieser es selbst dem Zugsführer übergebe und ver¬
anlassen möge, dass an die Staatspolizei in Budapest auf
seine Spesen depeschiert werde, man solle die Leute
.nicht aussteigen lassen. Es half jedoch alles nichts. Auf
den Lärm kam ein Bahnrevisor, der zufällig hier weilte,
und sagte, dass die Leute nicht fahren können, da sie als
Passagiere und nicht als Arbeiter betrachtet werden und
ganze Fahrkarten haben müssen. Herr Prerau und Herr
Kugler wollten die Differenz für die Fahrkarten deponieren,
doch acceptierte man dies nicht, und die Leute wurden aus
dem Wagen geholt und mussten wieder in die Stadt zurück.
Grenzcommissär Pattera, der sich in überaus schroffer
Weise benahm, wollte sodann die Leute nach Rumänien
zurückschicken, was jedoch durch die Intervention des
Oberstuhlrichters, der darauf hinwies, dass die Leute Fahr¬
karten und Geld haben, verhindert wurde. Freitag morgens
fuhren die Emigranten mittelst Schiff direct nach Wien.
Die österr.-ungar Gesandtschaft in Bukarest hat
die rumänische Begierung ofßciell in Kenntnis gesetzt, dass
die österreichisch-ungarischen Grenzbehörden alle Aus¬
wanderer, die nicht directe Fahrkarten bis Hamburg, London
oder Paris besitzen, unter Escorte zurückschicken werden.
Alle diejenigen, die Pässe mit dem Rückfahrtsrechte für
Wien, Budapest oder eine andere Stadt der Monarchie be-
besitzen, werden unter Polizei-Aufsicht ge¬
stellt un d nach Rumänien abges ch o b en, w en y n
sie Unterstützungenverlangen. Daraufhin hat der
Polizeipräfect folgende Verfügungen getroffen: Aus-
wanderungspässe werden nur solchen Personen ausgefolgt,
die sich ausweisen, dass sie Fahrkarten bis Hamburg,
London oder Paris besitzen. Rückfahrtspässe werden nur
solchen Auswanderern ausgefolgt, die nachweisen können,
dass sie wenigstens 100 Lei besitzen.
Die Berlader Fusswanderer-Gruppe, über die wir in
früheren Nummern berichtet haben, befindet sich bereits auf
hoher See. Sie wurde in Hamburg von Vertretern der Ica
empfangen und auf Kosten dieser Gesellschaft nach Canada
befördert. Die Vertrauensmänner der Ica händigten einem
jeden von ihnen Schiffskarten und 25 Dollars in barem
Gelde aus. In Canada wird die Ica ihnen Ackerboden zur
Bearbeitung anweisen.
Die Schriftsteller Dr. Zurescu in Bukarest,
L. Rokeach und stud. jur. Priptu in Jassy wurden
ausgewiesen, weil sie in Flugschriften den lügenhaften Be¬
hauptungen der rumänischen Presse, als sei die ökonomische
Krisis allein die Ursache der Judenauswanderungen, mann¬
haft entgegengetreten sind.
Kundmachung des Jewish Colonial Trust
(Jüdische Golonialbank)
Limited.
London, den 10. April 1900.
BEKANNTMACHUNG.
Im Auftrage desDirectoriums wird hierdurch bekannt¬
gemacht, dass vom 20. Mai a. c. ab für NEU hinzutretende
Subscribenten folgende Zahlungsbedingungen. in Kraft
treten:
Entweder a) 20% bei der Zeichnung und der Rest
sofort beim Empfange der Mittheilung seitens der Direc-
toren, dass der Subscribent in das Actien-Register ein¬
getragen wird, woraufhin der Actionär seine definitive
Actie circa 14 Tage nach Avis der Zahlung der rest¬
lichen 80% bei einer der autorisierten Zahlstellen
empfangen wird,
oder b) Vollzahlung des Betrages bei der Zeichnung
und Entgegennahme der definitiven Actie ebenfalls circa
14 Tage nach Avis der Vollzahlung.
Es wird eindringlich daran erinnert, dass etwaige
Wünsche betreffs Namens- oder Inhaber-Actien bei der
Subscription anzugeben sind.
James H. Loewe, General-Secretär.
Tribüne.
Paris, den 21. Juni 1900.
Hochgeehrte Redaction!
Auf den von mir in der vorletzten Nummer der
„Welt* veröffentlichten Brief betreffs der Studenten-
Congresse sind mir zahlreiche Anfragen von den jüdi¬
schen Studenten-Vereinen Deutschlands zugekommen.
Ich ersuche Sie daher gefälligst, folgende Kundmachung
in Ihr hochgeschätztes Blatt aufnehmen zu wollen.
Am 21. d. M. veröffentlichte die „Aurore" eine Unter¬
redung, die einer ihrer Redacteure mit dem Secretär
des Congresses „La Jeunesse" gehabt. Die Unterredung
machte in der „Aurore" den besten Eindruck. Ich begab
mich daher zu dem Secretär Herrn Montfort, Re-
dacteur der „Revue Naturiste", der mich sehr liebens¬
würdig empfieng. Auf meine Frage, ob die Judenfrage
auf diesem Congresse zur Sprache gebracht werden
könnte, erwiderte er: „Sie meinen wohl den Zionis¬
mus ? * Wir sind sehr gerne bereit, eine Discussion
darüber zu eröffnen. Der Zionismus interessiert uns
aufs höchste. Nur möchten wir, dass uns ein gewissen¬
hafter Bericht über den Zionismus ertheilt werde."
Darauf zeigte er mir eine Copie des Programmes, das
noch unter Druck ist Die Mitglieder des Comites sind
hervorragende Schriftsteller. Einige Nationalisten und
Antisemiten sind auch in dem Gomite, die Mehrzahl
aber besteht aus Republikanern. — Hier einiges aus
dem Programm: 1. Jeder Studenten-Verein hat das
Recht, zwei Delegierte abzusenden. 2. Beitrag 5 Francs.
3. Die Anmeldung muss vor dem 5. August erfolgen.
4. Am 1. September wird die erste Sitzung des Gon¬
gresses stattfinden.
Nähere Auskünfte ertheilt Herr Eugene Mont¬
fort, secretaire general du congres de la Jeunesse,
22, nie Theodore de Banvüle.
Mit vorzüglichem Zionsgrusse
B. S i e w, 38, nie Lebrun.
* * *
An die verehrten Glaubensgenossen und Zionsfreunde!
Durch die Reformen, welche die Ica in den von ihr
übernommenen, ehemals Rothschild'schen Colonien in¬
auguriert hat, ist ein grosser Theil der landwirtschaft¬
lichen und sonstigen Arbeiter dieser Colonien brotlos
geworden. Demzufolge entstand in den Kreisen dieser
Arbeiterschaft eine bedauerliche Auswanderungs - Be¬
wegung. In der That, es ist tiefbetrübend, dass jüdische
Arbeiter, die sich in Palästina bereits acclimatisiert
haben und in hohem Grade geeignet sind, bei dem
künftigen grossen nationalen Colonisierungswerke wert¬
volle Pionnierdienste zu leisten, durch die Ungunst der
Verhältnisse gezwungen sind, den Gedanken an eine
Trennung vom geliebten Väterboden ernstlich in Er¬
wägung zu ziehen. So weit hätte es niemals kommen
dürfen. Erfreulicherweise ist die Anhänglichkeit des
grössten Theiles der in den Colonien beschäftigt ge¬
wesenen Arbeiter und Handwerker an die jüdische
Scholle so gross und treu, dass diese Arbeiter eine