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DIE^ELT
No. 18
Suchen eines Adoptivzions für Vagabunden, das Ver¬
langen irgendeines Landes mit jedem frischen Tag
wie warme Semmeln, Projekte momentaner Herbergen,
mit der Flüchtigkeit und Zusammenhangslosigkeit, dem
Hin- und Herschwanken in einem Traumreich, in dem
die Sonne auf-und untergeht nur getadelt! Alles — '■ es mag
noch so wohltätig und hilfreich mit der Gunst aller
hohen Gönner sein, Zionismus ist es nicht! Aus
der zionistischen Bewegung soll sich ein neues
Gebilde erheben, qualitativ von den bisherigen unter¬
schieden, nicht Multiplikation der alten. Wir sind nicht
gekommen, um nach'zu schaffen, sondern um zu
schaffen. Der Ausgangspunkt unserer Bestrebungen
war, dem jüdischen Stamm eine höhere Stufe national-
freier Existenz zu eröffnen. Mehr und mehr haben sich
diese Bestrebungen zu einem palästinensischen Programm
verdichtet, und mögen die Meinungsverschiedenheiten
in bezug auf die Politik und die praktische Arbeit um
und in Palästina noch so groß sein, — eine Verdrängung
und Verdünnung des konkreten zionistischen Prinzips
wird nie mehr gelingen.
Es hieße sich fatalen Mißverständnissen aussetzen,
unsere Organisation herabwürdigen und über ihre Kraft
sich täuschen, wollte man auf ihre Funktionen ein
System der Auslegung anwenden, welches für Kauf¬
kontrakte oder Pachtverträge, aber nicht für Partei¬
programme paßt. Wir müßten in diesem Falle um den
Zusammenbruch unserer Organisation zittern, scheu und
ängstlich in fortwährender Unsicherheit zu den
Tribunalen hinaufschauen, ob nicht richterliche Strenge
uns irgendeine Glosse zu einem Text anders auslegen
wird. Ein „lapsus calami", der Mangel einer Stempel¬
marke, die Unterlassung irgendeiner Formalität, das
Versäumen einer Frist könnte uns aus unserer
geschichtlichen Bahn ablenken. Sind das nicht eitle
Kindereien einem Volke gegenüber? Ist die Komödie
nicht abgeschmackt, einen Richter, und mag er
so weise wie Salomo sein, über Dinge urteilen
zu lassen, die ihm wie ein Labyrinth erscheinen
müssen? Was bedeuten hier die Paragraphen ?
Solche Dinge müssen psychologisch interpretiert, es
müssen ihnen seelische Vorgänge unterlegt werden, die
niemals unmittelbar festgestellt werden können, sondern
nur dem in die Seelen eindringenden Verständnis zu¬
gänglich sind. Für den Psychologen ist es klar: die
ganz große Mehrheit der Anteilinhaber hat für den
Zionismus die Mittel bestimmt. Palästina war die
einzige allgemein verständliche Parole. Das Plebiszit,
das technisch unmögliche, das verlangt- worden ist,
existiert für uns in jeder Regung der nationalen Ge¬
schichte. Die Leute, die darüber nicht erst abstimmen,
halten es für selbstverständlich. Übrigens hat jedes
Volk und jede Partei eine große indifferente Masse,
und man kann nicht verlangen, daß alle Leute Politiker
sein und ewig mit ihrer Leitung korrespondieren sollen.
Diejenigen, die überhaupt Stellung nehmen und auf dem
laufenden sind, die Erreichbaren, haben sich in ihrer
großen Mehrheit für die Abänderung ausgesprochen.
