Nr. 14.
J*$Wde
Seite 3.
die einstimmige Annahuie eines Entwurfes den Rahmen
für eine ersprießliche und fruchtbare Discussion geschaffen,
denn nur aus einer solchen Discussion können die zionisti¬
schen Thaten des ersten Congresses hervorgehen. Die
Schaffung eines Programmes und einer Organisation.
—ll.
Der zionistische Weltkongreß in Basel hat das Wort.
197 Delegirte und Mitglieder aus aller Herren Länder
haben sich versaniniell: Aus Amerika, England, Frankreich,
Deuschland, Oesterreich-Ungarn, Bulgarien, Serbien, Ru-
inänien, Palästina und aus Skandinavien. Die hervor¬
ragendsten Blätter („Time«“, „Daily News“, „Daily Mail“,
„New-York Herald“, „Frankfurter Zeitung", „Kölnische
Zeitung", „L’Eclio de Paris“, „I/Eclair“, „Pester Lloyd",
„Jewisli World“, „Jewisli Chronicle“, „Hazeflrali“, „Ha-
melitz“. „Hamagid“, alle Schweizer Tagblütter u. a.) haben
ihre Special-Correspondenteu geschickt. Der große Stadt-
casino-Saal ist zum Erdrücken voll. Die Gnllerie ist zu
klein, um die sich immer zahlreicher meldenden Juden aus
den verschiedensten Städten der Schweiz und Baseler Christen,
von denen die Meisten volle, wahre Sympathie für die
„Zionisten" hegen, zu fassen.
Lange vor Eröffnung sind alle Plätze besetzt. Eine
Ungeduld beherrscht alle. Man erwartet den großen Mo¬
ment, das wunderbare Ereignis, das erst uns zu erleben
vergönnt war: Die Eröffnung eines allgemeinen Juden-
congresses.
Hie und da bilden sich Gruppe», man hört alle mög¬
lichen europäischen Sprachen. Ueberall Festesstimmung,
überall ein freudiges „Giückauf!".
Einzelne Persönlichkeiten werden umringt und lebhaft
begrüßt. Da sehen wir den berühmten Oculisten Professor
Dr. M a n d e l ft a m m aus Kiew, der direct mit Dr. Sch nir er
vom Moskauer Aerzte-Congreß eingelangt ist, eine sympathische
Gestalt mit ausdrucksvollen Gesichtszügen, mit langem grauem
.Knebelbart, den Elisabethgrader Rabbiner Temkin, eine
Hünengestalt mit ernsten, düsteren Gesichtszügen und langem
schwarzen Vollbart, den hageren Rev. Dr. Schaffer von
Baltimore, Dr. Schauer ans Bingen, den schneidigen
Rechtsanwalt mit der Seconde-Lieutenant-Taille und den
zahlreichen „Schmissen", den greisen Professor Schapira
aus Heidelberg, den Tarnower Delegirten Ahron Markus,
der in seinem langer Rocke hiehergeeilt ist, u. A. Am An¬
fang der Sitzung hat sich auch Mr. Isidore Zangwill,
der gefeierte Novellist, eingestellt. Seine Landsleute, Mr.
de Haas, Mr. Rubenstein, Mr. Günzburg und der
hebräische Dichter Massel (Manchester) sind schon seit
einigen Tagen hier. Aus Paris kam u. A. Bildhauer Beer.
Einem Theile der Verhandlungen wohnte auch der
Regierungspräsident von Basel, Herr Dr, Speiser, bei.
In der Journalistenloge sitzt eine brünette Dame:
Das ist Mrs. Sonnenschein, die Herausgeberin der
„American Jewess“ in Chicago, ans der Gallerie fällt
»ns eine imposante Frauengestalt auf; das ist Frau K o-
ber, die Tochter des früheren Jerusalemer Bischofs
N5 o f) a t.
* *
±
Die Sitzung beginnt. Dr. Lippe aus Jassy führt
als Aeltester das Präsidiuin. Er spricht die Einleitung zu
diesem merkwürdigen Congresse. Die begeisterten' Worte des
greisen Redners wirken zündend. Er beleuchtet die Ge¬
schichte der zionistischen Bewegung. Zum Schluffe stellt er
tilgenden Antrag:
„Die in Basel am heutigen Tage ver--
sammelten Vertreter des jüdischen
Volkes ermächtigen das Präsidium,
dem Sultan ihre Ergebenheit u n d
Dankbarkeit für den ihren Stammes-
g e n o s s e n gewährten Schutz in geeig¬
neter Weise zu übermitteln."
