i
lILI
Hr. 73
JUEDISCHE RUNDSCHAU
Seite 621
Palästina und der Kongreß
\ Von unserem palästinensischen Korrespondenten.
1 A.G. Jerusalem, den 3. September 1923.
i'l ! Den ganzen Monat August hindurch war fast alles, was
] palüstina an den politischen Arbeiten aktiv beteiligt war,
l!: f \i Auslände. Wer nur irgend konnte, benutzte die Gclegcn-
^- |^ zum Kongreß zu fahren, und wer seiner persönlichen
!"',;*ung nach gerne im Lande geblieben wäre, den zwang
I i.^Amt zur Reise. In den verschiedenen Institutionen lief
j'ij Maschine mit Hilfe der Zurückgebliebenen weiter und
II ' j fS wartete darauf, daß die Arbeit wieder in normalen
V i komme.
\j i Man verfolgte den Verlauf des Kongresses in Palastina
gpolkr Anteilnahme, vermutlich mit größerer als irgend
id:!:;c^ a anders. Hcnn nirgends bekommt man das „Gelingen"
A;::- -i\ r Nicht Gelingen" der Konferenz so stark am eigenen
■ sie ; i j^jj C zu fühlen, wie im Lande selbst. Ist bei den ver-
c ' i fliicdencn Richtungen im Galuth der Sieg des einen oder
^ li ' ; i )-s anderen Flügels wesentlich für den Aufstieg oder Ab-
™ f^« der Gruppe, so bedeutet für Palästina die Stärkung
P [''et Schwächung der Parteien sofort merkbare, sehr reale
j; ••". r ;inderunnen im tätlichen Leben. Die Zusammcnsct/ung
! In u ;, f Lxtkutivc, die Verteilung des Budgets, die Strllung
:!>,'f : 'die Perspektiven der nationalen Fonds, die Stcllung-
\ : - -ihme zu den Arabern, die Aussichten auf größere oder
'? v ■yincre Anleihen, der Ausbau oder die Schaffung von
, jücii, das alles sind in Palästina keine prinzipiellen Fragen
'? >,'.(] Beschlüsse, sondern' aktuelle Faktoren, die sich recht bald
•'V3 1 'ilbar und wirksam bemerkbar machen, weit fühlbarer und
die £ ivirksamer als irgendwo im Galuth, wo man eben doch
;;:!■> .-leugbar „weiter vom Schuß" ist. Kein Wunder also, daß
:rci; : : l 3n in den . letzten zwei Wochen mit großer Spannung
»•he % l t Wiener Telegramme verfolgte, sich über so manche
'•''^verständliche oder halhvcrständlichc Nachricht den Kopf
LC . j ;rr hracli und heftige Diskussionen führte. Kein Wunder,
,t:' :3 man die Zahlen des Palästinabudgets immer wieder und
'• wieder verglich, sie gegen die Bedürfnisse des kommenden
i:L; bares abwog — notabenc, wie man sie auch drehte, immer
Au • »• :j klein fand, sich aber durch jahrelange Gewöhnung trai-
r ; C rt, achselzuckend in sein Schicksal ergab — und mit
wgcduld auf die Beschlüsse des letzten Tages wartete,
itr den Ausgang der Kabinettskrise und die neue Leitung
fingen sollte. Nebenbei bemerkt hatte man in Palästina
jirnit gerechnet, daß dieser Kongreß wichtige Acnderungen
'l'-. rringen müsse, sowohl was die administrative Seite, also
,:-"{di*n Aufbau der Zionistischen Organisation betraf, als auch
• ' vor allem, was die Finanzen anging. Denn daß man auf
•ic Dauer nicht so weiter arbeiten könnte, wo sich der
Zwiespalt zwischen Bedarf und Haben immer vergrößerte,
war leider nur zu klar. Es macht ja in Palästina schon gar
i /einen Eindruck mehr, daß man auf jede Frage, warum
j, dis nicht in größerem Rahmen und besser gemacht würde,
c- : % überall auf allen Gebieten und in allen Kreisen die sterco-
|; rype Antwort bekommt: „Ejn Kcssef", „Kein Geld da".
