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„Die A Welt“
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dürften wohl nicht in Betracht kommen.) Daher der
Mangel an allem, an Schulen, Creditanstalten, Arbeiter¬
genossenschaften, Consumvereinen und dergleichen ; daher
die Desorganisation auf allen Gebieten, selbst auf dem der
Armenpflege. Die letzte Volkszählung hat ergeben, dass die
Zahl der Personen, welche die Landessprache weder schreiben,
noch lesen können, bei den Juden ebenso gross ist, wie
bei den Lartaren. Die Intelligenz und die besitzenden Classen
rührten keinen Finger für die leidende Masse und fühlten
nicht einmal, dass sie etwas thun müssen. Infolge des
Mangels an einem öffentlichen Leben war der Gemeinsinn
äusserst schwach, entwickelt. Das Nationalgefühl der Masse
war ein Gemisch von religiösem Gefühl und .Geselligkeits¬
triebe, aber kein Gemeinsinn, denn es beruhte nicht auf
dem Bewusstsein der Interessengemeinschaft, man fühlte
keinen Antrieb, den bedrängten Brüdern zu helfen. Die
quälende Unruhe und Entrüstung, die andere Völker
empfinden, wenn auch nur einigen ihrer Volksgenossen in
einem entfernten Lande Unrecht geschieht, waren bei uns
fremd. Für die aus Moskau Ausgewiesenen wurden seiner¬
zeit in ganz Europa Unterstützungs vereine gegründet, in
Russland that man für sie nichts. Diesen unleidlichen Zu¬
ständen machte der Zionismus mit einemmale ein Ende.
Er führte dem Judenthume einen frischen, mächtigen
Lebensstrom zu, der die Geister immer mehr fortreisst.
Alles regt sich, alles hofft, alles strebt, alles arbeitet, alles
organisiert sich. Noch haben wir die oberwähnten fehlenden
Anstalten nicht geschaffen, aber die Voraussetzung ist bereits
vorhanden, nämlich der Gemeinsinn. Und dieser bethätigt
sich bereits. Die Jugend schliesst sich in Kreisen zusammen,
um die hebräische Sprache, die jüdische Geschichte und
Literatur und die ökonomische Lage der Juden zu studieren,
die Masse ist vom Streben nach einer Wiedergeburt, sowohl
im europäischen, als im jüdischen Sinne, beseelt und opfert
diesem Streben die ihnen so karg zugemessene Zeit und
auch Geld; die Intelligenz sucht das Volk zu belehren. Ein
geradezu eclatantes Beispiel von der siegreichen Macht der
zionistischen Idee bietet unsere Stadt. Sie ist eine rnercantile
Stadt, wie kaum eine zweite in Bussland. Hier fanden keine
anderen Werte Anerkennung, als die, welche bei den
Banquiers gangbar sind, und nichts hatte Credit, was
nicht in klingende Münze umgesetzt werden konnte. War
das gesammte Leben der russischen Juden in socialer und
geistiger Begiehung eine Wüste, so war Lodz, wenn man
sich so ausdrücken kann, eine Wüste in der Wüste. Jeder
Versuch, das geistige Niveau der Bevölkerung zu heben,
scheiterte. Dem Zionismus gelang es aber, viele Herzen zu
erwärmen und viele Geister aufzurütteln, und die bereits
erzielten Resultate lassen mit Zuversicht erhoffen, dass das
rege geistige Leben, welches zur Zeit nur erst in engeren
Kreisen herrscht, bald die ganze Stadt ergreifen werde.
Eine bedeutende Anzahl von zionistischen Vereinen und
Kreisen*) entwickelt hier eine rege Thätigkeit. Am er-
spriesslichsten arbeitet der hiesige Culturverein. Sein erstes
Werk war die Gründung eines Frauen verein es, der bereits
sehr segensreich gewirkt hat. Er besteht aus einer literari¬
schen und einer pädagogischen Section. In der literarischen
Section werden Vorträge über jüdische Geschichte und
Literatur gehalten, woran sich Discussionen anknüpfen, und
interessante Werke über das Judenthum vorgelesen. Auch
ein Fragekasten ist eingeführt worden, und die hinein¬
geworfenen Fragen werden Damen, die sich dazu melden,
zum Studium übergeben, und die Beantwortung bis zur
folgendenTagung verschoben. DieDamen, die bisher nicht nur
vom Judenthume nichts wussten, sondern auch nichts
wissen wollten, legen nun ein reges Interesse für alles
Jüdische an den Tag und haben bereits in einer Reihe
glänzender Vorträge gezeigt, was man mit Eifer und Lust
zur Sache selbst in kurzer Zeit leisten kann. Solche An¬
fänge dürfen nicht unterschätzt werden. Angesichts der
Gefahr, in welcher das Judenthum schwebt, ist jeder Stein,
welcher zur Wiederaufrichtung des schwankend gewordenen
Gebäudes herbeigeschleppt wird, ein wertvoller Schatz. In
unserer unglückseligen Zeit, wo unsere Intelligenz fremde
Schriftsteller feiert und das Los der hebräischen Schrift¬
steller Armut und Verachtung ist, ist jedes Zeichen der
Umkehr eine frohe Botschaft, die den Anbruch einer besseren
Zeit verkündigt.
Die pädagogische Section hat sich vorwiegend
praktische Aufgaben gestellt, doch werden in dieser Section
auch Gegenstände jüdischen, pädagogischen und hygieni¬
schen Inhaltes vorgetragen, bezw. vorgelesen und discutiert.
