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Nr. 13.
Eine alte hebräische Handschrift. Auf die Initiative des
Reichsfinanzministers von ftaflm) wird die Publication einer alten hebrä¬
ischen Handschrift durch den Cnstos des kunsthistorischeu Hosmuseums in
Wien, Dr. Julius v. Schlosser und den Universitätsprofessor Dr. D. £>.
Müller vorbereitet. Das Manuscript ist eine Haggadah und wurde von
dem bosnisch-herzegovinischen Landesmuseum in Serajevo von einer da¬
selbst ansäßigen, alten, spaniolischen Familie im Jahr 1894 erworben.
(Line in dem Codex befindliche, handschriftliche Notiz erweist als Heimats¬
land Spanien, wo ein jüdischer Miniaturist wohl gegen Ende des XIII.
Jahrhunderts an dem Manuscript gearbeitet hat. Der Werth der Hand¬
schrift besteht in erster Linie in ihrem sehr reichen bildlichen Schmucke,
dann in dem hohen Alter des Manuseriptes. Hebräische Codices aus
dem Mittelaller gehören bekanntlich zu den größten Seltenheiten. Dem
Manuscript wird von fachmännischer Seite besondere Beachtung geschenkt.
Das verjudete Bier erregt fortdauernd den gerechten
Unwillen der deutschnationalen Antisemiten. In Saaz haben
sie einen Aufruf erlassen, in welchem folgende Ergüsse Vor¬
kommen: „Bertschecht lind verjudet ist Eure Brauerei, nicht
nur in der Verwaltung, sondern auch im Arbeitsmateriale.
Laßt es nicht dahinkommen, bis man offen gegen Euch
auf tritt, drum hinaus mit Tschechen und Juden aus der
Verwaltung. Oder wollt ihr noch weiter die Verwaltung
Euerer Brauerei Tschechen, Juden und Judenliberalen an¬
vertrauen. Das tonnt, das dürft Ihr nicht, wenn noch ein
Funke nationalen Gefühles in Eurer Brust vorhanden ist."
Ehescheidungen. Die soeben erschienenen Tabellen über
die Ehescheidungen am Landesgerichte I zu Berlin vom
Jahre 1885 bis 1896 vermerken eine Gesammtzahl von 8476
Ehescheidungen. Darunter sind 275 jüdische Scheidungen.
Ans dem gcmiithlichcli Sachscnlandr. Nach dem neuesten
Berichte über die Verwaltung der Stadt Chemnitz hatte
dieselbe i»> Juli des vorigen Jahres 165.672 Einwohner,
uuter ihnen 151.519 Evangelische, 6625 Katholiken und
947 Juden. Die Geringfügigkeit der letzten Ziffer, so schreibt
man, enttäuscht einigermaßen, wenn man mit ihr die leiden¬
schaftliche antisemitische Wühlerei vergleicht, welche seit
einigen Jahren hier betrieben wird. Ein vogtländisches
Amtsblatt schreibt, daß die Stadt Chemnitz nun schon seit
Jahren von einer antisemitischen Agitation heimgesucht
iverde, die das ganze politische und gesellschaftliche Leben
mehr und mehr vergifte Als Grund für diese Agitation
ivird die drückende Coucurrenz der — 947 Juden ange¬
geben.
Der »»Kikeriki", das hervorragendste Wiener antisemitische
„Witzblatt" wurde in Ungarn verboten, weit es seine Angriffe nicht
inebr auf die Inden allein beschränkte, sondern auch die Magyaren in
den >.treis seiner „witzigen" Betrachtungen mit einbezog.
Auch dem »»Deutsches Volksblatte", in dem Vergaui seine
bekannten (Gedanken nnd Gefühle deponirl, wurde der Postdebit für
Ungarn entzogen.
Oesterreich Ungarn.
Wien. (Orig.-Corr.) Die ösfeutliche Verhandlung,
die über den von uns gegen die Confiscation der Nr. 7
erhobenen Einspruch angeordnet wurde, fand am 27. d. M.
unter dem Vorsitze des Hofrathes v. Holzin ger im hiesigen
Landesgerichte statt. Für die Staatsanwaltschaft erschien
der zweite Staatsanwalt Herr Dr. Bo dies, unser Blatt
vertrat Dr. S. R. Landau. Derselbe bekämpfte in einem
(eiligeren Plaidoyer, sowohl aus juristischen, als aus poli¬
tischen Gründen die Confiscation, und wies besonders
daraus hin, daß dieselben Mittheilungen im „DzienniOKra-
kowski" von der Krakauer Staatsanwaltschaft nicht con-
fiscirt wurden. Der Gerichtshof entschied jedoch aus Zurück¬
weisung des Einspruches, da die incriminirten Stellen eine
Ehrenbeleidigung der Soldaten des 57. <'-nf.-Regt.in Tarnow,
also einer selbständigen Abtheilung des HeereS, enthalten.
Dr. Landau meldete dagegen die Beschwerde an das Ober¬
landesgericht an.
Pilsen. {£x\c\. Corr.> In unserer Stadt fanden Excesse statt.
