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„Die & Weit“
Nr. tz
ist. erhebt sich über sein Milieu, über Nauru uud Zeit, denn er
wird zu einem universellen Geiste, der in die geheimsten Geheim¬
nisse des Lebens dringt. — Die Abhandlung Berdyezewskis kann
mit Recht zu dem Besten gezählt werden, was über den
Chassidismus geschrieben worden ist. Von demselben Autor ist
noch ein Aufsatz „Alter und Jugend" in dem Hefte erschienen,
der eine Umwertung aller jüdischen Werte verlangt. Der Aufsatz
ist eigentlich eine Kritik des Buches „Am Kreuzwege" von
Ach ad-Ha am. Dr. Berdyezewski ist sein entschiedenster und
ausgesprochenster Gegner. Das, was Ächad-Haam von den
jüdischen Werten sagt, scheint ihm fast das Bedeutendste zu sein,
aber trotz alldem, oder vielleicht deswegen, muss er Stellung
gegen ihn und gegen seine ausgesprochenen Ideen nehmen.
Es muss zugegeben werden, dass diese Kritik Achad-Haams auch
die bedeutendste von allen Kritiken in der hebräischen Literatur ist.
— Der Aufsatz von B. Hurwitz „Der Ökonomische Factor und
sein Einfluss auf die Geschichte unseres Volkes" beginnt mit einer in
sehr populärer Form gehaltenen Auseinanderlegung der Bedeutung
der Nationalökonomie überhaupt, was für das jüdische Lesepublicum
sehr wertvoll ist, und übergeht endlich zur Beweisführung des
Einflusses des ökonomischen Factors auf die jüdische Geschichte.
— Herr Dr. R a p a p o r t hat sich in dem Sammelbuche mit einem
Aufsatze über jüdische Volkslieder eingestellt. Er meint wie
Herder, dass die Stimmen der Völker nur in den Liedern zu ver¬
nehmen sei. In allen Volksliedern, die unser Volk singt, ist ein
Sehnen nach Zion, Heimweh zu vernehmen. Was er über die
jüdischen Minnesänger (Marschalks) sagt, ist sehr richtig. Wirklich
schade, dass ein solch bedeutender Zweig jüdischer Volkspoesie
so vernachlässigt worden ist. — Es sind noch wissenschaftliche
Aufsätze von Steinschneider, Malter, Schreiner da.
Dr.N eum a rk schreibt eine Ren cension der Reden und Predigten
von Zadoc Kahn, Grand-Rabbin in Frankreich. Von
Dr. Farbstein ist eine Bemerkung „Zur Entwicklung der
Assimilation in Israel". Nur ein Gedicht, auch unbedeutend, ist
zuletzt abgedruckt. Merkwürdig, dass in diesem Sammelbuche
für „Literatur uud Wissenschaft" keine einzige Novelle oder Er¬
zählung vorhanden ist. J. M.
Intuition
Jüdisch-deutsche Lyrik.
Von Rudolf Kohn (Prag).
Die heutige deutsche Lyrik ist zu einem guten Viertheil
jüdisch. Zwar haben sich die meisten dichtenden Inden seit
Börnes Zeiten recht arische Pseudonyme erwählt, um sich so
in die deutsche Literatur gleichsam einzuschleichen; sie sprechen
niemals von jener Rasse, deren Namen man in guter Gesell¬
schaft nicht nennt; sie sind bestrebt, alles Jüdische abzustreifen,
um sich ihrem deutschen Milieu^ anzupassen. Aber das nützt
ihnen wenig. Mitten in dem deutschen Liede erfasst sie die
jüdische Stimmung mit ihrem bald jauchzenden, bald' bedrückten
Verlangen, mit chrer bilderreichen, symbolistischen Palmensprache
mit ihrer selbstquälerischen, impressionistischen Grüblerei.
Einer der interessantesten unter den assimilations-sehn-
süchtigen Dichtern ist P e t e r A l t e n b e r g, der vielbewun¬
derte Wiener Impressionist, „unser" Altenberg, wie er von
Hermann Bahr genannt wird. Es ist wirklich merkwürdig, dass
dieser Mann, der alle Sensationen des Mitteleuropäers durch¬
lebt und beschrieben hat, noch niemals eine Zeile gefunden hat
für das tausendjährige Leid seines Volkes, ja, dass dieser
mitten unter uns ausgewachsene Impressionist seine jüdischen
Impressionen und Emotionen ängstlich vor der Welt verbirgt!
-Und doch sind seine Prosa-Gedichte voll von inner¬
lichem, unabstreifbarem Judenthum. Das ist auch sein Gluck,
denn ohne das, was er von Vater und Mutter bekommen hat,
bliebe nichts mehr von ihm übrig, als ein kleinwenig auerzogenes
Europäerthum. Niemand würde ihn dem bisschen Anstrich zuliebe
lesen. Die Allermodernsten, die ihre „Individualität" so sehr
in den Vordergrund ihrer Arbeiten stellen, vergessen ganz,
dass das wesentlichste Merkmal des Individuums seine Ab¬
stammung ist.
