Nr. 13.
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Feiwisch tritt in sein Zimmer, ein düsterer, etwa 3 Meter langer
und ebenso breiter Raum. Die vielen Spalten und Risse an der alters¬
schwachen, morschen Thür sind mit Papier verstopft, die Wände krumnr
und vom Rauch geschwärzt. Die Fenster sind mit Zeitungen und Brettern
vermacht. Der Fußboden ein schmutziger Lehmboden, der „Plafond",
einige morsche, Einsturz drohende Balken. In der Ecke steht ein Oeschen,
kalt, denn es wird nicht geheizt. Ein wackeliger, schmutziger Tisch, eine
wackelige alte Bank, ein „Bankbett" ohne Decken, ein Bett aus drei
Füßen, den vierten vertreten drei aufeinander gelegte Ziegel — das sind
die „Möbel" der Wohnung. Einige Topfe, etwas Küchengeschirr vervoll¬
ständigen das Inventar.
In dem einzigen Bette, wo über faulendes Stroh zwei alte Gctreide-
säcke gespannt sind, liegen seine zwei Töchter. Die ältere ist tuberkulös
und liegt schon seit dem Herbst im Bette, die jüngere ist vor einer Woche
an einer Lungenentzündung erkrankt. Die Todesstille in dem dunklen,
öden Raume wird nur durch das Stöhnen der einen und das Hüsteln
der anderen unterbrochen.
Gute Nachbarn — arme Leute, die selbst, nichts haben — stehen
nach Kräften bei. Deborah, die Frau des.Synagogendieners, bringt fast
täglich warmen Thee, und Rosa, die Badedienerin, war gestern sogar mit
einem Teller warmer Kartoffelsuppe erschienen. Wie gierig die armen
Mädchen die Suppe schlürften, wie dankbar sie Rosa anblickten'.
Die Familie verzehrt heißhungrig das Brot. Da geht die Thüre
knarrend auf, und mit den Acten unter dem Arme, die Amtsmütze aus
dem Kopfe erscheint der Stenercxecutor. Er entfernt sich, aber sogleich,
hier gibt es nichts zu holen. Sein Erscheinen beunruhigt Felwisch Dienstag
nicht. Seit Jahr und Tag schuldet er 4 fl. 70 kr. an Erwerbsteiler, ge¬
pfändet kann er nicht werden, weil er nichts besitzt.
Der Zustand der jüngeren Schwester verschlimmerte sich mit jeder
Stunde. Gegen fünf Uhr begann sie zu röcheln und hauchte bald ihre
junge Seele aus. Drei Stunden lag die lungenkranke Schwester mit dem
Leichnam unter derselben Decke, bis vier Weiber erschienen, die Todte
aus dein Bette hoben und sie mit den Füßeir gegen die Thüre auf der
Erde betteten.
Die ältere Schwester hatte mminebr Platz in ihrem Bett. Sie litt
noch drei Wochen, dann folgte sie ihrer Schwester.
Feitvisch Dienstag und seine Frau haben die Wohnung gewechselt,
aber ihr Los ist das gleiche geblieben.
N. Sperber,
Leiter der Baron Hirsch Schulo
in Stanislau.
Gin Blumengarten in den Golonien.
(Nach einer Photographie).
Palmen und Blumen, anniuthige Gruppen in bunter leidvolles Gestern, und die nagende Sorge für Weib und
Zwanglosigkeit und daneben der Gärtner, der den Baum Kind und das hilflose Mitleid von heute. Da bleibt kein
gepflanzt und großgezogen hat. Es sind jüdische Gärtner; Raum für die Liebe zum Frühling, da bleibt keine Zeit
vor Jahren trugen sie den Kaftan. Jetzt haben sie ein neues für Blumenpflege. Im Winkel mahnt der marschbereite
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Kleid angezogen und mit dem neuen Kleid neue Gefühle: Stab neben dem Hausirkasten, und auf dem ärmlichen Lager
Liebe zu den Blumen, Liebe zur grünenden blühenden Natur, % weint der hungernde Knabe. Wer denkt da an Blumen und
Sinn für das Schöne. Den Vätern, den Großvätern war Palmen? — Schade, daß der Großvater die Zeit nicht
solches Fühlen fremd. Die saßen im staubigen, dumpfe» schauen konnte, wo aus dem weinenden Knaben des Ghettos
Ghetto und da gedeihen andere Gefühle: Zitterndes Bangen ein lebensfroher Landmann geworden!
vor dem ungewissen Morgen, düsteres Erinnern an ein