*) Anmerkung. Wir sprechen von anticipierten
Vereinen und Kreisen, die in der Voraussetzung, dass sie
bald dazu die Concession erlangen werden, sich in un¬
bestimmten Zeiträumen gelegentlich versammeln.
Besondere Aufmerksamkeit wird da der Frage der Erziehung
im nationalen Geiste zugewendet. lieber dieses Thema wurde
oft debattiert und von allen Seiten ist das Vorhandensein
eines Nothstandes in dieser Beziehung constatiert worden.
Der Nothstand besteht darin, dass in den Häusern, wo
die Kinder eine europäische Bildung gemessen, für ihre
Entwicklung in jüdischem Geiste nichts gethan wird.
Geradezu hervorragend ist die Leistung der pädagogi¬
schen Section auf praktischem Gebiete. Neunzig junge
Mädchen, bezw. Frauen ertheilen 140 armen Mädchen un¬
entgeltlichen Unterricht und widmen sich dieser edlen
Sache mit grossem Ernst und Eifer. Auch eine Abend¬
schule für Mädchen wird die Section bald eröffnen. Auf
die Initiative des Cultusvereins und mit demselben arbeitet der
Damen verein noch an der Gründung einer Bibliothek für
Hebraica und Judaica. Vor der Gründung des Vereines
stand es mit der geistigen Regsamkeit der Frauen in
jüdischen Dingen noch schlimmer als bei den Männern. Es
ist erfreulich, dass ein solcher Umschwung eingetreten ist.
Jetzt gibt der Frauenverein seinen Mitgliedern Nahrung für
Geist und Herz und bietet ihnen eine in jeder Beziehung
wohlthuende und fruchtbringende Beschäftigung. Er ist
eine Schule für die Mütter und für ihre Kinder. In
dem Masse, in welchem die Mütter ernster werden, werden
sie auch ihre Kinder ernster erziehen, d. h. für den Ernst
des Lebens, nicht für das Spiel des Salons. Durch die Be¬
schäftigung mit der Pädagogik und der Literatur werden sie
hoffentlich ball die Erkenntnis gewinnen, dass es wichtiger
sei, in einer Sprache zu denken, als in einigen Sprachen
gedankenlos zu conversieren. Die zweite Schöpfung des
Culturvereines sind drei Abendschulen für Kinder und Er¬
wachsene, welche den ganzen Tag in Fabriken oder zuhause
beschäftigt sind. Dieselben werden 13 Stunden wöchentlich
in den jüdischen und Elementargegenständen unterrichtet.
Dabei legen die meisten Schüler eine bewundernswürdige
Energie an den Tag. Manche arbeiten bis 8 Uhr abends
und stellen sich pünktlich um halb neun in der Schule ein,
wo sie bis halb elf verbleiben. Es gibt unter ihnen Leute
von mehr als zwanzig Jahren, welche so beschränkt sind,
dass es ihnen schwer fällt, den Unterschied zwischen a und
o zu begreifen, und trotzdem lassen sie sich diese trockene,
langweilige und mühselige Arbeit nicht verdriessen und
versäumen keine einzige Lection. Bei Eröffnung dieser
Schulen hatten wir Gelegenheit zu erfahren, wie ent¬
setzlich gross dieNoth an Schulen sei, und wie sehr wir uns
an unseren Armen bisher versündigt haben. Das Gedränge im
Hofraume und auf den Treppen des Talmud-Thora-Gebäudes,
wo die Aufnahme stattfand, war jeden Abend enorm, und
die Beklemmung und marternde Ungeduld, die sich in den
Gesichtern der Petenten malten, waren herzzereissend. Die
meisten mussten wegen Mangels an Platz ab gewiesen
werden. Als Menschen wie als Juden müssen wir uns eines
solchen Zustandes schämen. Da waren doch unsere Väter
besser als wir „Modernen“. Sie hatten immer Geld für die¬
jenigen, die lernen wollten, und gaben ihnen nicht nur
Lehrer, sondern auch ihren Lebensunterhalt! Auch wir
könnten eine bedeutende Anzahl von Schulen gründen. Das
ist ein neutrales Gebiet, wo selbst die Polen „mosaischen
Glaubens" mit uns zusammen arbeiten können. Auch von
den Stockfrommen haben wir das Recht, Unterstützung zu
erwarten. Und bald muss die Cooperation erfolgen. Wir
haben 26jährige Analphabeten — auch in der hebräischen
Sprache — gefunden, und wir müssen selbstmitErwachsenen
oft beim Aleph-Beth beginnen.
Zuletzt wollen wir noch erwähnen, dass der Cultur¬
verein eine pädagogische Commission ins Leben gerufen hat
zu dem Zwecke, den Unterricht in den Chedarim rationell zu
gestalten und bei der Jugend neben dem religiösen auch
das Nationalgefühl zu pflegen. Von den übrigen Vereinen
und Kreisen werden wir vielleicht nächstens sprechen. X.
G
Tribüne.
‘Bialystok, den 24. März 18W.
G eehrter Herr Re dacteur!
Ich bitte Sie höflichst, folgenden Zeilen zur Steuer
der Wahrheit in der nächsten Nummer Ihrer geschätzten
Zeitschrift Raum zu geben.
In Nr. 22 des „Hamagid" meldet der unter dem Pseu¬
donym „Malachi" schreibenden Specialcorrespondent dieses
Blattes „Erfreuliches" über die Colonisation Palästinas und
verherrlicht die Thätigkeit des Pariser Centraicomitds der
„Chowewe Zion" in überschwänglichen Worten.
Leid er bin ich nicht in der Lage, sämmtliche Angaben
des gedachten Correspondenten auf ihre Wahrheit zu prüfen.