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Alle giengen nun fort, mit ihnen auch meine beiden Brüder
und Herschele, der Sohn Zine-LeieS. Meine Mutter weigerte
sich beharrlich mitzugehen. Sie war überhaupt keine allzugroße
Freundin lärmender Vergnügungen.
„Mögen sich die anderen freuen in Gesundheit", sagte sie
immer, „aber was Hab' ich damit zu thun? Wozu soll ich mich
aufdrängen mit meinen Leiden, wenn andere sich freuen? Ich
würde nur jene stören, ohne mir selbst mein Unglück zu er¬
leichtern . . ."
VIII.
Nicht lange nachher gieng auch meine Schwägerin mit ihrem
Kinde nach Hause; auch Zine-Leie mit ihren Kindern verließen
uns und in unserem Zimmer, wo es vor Kurzem so lustig und
fröhlich zugegangen war, trat wieder eine düstere Ruhe ein,
düsterer und unheimlicher als je zuvor. Traurig und kalt ward
e- nun in unseren Herzen, in allen Gliedern spürten wir die
Kälte, vor der wir uns unter den Bettdecken zu schützen suchten.
Wie ein Meteor, das am Horizonte einen Lichtbogen zeichnet
und augenblicklich verschwindet, wie der mächtige Blitz, der in
schwarzer Nacht die Finsternis durchbricht und für eine kurze
Weile das Dunkel aufhellt, so war bei uns eine Weile Licht ge¬
wesen, um bald wieder zu verschwinden und uns die Finsternis
nur noch stärker und grausiger empfinden zu lassen. . . . Sogar
daS Chanukageld, das mir vor Kurzem so viel Freude bereitet
hatte, zahlte ich nur ganz kalt und gleichgültig und gab es zu¬
letzt der Mutter zur Verwahrung.
„Ich werde, so Gott will, morgen für das Geld Holz
kaufen. Ist eS dir recht, mein Sohn?" frag mich die Mutter.
„Ja Mutter!" antwortete ich.
Und ich lese das Abendgebet, schmiege mich an meine
Mutter »nd schlafe ein. Mir träumte: Ich gehe in die
Schule, in der einen Hand eine papierene Laterne, in der anderen
ein Stück Brot mit einer zerschnittenen und eingesalzenen Zwiebel.
Es wird finster und in den Fenstern beginnen Lichter zu schim¬
mern. Ich schleppe kaum meine halberfrorenen angeschwollenen Füße
über die gefrorene Erde. Der Frost durchdringt meinen ganzen
Körper und meine Hände sind so erstarrt, dass ich sie nicht
rühren kann. Ich blase und hauche aus voller Kraft auf meine
erfrorenen Finger, um sie zu erwärmen. Da bin ich vor dem
Hause des Müllers Wakola. Da ist der Misthaufen, hinter dem
mir Wanjko täglich auflauert. Ich zittere am ganzen Körper.
Allein Wanjko ist nicht da! Dank dir barmherziger Gott!
Meine Freude ist so unermesslich groß, dass ich wahrlich nicht
weiß, was anzufangen. Alles in mir jauchzt, tanzt und hüpft
vor Freude: „Wanjko ist nicht daHeute wird er mich nicht
schlagen, heute wird er mir nicht den Kopf mit Steinen ver¬
wunden, mlch nicht an den Haaren zerren!. . ." Plötzlich tritt
gar Zine-Leie aus Wakolis Stube heraus, sie hält eine Schüssel
voll Warenjkes mit Kasza und gibt mir zwei Warenjkes und
einen ganzen Vierer. Ich ergreife hastig die WarenjkeS und das
Geld und laufe schleunigst nach Hause. Kaum dass ich einige
Schritte gelaufen, verspüre ich, dass etwas kaltes, nasses und
glitschiges meine Hand berührt. Erschrocken blicke ich um mich:
neben mir steht Wakolas großer Hund und will mir das Abend¬
essen rauben. Ich ziehe meine Hand mit dem Brot (in das
sich die Warenjkes inzwischen verwandelt haben) zurück und ver¬
suche, zu Tode erschrocken, nach Hause zu entrinnen. Aber meine
Füße sind centnerschwer; ich kann nicht von der Stelle. Der
Hund springt auf mich los und bald liege ich in einem Sumpfe,
der nur mit einer dünnen Schichte Eis bedeckt war. Ich beginne
nun mit Händen und Füßen mich herauszuarbeiten.
