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„Die H Weit“
and tröstete ihn mit anscheinend heiterer Stimme: „Mein
Liebling — ist es nun besser? Siehst Du — es war ja gar
nicht so arg — das war eben die erste Krise — weisst Du!
Nun zieht sich das Herz wieder zusammen!
Und der Knabe lächelte ihm unter Thränen weh-
müthig zu. Ein freudiger Schimmer flog über seine schönen
Wge — er versuchte die noch immer zitternden Hände zu
falten — und leise — kaum hörbar — flüsterten die beben¬
den Lippen ein Gebet.
XI.
Auf dem Kirchthurme von Siegling hatte die Uhr
schon lange Mitternacht geschlagen, als Dr. David leise das
Krankenzimmer verliess.
Die Befürchtung, dass sich der Anfall wiederholen
würde, hatte sich glücklicherweise nicht bewahrheitet.
Der Kranke schlummerte nun und schien in fried¬
lichen Träumen die herbe Bitterkeit seines jungen Lebens
zu vergessen.
Indess ein Diener in die Stallungen eilte, um die
Pferde vor den Wagen des Arztes spannen zu lassen, trat
dieser in den ebenerdigen Gartensaal.
Trotz der vorgerückten Nachtstunde brannten hier
noch die Lampen.
In der Mitte des Zimmers stand, von einer Gruppe
tropischer Gewächse umgeben, der kleine Altar, vor dem
die Taufe Jonathans vollzogen worden war.
In diesem prunkvollen, von Gold und rothem Damast
strotzenden Gemache bot der Tisch Gottes mit seinen aus¬
gelöschten Lichtein und einfachen, linnenen Tüchern ein
fast ärmliches, nüchternes Bild, das eher an das Lebewohl
der Kirche an einen Verstorbenen als an die Aufnahme
eines neuen Gläubigen mahnte.
Auch war die Luft trotz der grossen Raumverhältnisse
des Saales und der vielen Stunden, die seit der Ertheilung
des Sacraments verflossen waren, noch vomGeruche des ver¬
brannten Wachses und Weihrauchs geschwängert.
Dr. David trat daher in das anstossende, ebenfalls
hellerleuchtete Speisezimmer ein.
Aber auch hier fand er nicht die Ruhe, deren er so sehr
bedurfte.
Die reiche Holzverkleidung der Wände und der Decke,
das glitzernde Silber- und Krystallgeschirr auf den Credenzen
lasteten wie ein Alp auf ihm.
Er meinte, den Besitzer dieser Schätze Wieder wie
vor wenigen Stunden am Tische sitzen zu sehen, wie er
mit der langfingerigen, aus dem schwarzen Pulswärmer
hervorragenden Hand rastlos die Cigarette an den Mund
führte, im harten, bitteren Lachen die spitzen Raubthierzähne
zeigte und offen bekannte, dass nur die Bethätigung seiner
Hamsternatur ihn befriedige*
Dann wieder stellte sich die erregte Phantasie des
alten Arztes den Vetter vor, wie er jetzt trotz seines un¬
ermesslichen Vermögens heimatlos in seinem luxuriösen
Salonwagen durch die arglos schlummernden Länder rollte
Und mit seiner erschreckenden Intelligenz darüber grübelte,
wie er den fremden Wohlstand untergraben und an sich
reissen könne.
Und das alles einzig und allein aus Lust und Freude
am Raube und am Zerstören ! Unersättlich!
Da weckte ein Pusten und Grunzen im Gartensaale
Dr. David aus seinen wachen Träumen.
Er trat in den Thürrahmen und erblickte die un¬
förmliche Gestalt des dicken Baron Moritz, der sich, in
einen hellfarbigen Morgenanzug gekleidet, von seinem
Wärter herumführen liess. Das „gute Thier" litt in letzter
Zeit häufig an Schlaflosigkeit und pflegte dann im grossen
Raume, der zu diesem Zwecke die ganze Nacht erleuchtet
blieb, Bewegung zu machen, um den widerspenstigen Körper
zu ermüden.