Das geschah schon einmal, und da sagte ein früherer
Richter: da capo, neue Annoncen! Es geschieht. Wieder
eine ganz große Majorität auf unserer Seite. Ein Prpzeß
spielt sich ab: Ein endloser Redetaumel entfesselt sich
vor einem homo hovus: fragmentarische Anführungen,
buntschillernde Bilder, geistreiches Tändeln, leichtfertige
Pointen, Reden mit großer Weitschweifigkeit. Über
all dies soll ein guter, fremder Mann urteilen. Und
wenn er auch die besten Absichten hat, — aus der
Seichtheit der Formalitäten kann er nicht heraus. Oder
er packt das Thema von einer gewissen^Seife an, von
der ihm zugänglichsten, ---— die./GescMchte^mit dem
großen Volke, mit den politischen Häfsmög^chkeiten
in der ganzen Welt, — und' macht so zuvsage»;pei dieser
Spitze Halt, ohne auch nur zu ahnen, was' .in den
Tiefen liegt.
Die Wissenschaft der Rechtsprechung, in der man sich
auf den Grundlagen bewegt, welche die Römer gelegt
haben, mit all den Zusätzen der englischen^ Bills, vor
deren monstrualer Masse es auch einem Jurisprudenzgenie
etwas grausig wird, mag eine ganz bedeutende Domäne
menschlicher Weisheit sein. Aber daß ein Funktionär
auf diesem Gebiete uns sagt: so oder anders soll das
„große Volk" sich helfen, das ist nicht einmal komisch.
Der Zionismus wird verkannt, die Sache wird als eine
Aktionärenfrage aufgefaßt. Man könnte ebensogut
nach den schablonenhaften Vorschriften der Aktien¬
gesellschaften irgendein anderes nationalgeographisches
Bestreben eines strebenden Volkes in Abrede stellen. Denkt
euch, ein jüdischer Richter wird auf Grund des „Choschen
Mischpat" bei der Frage einer englischen Gesellschaft
für den geozentrisch-englischen Charakter eines natio¬
nalen englischen Unternehmens, für die Erhärtung
dieser Tatsache ein technisches Kriterium ver¬
langen, das in der Praxis unausführbar ist! Das kann
aber nur uns passieren. Eine Goluthblüte! Es ist eine
Kuriosität, die die Zufälligkeiten und die Launen unserer
Diaspora illustriert. Es ist so ganz eigentümlich mit
unserer Zerstreuung, mit den verschiedenen Zentren
und den verschiedenen Landesgesetzen, mit dem "geo¬
graphisch-juristischen Wirrwarr der früheren Wiener
Zentrale, des Baseler Kongresses und der Londoner
Bank für das palästinensische Ziel, wie auch mit
der komplizierten Aufgabe, für ein Ideal Banken gründen
zu müssen u. dergl. Bei all diesen anormalen Not¬
wendigkeiten kann es auch nicht ausbleiben, daß man
sich in solche Prozesse verwickelt sieht und daß man
Urteilssprüche zu hören bekommt, die man nicht erwartete.
Es sind Äußerlichkeiten, die man mit dem Zionis¬
mus in seiner inneren Gestaltung nicht verwechseln
darf. Wir sind der fremden Form gegenüber unfrei,
und der Richter mochte nach seinem Ermessen über
Texte und Termine urteilen. Aber im Inhalte und im
Wesen des Zionismus sind wir frei, und für uns haben
wir die Frage der Bestimmung unserer Finanzinstitute
gelöst. Wir haben eine solide, legale Grundlage im
palästinensischen Zionismus gelegt und unsere Pfähle
so tief eingetrieben, als wir es mußten, um festes Land
und sicheren Boden zu gewinnen. Unsere Bank wird
nicht allen Winden preisgegeben werden; sie ist nur
dazu da, um uns unserem bestimmten Ziele näher zu
bringen. Die Gewähr dafür liegt in uns, in unserer
großen Majorität. Was würden alle Texte helfen, wären
unsere Majorität und ihre Vertreter keine Zionisten?
Das Zwängen in ein Schema würde nichts helfen. Alles
ist von der Gesinnung abhängig. Sie, und nicht eine
fremde Rechtsprechung, ist imstande, die Organisation
zu stützen und zu halten. Es genügt nicht, die Texte
festzulegen und Paragraphen-Mannequins als Führer zu
haben. Wären letztere keine treuen, palästinensischen
Zionisten, sie könnten alles sophistisch drehen und auch
im Rahmen eines absolut palästinensischen Wortlauts der