)■ Ins ist jedem so selbstverständlich und geläufig, daß es
f. höchstens auffallen würde, wenn man einmal eine andere
•; Antwort erhielte. Aber mau ist auch vor solchen Ucbcr-
Was also Palästina von
lein eine Erweiterung
rgrößerung cjes fiuan-
f bellen Rahmens. Man wußte, daß auf eine beträchtliche
fif: -Gerung der nationalen Fonds vor der Hand nicht zu
n'l | rechnen sei, dachte deshalb auch nicht an sofortige bc-
deutende Hilfe. Aber man hoffte und wartete auf die Ein-
!' leitung einer Aktion zu Anleihen — man mag sie National-
Z »leihe oder irgendwie anders nennen — die nach, einer
:i Arbeit von ein oder zwei Jahren unseren Aktionsradius so
] ^weiten sollten, daß wir einmal Atem schöpfen könnten.
•;■ Licnn man soll sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß unser
1 bisheriges Budget uns keine Entwicklungsfreiheit gab, auch
; • man aufgehört hatte, von „Krisen" zu sprechen, weil
• « schließlich auch nichts weiter genutzt hätte. Aber wer
« einmal erfahren hat, was es heißt aus der Palästina-
... txekutive ein paar hundert Pfund zu rechter Zeit hcraus-
: pichen, weiß auch, was es heißt, mit vier oder fünf-
' ^nderttausend Pfund im Jahr Kolonisation zu treiben.
*; .i.iiuuu cniiein.. inaii i.-u aiiLii
r- 8 wclitnigen bisher sicher gewesen. Wa:
r |i d.m Kongreß erwartete, war vor alle
;! ji c':r Arbi-itsmöglichkeitcn durch die Vcrj
Das Budget als solches konnte keine großen Ucbcr-
raschungen bringen, denn es war von vornherein klar, daß
eine bestimmte Erhöhung .stattfinden würde, die aber den
sehr stark gewachsenen Bedürfnissen nicht entsprechen
konnte. Dagegen war es unbestimmt, oh sich der Kongreß
oder besser gesagt, seine Finanzkommission ernsthaft mit
der Aulcihefrage, sowohl für Bodenkauf wie für Koloni¬
sation beschäftigen würde. Die Telegramme der ersten
Kongreßtago, die •-• in einer sehr lakonischen Kürze —
von einer Anleihe über zehn Millionen Dollar unter Bürg¬
schaft dos Völkerbundes sprachen, erregten deshalb Inter¬
esse. Freilich wußte man, als nachher nichts weiter über
diesen Punkt verlautete, nicht recht, woran mau war, be¬
sonders als die Telegramme dos letzten Tages nichts davon
sagten, ob dieser Beschluß bestätigt worden sei und wie
man ihn ins Work zu setzen gedenke. Es bleibt für Pa¬
lästina also abzuwarten.
Man stellt das Land überhaupt auf eine starke Gedulds¬
probe. Als die letzten Berichte über den Kongreßschluß
kamen, suchte man vergeblich nach der neuen Exekutive,
auf deren Zusammensetzung man vcrständlichcrwcisc mit
Spannung wartete. Aus den Vermutungen und zum Teil
unverständlichen Angaben, die vorangingen, konnte man
nichts klares entnehmen. Der Beschluß des Kongresses, die
Wahl der Exekutive, dem Präsidenten und dem Aktions¬
komitee zu übergeben und zwar im Verlauf von drei
Monaten, war wenig geeignet, die Spannung zu lösen.