Von Ekel ergriffen, wandte sich Dr. David ab.
In diesem Augenblicke begriff er, dass Isak den
Anblick seines zum Thier gewordenen Erben nicht zu er¬
tragen vermochte.
Um nicht das sinnlose Lallen des Blödsinnigen an¬
hören zu müssen, flüchtete er in den Wintergarten, in den
man vom Speisezimmer aus durch eine breite Glasthüre
gelangte.
Eine warme, feuchte Luft schlug David entgegen und
löste wie durch einen grossen Kuss die Spannung seiner
Nerven. Anfangs vermochte sein durch das grelle Licht des
Zimmers verwöhntes Auge kaum die zunächstliegenden
Gegenstände zu unterscheiden.
Aber allmählich gewannen die dunklen Conturen um
ihn her an Deutlichkeit, und er erkannte die hochstieligen
Palmen, breitblätterigen Kaktusse und träumenden Chry¬
santhemen, die die Wände schmückten.
Lautlose, zauberhafte Ruhe herrschte ringsumher.
Nur das Plätschern einer Fontaine war melodisch
vernehmbar.
Langsam schritt David vorwärts.
Die langen, gewundenen Gänge schienen fast endlos.
Allmählich wurden sie schmäler und machten plötzlich
eine scharfe Wendung.
Es war dies eine wohlberechnete Absicht des
Architekten, der den Bau der byzantinischen Villa geleitet.
Denn ganz unvermuthet bot sich dem Wanderer der
märchenhafte Anblick des berühmten Palmenhauses, der
Perle der grossartigen Anlage, dar.
Wie ein gläserner Dom mit mächtiger, gewölbter,
krystallener Kuppel stand es urplötzlich vor dem über¬
raschten Beschauer.
Den Fussboden bedeckte eine dichte Schichte weichen,
grünen Mooses.
In der Mitte dieses Feenpalastes erhob sich ein Hain
schlanker, hochstämmiger Palmen, die ihre breiten Gipfel
in der Höhe des zweiten Stockwerkes entfalteten.
Hier schwebte zwischen den Baumkronen ein schmaler
Balkon, zu dem eine gewundene, teppichbelegte Stiege aus
vergoldeter Bronze emporführte.
Ein Ausruf der Bewunderung entrang sich den Lippen
Davids.
Das Palmenhaus war ihm wohlbekannt. Sein Anblick
allein hätte ihn also kaum in Erstaunen versetzt.
Was seinen Fuss an wurzelte und sein Auge mit
trunkenem Entzücken erfüllte, war die helle Klarheit der
nordischen Winternacht, die von allen Seiten durch die
Glaswände eindrang, während die grosse, gelbe Scheibe des
Mondes in scheinbar fast greifbarer Nähe gerade über der
Palmengruppe durch die Wölbung der Kuppel glänzte.
Im Contraste zwischen der südlichen Vegetation und
der weissen, hellen Schneedecke der Natur lag ein geister¬
hafter, mystischer Reiz.
Dem gleissenden Golde Isaks war es gelungen, hier
auf den sturmumwehten Höhen des Kahlenberges ein Stück
hropenlandschaft zu schaffen; aber der allmächtige Gott
spottete seines Könnens und zeigte durch das Krystall der
Kuppel dem Doctor die unendlich grossartigere Pracht des
Sternenhimmels,
(Fortsetzung folgt.)
Briefkasten der Redaction.
Ein gutur Freund, Bystritz. Sie werden das seinerzeit aus
Unseren Berichten ersehen. Anonymen Einsendern können
wir doch nicht privatim solche Dinge beantworten.
Dorsche Zion; Radäutz. Herzlichen Gruss -und Dank.
Die Prager Gesinnungsgenossen werden ersucht; ihre
Adressen in allerkürzester Zeit an Herrn I. U. G. K r a L
Prag, Qemeindehofgasse 3, einzusenden.
Herausgeber: P. Naschauer. Verantw, Red*: Dr, Siegm. Werner, Buchdrucke^ei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11