Militär mußte ansriicken, mit die Ordnung wieder berznftellen. Die poli¬
tischen Blätter schroten diesen Vorfall gegen die Czechen aus. Nach ibren
Berichten kanr es zwischen entern dent sch e n und czechi f chen Stu¬
denten zu einem Raufbandel, in denn die Menge gegen den Deutschen
Partei nalnn. Der Deutsche mußte sich sinchten nnd binterber stürmte
die Menge. Sie schlug die Fenster eines deutschen Hotels ein, wurde
aber vom Militär, das requirirt werden mußte, vertrieben und konnte
nun ^ungehindert zum neuen jüdischen Tempel ziehen, dessen kunstvolle
Fenster bald in Trümmer geschlagen waren. Auch jüdische Geschäfte
wurden mit Steinen bontbardirt und beschädigt.
Nachdenr nitn die Excedenten so ziemlich ausgetobt hatten, kam
endlich auch hieher das Militär und säuberte die Straßen. Schließlich
erregte ein Pistolenschuß, der in der Nähe des jüdischen Tempels abge¬
feuert lvurde, eine Panik. Der Thäter konnte noch nicht eruirt werden.
— soweit die deutschen Blätter. Für Kenner der Pilsener Verhältnisse
war es ziemlich überraschend zu hören, daß die hiesigen Juden Deutsche
seien. Pilsen ist so ziemlich eine czechische Stadt und die Jitden der
großen Mehrheit nach „Czechen". Die Excesse mußten daher einen anderen
Charakter tragen als den deutschfeindlichen.
In der Thal gibt das officielle k. k. Correspondenzbureau eine
andere Darstellung. Danach hätte ein jüdischer Student, der ein deutsches
Coulenrband über der Brust trug, einett czechifchen, der ihn „fixirt" hatte
tnit dem Stocke geschlagen. Es kam zu einer Prügelscene, die nun den
willkommenen Anlaß zu einer Judenhetze bot. „Die Excesse richteten sich
hauptsächlich gegen die Inden." Sehr viele Juden tvurden thätlich in
sultirt, Geschäftslüden zertrümmert und der jüdische Tempel mit Steinen
bontbardirt. - Die „Demonstration gegen die Dentschen" stellt sich also
in Wahrheit als eine rein antisemitische Ausschreitung dar.
Lemberg. (Orig.-Corr.) Samstag, am 21. d. M.
fand im Sitzungssaale des Cultusrathes eine zahlreich be¬
suchte Versammlung des neu begründeten zionistischen
Vereines der Handelsgehilfen „Jvria" statt. Zum ersten
Punkte der Tagesordnung: „Zweck des Vereines" sprach
Herr S ch o r r, der die verzweifelte Lage des jüdischen
.Kaufmannsstandes anschaulich schilderte. Das zionistische
Programm und den bevorstehenden Congreß zu Basel be¬
sprach hierauf in längerer Rede Herr David Schreiber.
Die Versammlung nahm sodann einstimmig und unter leb¬
hafter Acclamation folgende Resolution an:
„Die Versammlung begrüßt mit großer Freude den Baseler Congreß
wtd spricht den Veranstaltern und Theilnehmern desselben den innigsten
Dank ans. Sie erwartet, daß die erste Versammlung jüdischer Vertreter
ans der ganzen Welt Schritte einleiten tverde, mit endgillig die Juden
itotl) zu beseitigen und die ttationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes
ans eigenem Lande durchznsnhren."
Nachdem »och Dr. Heinrich Gabel an die Ver
sammlung Worte der Aufmunterung und der Hoffnung
gerichtet hatte, ging man in gehobener Stinnnuug aus
einander.
Neu Sanbee. (Orig.-Corr.) Am 21. August fand
hier auf Anregung des Herrn B. Margulies eine
zahlreich besuchte Versammlung statt mit der Tagesordnung
„Stellungnahme zum Zionismus". Herr Margulies erklärte
in klaren und populären Worten das Wesen und die Ten¬
denzen des Zionismus und wies auf den bevorstehenden
Congreß hin, der allein nur im Stande ist, der erhabenen
Idee eine zweckmäßige Organisation zu geben. Seine Worte
fanden bei der Versammlung mächtigen Wiederhall. Unter
dem Eindrücke der Rede constituirte sich die Versammlung
sofort zu einem Zionsvereine. An das vorbereitende Congreß-
Comits ging folgende Resolution ab:
„Beseelt von dem erhabenen Gedanken, in der immer mehr und mehr
um sich greifenden Judenüoth derselben abzuhelfen, begrüßt die am
21. August statt findende Versammlung in Neu Sandec mit Freude dwö
Bestreben einer einheitlichen Organisation und bringt daher dem Congreß»'
die wärmste Sympathie und das vollste Vertrauen entgegen. Möge da-
Werk, das Sie unternommen, mit Hilfe des Allmächtigen dem ganzen
jüdischen Volke zum Heile gereichen."
Sam. Blumenkorb,
Obmann der Versammlung.
England.
London. (Orig.-Corr.) Das Ereigniß der Woche war
die Eröffnung eines neuen Versammlungslocales der B'nci
Zion Affociation in Kings Hall, Commercial Road. An:
diesem Anlässe fand eine Feier statt, der Dr. Hirsch eile
Vertreter des Headguarters-Teut, Mr. Stern Namens
der „Dorsche Zion" in Manchester, sowie über 300 Per¬
sonen beiwohnten. Chief-Rabbi Dr. Gast er entschuldigte
seine Abwesenheit und übersandte seine Glückwünsche. Bei
dieser Gelegenheit wurden nationale Gedichte und Lieder
vorgetragen und mit großer Begeisterung ausgenommen.
Einige davon waren speciell für diesen Abend verfaßt. —