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Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung.
Nr. 1.
der festen Ueberzeugung sind, dass wir ihren Interessen besser als
jedes andere Organ dienen können, und weil nicht leere Worte,
sondern Thatsachen hiefür Zeugenschaft abgeben.
Zum Schluffe müssen wir noch auf ein altes Ammen-
märchen zurückkommen, das jedesmal aufgetischt wird, wenn wir
die Cantoren Ungarns zu engerem Anschlüsse an den österreichisch-
ungarischen Cantoren-Verein auffordern. Da heißt es: ״Es ist
einem ungarischen Staatsbürger gesetzlich verboten, einem Vereine
sich anzuschließen, der im Auslande wirkt und dort seinen Sitz
hat." Wer dies ohne Einschränkung behauptet, begeht wissentlich
oder unwissentlich eine Unwahrheit, denn sowohl der österreichisch-
ungarische Cantoren-Verein, als auch andere Vereine, wie z. B.
der österreichisch-ungarische Beamten-Verein u. A. haben die
statutarische, gesetzlich sanctionirte Berechtigung, Mitglieder in
Ungarn zu werben, und" die österreichische Negierung würde sicherlich,
wenn dies nicht statthaft wäre, einen solchen Passus in den
Statuten nicht genehmigen. Das Verbot gilt nur für politische
Vereine, nicht aber für humanitäre, und darum kann jeder
Cantor oder Vorbeter in Ungarn, ohne eine Gesetzesverletzung zu
begehen, Mitglied des österreichisch-ungarischen Cantoren-Vereines
werden, und die es bisher sind, können es getrost auch ferner bleiben.
Es wäre uns niemals eingefallen, die Collegen in Ungarn
so direkt zum Beitritt zu unserem Vereine aufzufordem, da wir
den Bestand des ungarischen Cultusbeamten-Vereines jederzeit
geachtet haben, aber da uns eine Verführung zu gesetzwidriger
Handlung und absichtliche Täuschung armer, unwissender Collegen
vorgeworfen wird, müssen wir dieses lügenhafte Gewebe durch eine
offene Erklärung zerstören.
Im Allgemeinen ist die Art der Polemik, wie sie da in der
Schlussnummer des ״Eultusbeamten" gegen uns. geführt wird/
eine so persönliche, dass wir zu delicat sind, auf dieselbe in allen
Punkten eingehend zu erwidern, und am wenigsten werden wir
dies thun, wenn dem Herausgeber der Cantoren-Zeitung der Vor-
wurf gemacht wird, dass er sich zunächst von geschäftlichen Nück-
sichten leiten lässt. Mit stolzem Hinblicke auf unsere mehr als
zwölfjährige publicistische Thätigkeit, die stets dem Wohle unserer
Standesgenoffen gewidmet war, können wir getrost behaupten: die
Achtung, welche die Cantoren-Zeitung und deren Herausgeber in
der gesammten Collegenschast genießt, ist zu groß, als dass ein
solcher Anwurf ihr abträglich sein könnte.
Zur Grgcifrage.
In meiner Artikelserie ״Ein Beitrag zur Klärung der Frage
der trationellen Tonarten", habe ich unter vielen anderen, das
jüdische Eantorat berührenden Fragen auch die sogenannte Orgel-
frage einer ausführlichen Besprechung unterzogen und bin darin
zu dem Resultate gelangt, dass die Orgel für die Synagoge ab-
solu! unzulässig ist. Meine diesbezüglichen Auslassungen hat sich
auch der Herr College Rüben st ein in Kuttenberg so sehr zu
Herzen genommen, dass er in furchtbarer Gemüthsverfaffung und
Sinnesverwirrung sich immer von bösen Träumen und Geister-
crscheinungen verfolgt und geplagt sah, die ihren Abschluss darin
fanden, dass er am Ende derselben nicht aus dem Himmel, son-
dem - aus dem Bette fiel. Er versuchte es noch sich zu be-
meistern und seine Missstimmung im kräftigen und zugleich
tröstenden ״Pilsner" zu betäuben. Aber was half es? Seine
wilde Phantasie wurde dadurch nur nvch mehr aufgeregt und die
schauerlichen Gestalten nahmen an Leben und Wirklichkeit immer
zu. Zn solch' bedauerlichem Zustande bekam altes, abgebrauchtes
Orgelgerippe Beine und Füße und hüpfte weidlich vor ihm im
Hellem Mondenscheine, und abgenutzte Orgelpfeifen bliesen aus
dem letzten Loche die lustigen Melodien dazu. Da öffnete auch ein
verschrobenes, abgedroschenes Harmonium, wie einst der Esel
Bileams, seinen Mund, um aus der ״Schule" zu plaudern und
sein in der Neformsynagoge während dreijähriger Dienstzeit ausge-
standenes Martyrium der mittlerweile erschienenen ״Orgelkönigin"
vorzuklagen. Und so in Rede und Widerrede zwischen der Königin
Orgel und der Magd-Harmonium, in welches Gespräch sich auch
der Herr Traumbefallene (als Jude) nicht ungestraft mischt,
indem alle alten, juxtreibenden Register auf ihn einhauen und
ihm das bischen Leben ausblasen wollten, ist auch die Sprache
auf mich und meine betreffenden Ausführungen gekommen. Gegen
letztere entspinnt sich eine sein sollende Widerlegung, welche an
Spott und Galle nichts zu wünschen übrig lässt und Haupt-
sächlich darauf ausgeht, mich einzuschüchtern und mundtodt zu
machen.
