Seile 16 .
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' 2 . Fortsetzung . f
„ Ist es den » besser , iit der Stadt die Briese auszu¬
tragen und die Dörfer abzulaufen ? "
„ Lauf ' ich denn ! Ich schon ' meine Stiefel . Muß man
einen Brief auf ein Gut tragen , so such ' ich mir eine Fahr¬
gelegenheit . Findet sich eine , gut , wenn nicht , so wart ' ich ,
das Papier ist keine Blume , es verwelkt nicht .
„ Und wenn es dringend ist ? "
„ Mir ist es nicht dringend , höchstens wenn die Gurgel
trocken ist " .
„ Pflegst Du viele Briese auf die Dörfer auszutragen ? "
„ Der Teufel mag ' s zählen : Trag ' ich denn Alle aus ;
die , wo es darauf steht , daß man sie per Boten zustellen
soll , und die sich die Herren mit Recepiß nach Hause schicken
lassen " .
„ Wird Dir der Weg gut gezahlt ? "
„ Je nachdeiu . Manchmal krieg ' ich eine Kopeke und
manchmal Kasza . Dem Herrn aus Usciaz Hab ' ich vorigen
Sonntag gesagt , daß ich kein Spatz bin , daß er mich mit
Körnern füttern soll . In Polanowka ist ein feiner Herr ;
gestern gab er mir einen Rubel für einem Brief " .
„ Einen Rubel " , schrie Chavn auf . „ Es ist ja kaum
eine Meile bis Polanowka " .
„ Sechs Werst . Ich Hab ' Eins hinter den Kragen ge¬
gossen , Hab ' mich mit dem Posthalter gezankt , der Kerl hat
geschimpft und gedroht , daß e r mich abschaffen wird .
Der Hund ! Na die Post ist schon in der Nähe . Herunter
nlit Euch Inden ! "
Chava sprang ab .
„ Vergelt ' s Gott " , sagte sie . -
„ Du Mistvieh , ich soll zu Deinem Gott um ' s Geld
gehen ? Gieb den Gulden her " .
„ Franek , Du bist toll . Für das kleine Stück Weg einen
Gulden ! " ‘
„ Wenn Du nicht sofort In Kopeken niederlegst , schneid '
ich mir ein Stück Fisch ab . " llnd bereit seine Drohung zu
verwirklichen zog er sein Messer Heralls .
„ Du Lump , was machst Du ? " schrie die Jüdin ver¬
zweifelt ans . „ Da hast Du Gauner " .
Franek warf den Stöhr heraus , ließ sich von Moschko
die Fahrt bezahlen und fuhr pfeifend weiter .
Chava machte sich mit ihrer Maare auf den Weg
und wandte sich in die Allee , die zu dein Marieninstitut
führte . Dort hoffte sie am ehesten ein Geschäft zu machen .
Gleich am Beginn harrte ihrer jedoch eine Enttäuschung .
Die Haushälterin bedeutete ihr nämlich , daß sie alle Lebens¬
mittel nur im Großen einkaufe , und daß sie einige Störe
gerne nehmen würde . Einer aber sei ihr zu wenig
Als Chava das Institut verließ , weinte sie . Ein Fisch
hält sich nicht lange . — Und wenn sie überall umsonst an -
ftopfen wird . Sie schlich durch die Gasse mit dem Stör
auf dem Rücken in der Hoffnung , daß sie Einer der Pas¬
santen ansprechen werde . Biele Gaffer gingen ihr nach ,
aber Niemand zeigte Kauflust . Endlich blieb ein älterer
Herr stehen und srug :
„ Für rven ist das ?
„ Zum Verkauf " , antwortete Chava .
„ Ist der Stör frisch ? "
„ Erst gefangen . "
Er sah sich den Fisch an .
„ Wie theuer ist das ganze Stück ? "
„ Fünf Rubel . "
„ Viere werden ' s auch thun . "
Chawa war vor Freude ganz bewegt .
„ Ach , gnädiger Herr " , flehte sie , „ das ist zll wenig .
Es kostet in ich selbst so viel . "
„ Es ist genug . "
„ Wohin soll ' ich ' s tragen ? "
„ In dieses Haus , zum Doctor Pryski . Dort wird ' s
gezahlt . "
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Er schrieb ein paar Worte auf seine Karte , reichte sie
der Jüdin und entfernte sich .