Auch wenig geeignet, gute Perspektiven zu eröffnen. Die
Monate, die jetzt kommen, sind für die Kolonisationsarbcit
im Lande die wichtigen und a u s s c h 1 a g g c b c n d c n
vor allem, soweit sie die nationale Kolonisation betreffen,
um die es sich ja bei der Budgetbestimmung dreht. Im
Kolonisationsdepartement und im Arbcitsdcpartcmcnt ist es
jetzt höchste Zeit, die Vorarbeiten für das neue Jahr zu
treli'en. Der Boden, der neu besiedelt werden soll, ist
zu bestimmen und abzugrenzen, die Gruppen, die zur Au-
sicdlung kommen, sind auszuwählen und vorzubereiten, die
Vorbereitungsarbeiten durchzuführen, erste Unterkunftsmög¬
lichkeiten zu schaffen usw. usw. Die bestehenden Botriebe
müssen jetzt für das neue Wirtschaftsjahr ausgestattet werden,
sie müssen wissen, womit sie zu rechnen haben, danach ihre
Bestimmungen treffen, für Saaten bzw. für die nächsten
Anschaffungen sorgen und was dergleichen Dinge mehr
sind. Die Arbeit in den Kolonien muß in ihrem Umfang
und in ihrer Art für das neue Jahr bestimmt werden, in den
Städten sind eine Reihe von Aktionen einzuleiten, die natür¬
licherweise an den Anfang des neuen Arbeitsjahrs gehören.
Im politischen Departement steht mau vor einer Reihe von
wichtigen Aufgaben, die nicht einzeln aufgezählt werden
müssen. Die neue Arbeitsperiode seit Antritt des High
Commissioncrs ist bisher ein unbeschriebenes Blatt und es
wird sehr darauf ankommen, wie die Einleitung lauten wird,
die dieses neue Buch unserer Kolonisatiousgeschichtc er¬
öffnet. Und so könnte man ein Arbeitsgebiet nach dem
anderen vornehmen und aufzeigen, daß die kommenden
Monate wichtige Aktionen und Neuerungen bringen müssen.
Hat man doch so manche Frage in ihrer Lösui.g zurück¬
gestellt, weil man von der Noukonstdlation und den Be¬
schlüssen des Kongresses ihre Lösung abhängig machte.
Nun hat man die bestehende Exekutive in ihrer Arbeit
belassen und drei Monate Zeit gegeben, um eine neue
Leitung zu wählen. Die Folgen •sind klar. Man wird in
diesen drei Monaten das Nötige erledigen, die Maschine
in Gang halten, aber es wird niemand wagen, neue große
Dinge in Angriff zu nehmen, Neuerungen und Umwandc-
lungeu durchzuführen, weil man ja doch nicht wissen kann,
wie sich nach drei Monaten das Blättchen wenden kann,
ob man im Amte bleibt, und wie die neue Leitung aus¬
sehen wird. Denn trotz aller Wahrscheinlichkeitsprognoscn,
die mau nach dem Verlauf des Kongresses und den Kräfte¬
verhältnissen, die er offenbarte, stellen kann, ist man der
endgültigen Gestalt der Exekutive keineswegs sicher. Und
es wäre keinem Mitglied der bestehenden oder vielmehr
der vorigen Exekutive zu verdenken, wenn es sich in diesen
kommenden drei Monaten von allzu verantwortungsvollen:
Handlungen fernhält, ja, es wird wohl nicht ausbleiben, daß
in dieser Intcrimszcit so manche wichtige Forderung un¬
erfüllt bleibt, weil ja immer der plausible Grund da ist,
es handle sich um ein Provisorium.
Alle diese Ucbcrlogungen helfen dem Lande sehr wenig.
Es ist post feslum und post factum. Wenn das ausführliche
Protokoll und die endgültig redigierten Beschlüsse an¬
kommen, wird man wissen, ob dieser Intcrimsexckuiivc de¬
taillierte Direktiven auf den Weg gegeben worden tind.
Dann wird man ungefähr über die Perspektiven der nächsten
Kongreßperiode urteilen können. Zur Zeit diskutiert jeder
Kreis im Jischuw für sich die Frage, welche von seinen
Forderungen man nun in nächster Zeit erfüllen wird. Der
eine sorgt um die Hypotheken, der andere um die Agrar¬
bank. Der tun die Unterstützung der Mittelklasse, der um
die Schchunath Owdim. Der um die Maßnahmen auf dem
Bodenmarkt, der um die Frage der Neukolonisation. Der
schließlich um die neue Gesellschaft zur Förderung der Stein-
industric und der andere wieder um den Bau von Synagogen
in den Kwuzoth. So geht es weiter in die Unendlichkeit.