Ich habe bisher dazu beharrlich geschwiegen, nicht etwa
weil ich darauf nichts zu erwidern wusste, sondern eö geschah
nur deshalb, weil ich durch Krankheiten und sonstige Unfälle in
meiner Familie zu anhaltendem Schweigen verurtheilt war. Die
Wahrheit zu sagen, hätte ich mich auch sonst mit der Antwort
nicht sehr beeilt, da doch feuilletonistische Phantasiebilder und
Plaudereien nicht ernst zu nehmen sind und alles, was in einer
solchen Anwandlung vorgebracht wird, einer eigentlichen Er-
widerung nicht bedarf. Aber die Sache selbst ist eine so ernste und
wichtige und die Orgelfrage in vielen Gemeinden eine so brennende,
dass wir befürchten müssen, unsere Gegner könnten — bei
völligem Stillschweigen unsererseits —aus den dortigen scheinbaren
. Argumenten für ihrelReformsucht nur Kapital schlagen, während
unsere Freunde und Gesinnungsgenossen in ihrer Ueberzeugung
erschüttert und wankend gemacht würden. Aus diesem Grunde
allein will ich mein Stillschweigen brechen und auf die Betrach-
tungen des Herrn Collegen Nübenstein in Nachfolgendem antworten.
Und uun wollen wir Nummer für Nummer durchgehen
und die vorgebrachten Gründe auf ihre Berechtigung prüfen. So
bekennen wir denn auch gleich, dass, wie jeder Traum etwas
Wahres und Wirkliches in sich birgt, auch die Orgelkönigin darin
vollkommen Recht hat, wenn sie bei der Erwähnung des Ober-
cantors mit gerechter Entrüstung den Einwurf macht: ״Ei was!
Ein Obercantor? Meister Bach nannte sich mit Stolz nur
Cantor!" Mögen sich Diejenigen das wohl merken, die mit dieser
Würde und diesem Titel so viel prunken und mit Zähigkeit sich
daran festklammern. Und in der That, mit welcher Berechtigung
wol kann sich ein jüdischer Cantor das stolze Prädikat ״Ober-
cantor" beilegen? Etwa darum, weil neben ihm vielleicht noch ein
Cantor in der Gemeinde existirt? Das allein ist noch kein Grund
dafür, sich mit dem Glorienschein des ״Ober" zu umgeben und
den Nebencollegen stillschweigend damit zum ״Unter" herabzusetzen.
Ueberdies involvirt ja das Adjektiv ״Ober" irgend eine Macht-
Vollkommenheit und Befugnis zum Befehlen und Gebieten, über
solche, die zu dem Inhaber desselben in untergeordnetem Ver-
hältnis stehen. Ueber wem nun steht dex Obercantor, dass er ihm
Befehle irgend welcher Art zu ertheilen hätte? Doch nicht etwa
dem Untercantor, denn beide sind sie gleich dem Vorstande sub-
ordinirt, von welchem sie gleichmäßig ihre Anordnungen empfangen,
die sie pflichtgemäß ausführen müssen. Und wegen des bischen
״musikalischer Bildung" mehr mögen sie sich an dem berühmten
Cantor der Thomasschule in Leipzig ein leuchtendes Beispiel
nehmen, an dem ״Meister aller Meister", wie ihn Mozart, Beet-