Wäre Chawa Lot ' s Weib gewesen und wäre Pulaw
von einem Funkenregen heimgesucht worden , sie hätte nicht
rascher hineilen können , um das Geld einzuheimsen . Es gibt
Menschen , denen der Erfolg Flügel leiht . Freudetrunken eilte
Chawa nach Hause ; sie schlug vor Vergnügen in die Hände ,
lachte vor sich hin , wiegte sich in seligen Träumen . Das
Uebermaß des Glückes verwirrte ihr beinahe den Verstand ;
in ihrer Erregung sprach sie laut vor sich hin . Der Körper
verlangt aber doch seine Rechte . Die Jüdin hatte außer einigen
trockenen , vom vorigen Tage übriggebliebenen Kartoffeln ,
nichts im Munde gehabt und der Tag neigte sich bereits .
Matt vor Hunger , von rastlosem Wandern erschöpft , fühlte
sie , als der freudige Paroxismus zu schwinden begann , eine
große Schwäche in den Füßen . Sie schleppte sich mühsam
in ' s nächste Dorf und trat in die Schänke . Dort saß Franek
mit einem jungen Unbekannten am Tisch , warf die ihm an -
vertrauten Briefe durcheinander und trank sich einen
Rausch an .
Unweit davon stand der Wirth , ein Jude , und sah
neugierig dem luftigen Gelage zu .
„ Manche Leute , die bei der Post dienen " , sagte der
schon etwas angeheiterte Franek zu seinem Kameraden ,
„ haben so einen feinen Griff , daß sie gleich wissen , ob Geld
im Brief ist . "
„ In dem muß Geld darin sein " , antwortete der An¬
dere , „ so dick und fett greift man ' s . Man könnt ' s auf -
machen ! "
„ No ! "
Chawa , mit ihren Gedanken beschäftigt , bemerkte die
Scene gar nicht , kaufte zwei Placki * ) , setzte sich vor die
Schenke und fing zu essen an . Durch das offene Fenster
ertönte lautes Lachen und einmal vernahm sie sogar eine
ihr unverständliche Drohung Franek ' s .
„ Ich möcht ' sie zeichnen ! "
Gleich darauf taumelte Franek betrunken heraus und
wankte zu seinem Fuhrwerk ; mit Mühe kletterte er hinauf .
„ Hej , Jüdin , fährst mit " , rief er .
„ Nein " , sagte Chavn .
Franek lachte auf , schlug sie mit der Peitsche über den
Rücke » und rief im Wegfahren :
„ Du Hepe , glaubst Du , daß ich Dir schönthun
werde ? "
Chawa schrie aus vor Schmerz , vergoß einige Thränen ,
sandte ihm ein paar Flüche nach und da ihr der Hunger
bereits vergangen war , steckte sie den Rest der Placki in die
Tasche und machte sich auf den Weg .
An was sie alles auf ihrem Heimwege dachte , ist schwer
zu sagen . An die Hälfte des Störs zu Hause , an die zwei
schon verkauften , an die Auslagen der Reife , au ihre
hungrigen Kinder , an das Austragen der Briefe , an Franek
und seine Peitsche . . . . Nur ihr Mann kam ihr nicht in
den Sinn . An dem Antlitz Chawa ' s sah man , daß ihr
Gehirn unabläßig arbeite , sie murmelte Ziffern vor sich
hin . Wir , die wir die Geheimnisse ihres Handels mit den
Stören kennen , können uns darob nicht wundern . Ohne die
Forderung an die Cassierin zu rechnen , hatte ja Chawa heute
schon über drei Rubel verdient . Drei Rubel Reingewinn !
Man muß eine Wölfin sein , um die Freude an einer für
ihre Jungen erbeuteten Ochsenkeule mit zu empfinden . Es
dämmerte schon , als Chawa das nächste Dorf vor Kazimierz
erreichte . Am Graben entlang gehend vernahm sie plötzlich
lautes Schnarchen : bald darauf erblickte sie auch ein Pferd ,
welches das umgestürzte Fuhrwerk hinter sich nachschleifte .
Sie merkte sofort , daß Franek auf diese Weise ebenso rasch
als sorgsam den ' brieflichen Gedankenaustausch vermittele
und aus Angst vor seiner Peitsche sing . sie auf ' s Neue z »
laufen an .
sH - ortjetzung folgt . )
* ) ( i ' in in Polen gebräuchliches ( Gebäck .
Herausgeber : $ laul itafdjaw * * . Verantwortlicher Redacteur : Dr . ' S . R > Kandarr . Druck von Franz Schäler , Wien - Döbling .