„A ty tot“ schreit plötzlich Wanjko und ergreift mich an
den Haaren.
„Mutter, Mutter!" ich brach in ein Jammergeschrei aus
und erwachte. Ich konnte kaum athmen vor Schreck.
Ich blickte verwirrt umher; ich befand mich in den Armen meines
Bruders Süsie, der mich nach meiner Lagerstätte, die aus mehreren
Sesseln in der Nähe tzes Ofens bestand, hintrug.
„Süsie", fragte ich, meinen Bruder mit beiden Händen um¬
schlingend, unter Schluchzen. „Süsie, nicht wahr, heute ist Chanuka?"
„Ja, meine Seele."
„Und jetzt geht man nicht bei Nacht in die Schule?"
„Nein Leibele."
„Und Wanjko wird mich jetzt nicht schlagen?"
„Nein, nein."
„Warum schlägt er mich denn immer so heftig?"
„Weil er eben Wanjko ist."
Und mit dem Gedanken schlafe ich em; dass Wanjko
immerfort schlagen wird. .. .
Heran-gr-er: ysvl 77ascha«,r. Derautworllickle Redycteur: V?. $•
Bücherwrlt.
Die erste Flugschrift, die von der zionistischen Jugend von
Drohobycz im Verlage des Agitationscomitss des „Zion" erschien,
zerfällt in zwei Theile. Der erste bespricht die Aufgaben und die Pflichten
der zionistischen Jugend, und den Modus, durch welchen die zionistische
Jugend von Drohobycz diesen gerecht werden will Den zweiten Theil
bildet eine Allegorie, em Fragment, wie sie der Verfasser Menachem
nennt, unter dem Titel „Die Mutter Zion und ihre Kinder". Nicht die
Allegorie an und für sich ist bemerkenswert. Erfreulich ist es vor allem,
darin wieder ein Beispiel zu finden, wie die Lebensanschauung des
Zionismus überall die schlummernden Kräfte weckt, Geist und Herz der
Alten wie der Jungen mit neuen Ideen und Gefühlen von bisher
unbekannter Kraft und Schönheit erfüllt, und so recht schon jetzt, noch
lange vor seiner Erfüllung, den Juden jenen mächtigen, inneren Halt,
jene Entfaltung aller ihrer Fähigkeiten bringt, die den mächtigsten Be¬
weis für seine Richtigkeit und Nothwendigkeit bilden. — w —
Girre mustergültige Länderkunde. Von dem großen geo¬
graphischen Sammelwerk „Allgemeine Länderkunde" ist vor kurzem der
fünfte (Schluss-) Band „Australien und Ozeanien" *) von
Professor Dr. Wilhelm S i c v e r s zur Ausgabe gelangt. In die Reihe
der rühmlichst bekannten, der Popularisierung des modernen Wissens
gewidmeten Publikationen aus dem Verlage des Bibliographischen
Instituts in Leipzig und Wien tritt dieses vornehme Werk
vollkommen ebenbürtig ein. und die Verlagshandlung blickt mit gerechtem
Stolz auf die glückliche Ausführung gerade dieses schwierigen Unter¬
nehmens, dem die deutsche Literatur nun eine der besten und nam¬
haftesten Erscheinungen auf geographischem Wissensgebiete verdankt. Der
Herausgeber, Professor Dr. Wilhelm Sievers, im Bunde mit einer
Reihe Gelehrter von klangvollen Namen, als: Dr. E. D eck er t, Pro¬
fessor Dr. W. Kükenthal. Dr. R. von Lendenfeld, Professor
Dr. L. Neumann, Dr. A. P h i l ip p s o h n, und die Verlags¬
handlung haben mit erstaunlichem, schier unerschöpflichem Aufwand von
Wissen, Arbeitskraft und Mitteln gemeinsam an einer Aufgabe gearbeitet,
deren Lösung überhaupt nur unter diesen Voraussetzungen denkbar war.
