DIE
BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG
ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG
XVII. JAHRS.
WIEN, 3. September 1913 — VlVlS V11!1 £*N“ .KJifl
Kongreß-Ausgabe I.
Der erste Kongreßtag
In der Nähe jenes wundersamen Parks von Schön¬
brunn, der unseren Theodor Herzl zu einem seiner feinsten
und stimmungsreichsten Feuilletons anregte, wurde gestern
abends in der Katharinenhalle der XI. Kongreß eröffnet.
Hunderte von Menschen bildeten in der Schönbrunner
Straße längs des nicht eben breiten Fahrsteiges Spalier,
um die lange, lange Reihe der Wagen und Autos passie¬
ren zu sehen, die einen großen Teil der sieben- bis acht¬
tausend Menschen herbeibrachten, die sich vor der Halle
nach und nach ansammelten. Freilich konnte nur wenig
mehr als die Hälfte Eingang finden, nämlich nur die¬
jenigen, die mit einer Karte versehen waren, und
auch diese laut sicherheitspolizeilicher Anordnung nur in
langsamem Zuge. So war die Ungeduld Vieler begreiflich,
•die erlöst aufatmeten, als sie endlich ihren Platz gefunden
hatten. Aber auch diese Ungeduld, die mit den baulichen
Verhältnissen eines nicht auf solchen plötzlichen Massen¬
andrang eingerichteten Gebäudes zu wenig rechnete, legte
sich rasch, als Professor Warburg die erste Sitzung des
Elften Kongresses um 8 1 /, Uhr eröffnete. Trotz der be¬
ängstigend gestiegenen Temperatur — das Wetter meint
es ohnehin mit unseren letzten Kongressen sehr gut —
fanden Prof. Warburg sowohl wie die folgenden Redner
eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit dieses für unsere Kon¬
gresse ungewöhnlich zahlreichen Publikums.
Einen Sturm des Beifalls erntete der Präsident
des Engeren Aktionskomitees, als er feststellte, daß in
den maßgebenden Kreisen der Türkei
«manche Vorurteile, die unsere Arbeit ge¬
hemmt haben, einem besseren Verständnis
von dem Wert unserer Bestrebungen ge¬
wichen sind.“ Das Publikum verstand die bescheiden
gehaltene Wendung wohl zu würdigen und kargte mit
seinem Beifall auch nicht, als Warburg von der An¬
näherung zwischen uns und der arabischen Bevölke¬
rung sprach. Die schlichte, von warmem Gefühl getragene
Rede verfehlte ihren Eindruck nicht, und nach dem Inter¬
mezzo der Begrüßungen fand Nahum Sokolow, der
über das jüdische Leben in der Diaspora sprach, bereits
ein willig folgendes Publikum vor.
Schmarja Levins hebräische Rede über das neue
Judentum in Palästina weckte stürmische Begeisterung, die
bei der deutschen Wiedergabe auch den Beifall derer fand,
die an dem hebräischen Vortrag nur den Wohllaut unserer
altneuen Sprache hatten bewundern können. — Um elf
Uhr hatte die erste Sitzung ihr Ende erreicht. Sie war eine
der machtvollsten und gewaltigsten Demonstrationen, des
zionistischen Gedankens, die wir auf europäischen Boden
jemals erlebt haben.
Kurz nach 8 1 /* Uhr erschien das Aktionskomitee auf
der Estrade, von stürmischem Beifall begrüßt. Die vielen
Tausende, die den Saal und die Galerien füllten, erhoben
sich und begrüßten das Aktionskomitee mit begeistertem
Jubel, der sich erneute, als ein wenig später der frühere
Präsident des Aktionskomitees, David Wolffsohn, erschien.
Die Eröffnungsrede Prof. Warburgs
Geehrter Kongreß!
Eine ehrfurchtsvolle, feierliche Stimmung erfüllt uns
heute hier bei dem Gedanken, daß wir diesmal unseren
Zionistenkongreß in jener ehrwürdigen und schönen Stadt
abhalten, von der aus unser großer Führer, Theodor Herzl,
in die Oeffentlichkeit trat. Durch die Ausstrahlungen seines
tiefen Gemütes, seines scharfen Verstandes und seines
prophetischen Geistes gelang es diesem gewaltigen Mann,
die tausendjährige Zionshoffnung des jüdischen Volkes
wieder zu erwecken. Aus ihr, die damals in tiefem Ver¬
stecke der Volksseele schlafend ruhte, schuf er mit lautem
Weckruf eine mächtige, weltumspannende Organisation.
Nur 17 Jahre sind seitdem verflossen, aber die Saat,
die er streute, ging auf und wuchs zu einem stattlichen
Baume heran; in diesen 17 Jahren, kaum einem Augen¬
blicke im Leben eines Volkes, entstand ein vielgestaltiger
Organismus von reicher Gliederung und mannigfachen
Ansätzen zu weiterer Ausgestaltung.
Theodor Herzl gebührt hier an erster Stelle in tief
empfundener Würdigung seiner unsterblichen Leistungen
für das jüdische Volk der Tribut unserer, aus warmem
Herzen aufquellenden Dankbarkeit. Seine irdische Hülle
betteten wir hier nur allzu früh zu ewiger Ruhe; aber sein
Geist schwebt über uns und möge bei unseren Verhand¬
lungen in uns sein, der Geist des echten Zionismus, der
Inbegriff jener ewigen Ideen, denen das Leben und die Zu¬
kunft unseres jüdischen Volkes gehören. (Lebhafter Beifall.)
Auch andere Erinnerungen ziehen hier an unserem Geiste
vorüber. Hatten sich doch schon in Wien vor Herzl kleine
Gruppen jungjüdischer Bannerträger gesammelt, Pfadfinder
unserer national-jüdischen Studentenschaft. Anfangs rangen
sie schwer in fast hoffnungsloser Pionierarbeit, jetzt aber
haben wir in der ganzen Welt eine wohlorganisierte, stark