Natürlich-ein Dichter ist nicht geringer, wenn er
kein Jude ist, aber einer, der Jude ist und es nicht sein will,
der ist kein Dichter! Der ist weniger als ein Mensch, er ist
ein Halbmensch! Nicht das Milieu allein macht den Dichter. In den
Werken echter Poeten findet man den Gedanken ihrer Väter
und Mütter, es klingen da Stimmungen wieder, die vor mehr
als tausend Jahren in den Ahnen getönt haben. „Was an uns
Original ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn.wir
unsere Altvordern nicht aus den Augen verlieren." (Goethe.)
Schon oft ist gezeigt worden, welch überraschende
Aehnlichkeiten in Stil und Inhalt Heines Kunst und die
Psalmendichtung aufweisen. Ich glaube, dass der Ursprung der
symbolistisch-impressionistischen Dichtkunst noch viel weiter zurück¬
geht, bis auf die ägyptische Hieroglyphen-Literatur. Das nach¬
folgende Gedicht der ägyptischen Königin Noser-i-Thi,
welches den Eindruck der ausgehenden Sonne schildert, möchte
ich als das älteste impressionistische Gedicht bezeichnen.
„Du Sonne, Du Göttin des Lebens, nichts ist wie Du!
Durch Deine Strahlen machst Du die Augen der Sterblichen
gesunden-Du Schöpferin aller Wesen! Gehst Du auf am
östlichen Lichtkreis des Himmels und spendest Bewegung allem
Lebendigen, so schauen sie Dich an-Und sie schlummern
ein, wenn Du untergehst !"
Wie man sieht, hat die Königin nicht nur ein schönes
impressionistisches Gedicht gemacht, sie hat schon — viertausend
Jahre vor seiner Entdeckung — das physikalische Gesetz von
der Energie vorausgeahnt. Sie hat, wie die meisten Aegypter,
gewusst, dass die Sonne die Energiequelle für alles Leben auf
der Erde ist. Vielleicht war sie, wie sehr viele ägyptische
Königinnen, eine Semitin. Vielleicht auch nicht. Es ist so ein
leiser Psalmenton in ihrem Gebet.
Bei den modernen jüdischen Lyrikern tritt die Ver¬
wandtschaft mit den Sängern aus der Bibel viel stärker her¬
vor. Sie schreiben sozusagen die Psalmen des neunzehnten
Jahrhunderts. Ihre Sprache ist nicht so kräftig, ihre Farben
sind blasser, ihre Contrastwirkungen sind abgemilderter, ihre
Empfindung ist etwas neurasthenischer. Aber trotz der An¬
strengungen, ihre Abstammung zn verleugnen, um dem überall-
gegenwärügen Judenhass zu entfliehen, können die Bedauerns¬
werten aus ihrer jüdischen Haut nicht heraus! Viele Stellen
ließen sich dafür anführen. Es wird vielleicht von Interesse
sein, an einer einzigen Stelle bei Peter Altenberg und
König Solomo das Trennende und das Gemeinsame zu
zeigen. Beide Dichter besingen da die Schönheit des Körpers
der Geliebten, die Reinheit ihres Athems und das Hochgefühl
im Angesichte der Schönheit.
König Salomo singt im Hohenlied (nur ein kleiner Theil des
Lobes der Geliebten ist hier zum Vergleich
herangezogen) :
Wie schon, wie lieblich bist Du, Liebliche, Wonnige!
Dieser Dein Wuchs ist der Palme gleich, Und Dein
Busen den Trauben!
Erklimmen will ich den Palmenbaum, ergreifen seine
Zweige.
Dein Odemsdnft ist wie von Aepfeln,
Und Dein Mund wie köstlicher Wein!
Peter Altenberg in „Wie ich es sehe" „Die Primitive".
Er sagte: „Sie haben einen Athem, wie der Duft von
gekochten, noch warmen, geschälten, süßen Mandeln."
Erdachce: „Dieser Athem ist die Consequenz des Gesammt-
organismus. Um dieses Athems willen liebe ich Dich. Er ist
ein Gotteszeichen, ein wahrer Gotteshauch: „So rein kann alles
an uns werden!"
Es überkam ihn die „göttliche Frohheit" über das Voll¬
kommene. Es ist wie das Ausjauchzen des Wanderers auf dem
sonnigen Berggipfel-höher geht es nicht! Daher die
Ruhe, der Fr.ede, das Glück! Der erfüllte Wunsch Gottes--
es gibt nichts Heiligeres! Und dieser Wunsch bezieht sich auch
auf jenen „schweren Träger der Seele".
Vielleicht ist es pietätlos, den schönheitstrunkenen, geist¬
sprühenden Sonnenkönig mit dem Wiener Kaffeehausdichter zu
vergleichen. Ich habe auch absichtlich . nur eine schwächere
Stelle seines hohen Liedes der Liebe genommen, aber der
Vergleich zeigt doch, wie wenig die jüdischen Lyriker in den
letzten 2900 Jahre an Ausdrucksmitteln und Schwung der
Sprache zugelernt haben. Ein paar Gedankenstriche, ein paar
Interpunktionen — das ist der Gewinn einer Entwicklung
von so langer Zeit! Peter Altenberg vergleicht den Athem