Einem von jedem Gebildeten getheilten Bedürfnis, einem zwingenden
Erfordernis unserer Zeit, der Zusammenfassung unserer heutigen Kenntnis
von der Erdbeschreibung in einheitlicher, übersichtlicher Form bei Be¬
schränkung des riesigen Stoffes auf den Kern des absolut Wiffens-
werthen,^ rn gemeinverständlicher Darstellung und bildlicher Anschauung
kommt die „Allgemeine Länderkunde" wirksam entgegen. Seitdem besitzen
wir, was wir uns lange wünschten, einen Sammelpunkt unseres geo¬
graphischen Wissens, ein Werk, das, zuverlässig und maßgebend, den
Fachmann von der niederdrückenden Bürde des Gedächtnisballastes zu
entlasten sucht und dem Laien nicht nur die bisherigen Schwierigkeiten
bei der Information über geographische Fragen aus dem Wege räumt,
sondern jede gewünschte Belehrung in der ansprechendsten Form ertheilt.
Kein anderes Culturvolk erfreut sich eines gleichen oder zum mindesten
ähnlichen Werkes.
Der neu erschienene Band „Australien und Ozeanien", der sich in
allen Theilcn möglichst eng an dre vorhergehenden vier Bände über die
übrigen Erdtheile anschließt, sucht wiederum das Wissenswerteste unter
Berücksichtigung des neuesten wissenschaftlichen Materials zu bieten. In
meisterhaften Strichen entwirft uns Sievers ein lückenloses, farbenreiches
Bild der weiten Inselwelt des großen Occans wie des australischen
Festlandes und bringt dadurch den fernen Erdtheil unserem geistigen
Auge greifbar nahe. Sievers Führung vertrauend, begleiten wir ihn von
den den Golddurst reizenden, doch wasserarmen Goldfeldern des austra¬
lischen Westens an die wüsten Salzseen und Salzsümpfe des Innern
bis zu den Blauen Bergen im Südosten dieses Erdtheiles. Wir staunen
ob der großartigen Alpenlandschaften und wunderbaren Gletscher der
Südinsel Neuseelands und lernen dann auf unserer Wanderung-die
überaus merkwürdigen, durch ihre verheerenden Naturereignisse berühmten
Vulkangebiete der Nordinsel kennen. Und weiter geht es über gefährliche
Nisse und die Atolle mit ihren Lagunen zu den unzähligen Jnsel-
schwärmen Polynesiens, die wahrhafte Perlen landschaftlicher Schönheit
bergen, bis wir im äußersten Norden und Osten bei der politisch inter¬
essanten Hawaii-Gruppe und der Osterinsel mit ihrer alterthümlichen
Cultur angelangt sind. Den Schluss des Ganzen bildet eine übersichtliche
Schilderung der gerade gegenwärtig im Vordergründe der Aufmerksam¬
keit stehenden, starren Südpolarländer.
Getreu ihrem alten Grundsatz, dem Wort als Stütze das Bild zu
geben, hat die Verlagshandlung auch dieses Buch mit Bildern fast über¬
reich ausgcstattet. Und welche Bilder! Dem nach ganz neuen, bisher
noch nirgends veröffentlichten Photographien hergestellten Illustrations-
Material gehen die künstlerischen Leistungen eines Compton, von
Eckenbrecher, Heubner und Kuhnert voran, und die
vollendete Wiedergabe dieses Bilderstoffes im Druck gereicht den tech¬
nischen Officinen des Bibliographischen Institutes zur hohen Ehre.
*) Australien und Ozeanien. Eine allgemeine Landes¬
kunde. Von Professor Dr. Wilhelm Sievers. Mit 137 Abbildungen
im Text, 12 Karten und 20 Tafeln in Holzschnitt und Farbendruck. In
Halbleder gebunden 16 Mark oder in 14 Lieferungen zu je 1 Mark.
Aas Hriginak der Illustration „Licht" von I. M.
Okin (in der Größe 59 Ctm. lang. 43 Ctm. breit) ist ver¬
käuflich. Anträge nimmt die Administration der „Welt" entgegen.
ovnS Wmttt. Druck von Jacob Dnr SBien. VIII.. Laudongasse Nr. 57.