Dieser Antrag wird ohne Debatte mit Acclamation
angenommen.
Hierauf ertheilt der Alterspräsident den: Obmanne der
vorbereitenden Commission das Wort zur Begrüßungsrede.
Rede mn De. Theodor Kerzl.
Geehrte Congreß-Mitglieder!
Als einem der Einberufer dieses Congresses ist mir
die Ehre zugefallen. Sie zu begrüßen. Ich will es mit
wenigen Worten thun, denn Jeder von uns dient der
Sache gut, wenn er mit den kostbaren Minuten des Con-
greßes spart. In drei Tagen haben wir viel Wichtiges zu
besorgen. Wir wollen den Grundstein legen zu dem Hause,
das dereinst die jüdische Nation beherbergen wird. Die
Sache ist so groß, daß wir nur in den einfachsten Worten
von ihr sprechen sollen. Soweit es sich jetzt schon beur-
theilen läßt, wird in diesen drei Tagen eine Uebersicht über
den gegenwärtigen Stand der Judenfrage geliefert werden.
Der gewaltige Stoff gliedert sich unter der Hand unserer
Referenten.
Wir werden Berichte hören über die Lage der Juden
in den einzelnen Ländern. Sie Alle wissen, wenn auch
vielleicht nur in einer unbestimmten Weise, daß diese Lage
mit wenigen Ausnahmen eine nicht erfreuliche ist. Wir
fänden uns wohl kaum zusammen, wenn es anders wäre.
Die Gemeinsamkeit unserer Geschicke hat eine lange Unter¬
brechung erlitten, obwohl die versprengten Theile des jü¬
dischen Volkes allenthalben Aehnliches erdulden mußten.
Erst in unserer Zeit ist durch die neuen Wunder des Ver¬
kehrs die Möglichkeit einer Verständigung und Verbindung
der Getrennten gegeben. Und i» dieser Zeit, die sonst so
hoch ist, sehen, fühlen wir uns überall vom alten Haß
umgeben. Antisemitismus ist der Ihnen nur zu wohl-
bekannte moderne Name der Bewegung. Der erste Eindruck,
den die Juden von heute davon hatten, war Ueberraschung,
die in Schmerz und Zorn überging. Unsere Gegner wissen
vielleicht gar nicht, wie tief im Innersten sie gerade die¬
jenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicherweise nicht
in erster Linie treffen wollten. Das moderne, gebildete, dem
Ghetto entwachsene, des Schacherns entwöhnte Judenthum
bekam einen Stich mitten in's Herz. Wir können das heute
ruhig sagen, ohne uns verdächtig zu machen, daß wir an
die Thrünendrüsen unserer Gegner appelliren wollen. Wir
sind mit uns im Reinen.
Man war in der Welt von jeher schlecht über uns unter¬
richtet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches man
uns so häufig und grimmig vorwarf, es war in voller Auf¬
lösung begriffen als uns der Antisemitismus anfiel. Dieser
hat es wieder gestärkt. Wir sind sozusagen mich Hause ge¬
gangen. Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judenthum
noch vor der Rückkehr in's Judenland. Wir heimgekehrten
Söhne finden im väterlichen Hause Manches, was der
Besserung dringend bedarf; wir haben namentlich Brüder
auf tiefen Stufen des Elends. Man heißt uns aber in
dem alten Hause willkommen, weil es wohl bekannt ist,
daß wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehr¬
würdigem zu rütteln. Das wird sich bei der Entwicklung
des zionistischen Programmes zeigen.
Schon hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehe¬
dem für unmöglich Gehaltenes zu Wege gebracht: die enge
Verbindung der modernsten Elemente des Judenthums mit
den conservativsten. Da sich dies ereignet hat, ohne daß
von der einen oder der anderen Seite umvürdige Con-
cessioneu gemacht, Opfer des Intellekts gebracht worden
wären, so ist dies ein Beweis mehr, wenn es noch eines
Beweises bedürfte, für das Volksthum der Juden. Ein
solcher Zusammensclstuß ist nur möglich auf der Grundlage
der Nation.
Es werden nun auch Debatten stattfinden über eine
Organisation, deren Nothwendigkeit Jeder einsieht. Die