Unterdessen tut jeder die ihm zugeteilte Arbeit so gut
wie er kann und wartet auf die neue Leitung, die das
Schicksal der jüdischen Heimstätte für die nächsten zwei
Jahre entscheiden soll.
Kmplann zu Ehren Lord Pluir.crs in Jerusalem
Jerusalem. (J. T. A.) Am 8. September fand im
Garten der Jcrusalcmcr Stadtverwaltung ein Empfang zu
Ehren des neuen Oberkommissars, Feldmaischulls Lord
Plu m er, statt. Die Stadtverordneten, die Führer der po¬
litischen Gruppen und die Vertreter der Kaufmannschaft und
der verschiedenen Berufe im Lande wurden bei dieser Ge¬
legenheit dem neuen Oberkommissar vorgestellt. Zur
rechten Hand des Oberkommissars saß der Präsident
der palästinensisch-arabischen Exekutive Musa Kazim
Pascha, zur linken Hand saß der Leiter des politischen
Departements der zionistischen Exekutive Colone! F. H.
Kisch. Lord Plumer unterhielt sich angelegentlich mit
allen erschienenen Gästen.
Lord PInsaers Reise nach Transjordanien
Jerusalem. (J. T. A.) Ganz unerwartet begab sich
Lord Plumer mittels Flugzeug am 7. September nach
Amman, der Hauptstadt von Transjordanien. Der
Besuch wird mit der inneren Krise der transjordanischen
Regierung in Zusammenhang gebracht, die in den gespannten
Beziehungen zwischen dem Emir Abdullah und seinem
Premier R i k a b i Pascha ihren Ausdruck findet. Es
verlautet ferner, daß Lord Plumer mit Abdullah und den
Mitgliedern der transjordanischen Regierung über Vor¬
kehrungen zwecks Einhaltung einer strikten Neutra¬
lität im Kriege zwischen den Franzosen und
den Drusen in Syrien verhandelt hat. Die trans¬
jordanischen Behörden verhafteten den Scheich eines Be¬
duinenstammes, der die Drusen unterstützte. Bis jetzt
herrscht in Transjordanien vollkommene Ruhe.
Arabische Forderungen nnd Wünsche
Oberkommissär Lord Plumer hat gleich nach Ucbcrnahme
seines Amtes und Entgegennahme der Berichte der einzelnen
Ressortchefs mit dem Studium der von den einzelnen
politischen und religiösen Gruppen unterbreiteten Denk¬
schriften, welche deren Wünsche und Beschwerden ent¬
halten, begonnen. Entsprechend der von den arabischen
Nationalisten für die nächste Zeit beschlossenen Taktik
richtete die arabisch-palästinensische Exekutive in ihrem Memo¬
randum an Lord Plumer die konkrete Forderung, die Juden
von den höheren Amtsstcllcn, sofern sie noch
solche bekleiden, insbesondere jedoch aus dem Ein¬
wand c rtui gsa m t zu entfernen.
Die arabische nationale Presse ist bezüglich der Er¬
füllung ihrer Wünsche sehr optimistisch; das Organ der
arabischen Exekutive „Fe lest in" will sogar wissen, daß
Plumer entschlossen sei, den Stadtrat von Tcl-
Awiw seiner autonomen, munizipalen Rechte,
hauptsächlich aber des Rechtes auf eigene
Polizei, zu entkleiden und auch andere Institutionen
der Stadt aufzuheben.
t! "« unermüdlichen selbstverständlichen Wohltätigkcitssinnes,
Vic sie in dieser Vollkommenheit auf Erden nur bei Juden
^treffen ist. Jeden Donnerstag Abend und Freitag nach¬
mittags, vor dem „Lcchtbenschcn" pflegte meine Gro߬
mutter in Begleitung einer triefäugigen'Jüdin namens Marjcim,
'" rf r Aiimoniere, mit vollgefüllten Töpfen und Schüsseln und
•£ha!cs" (in Deutschland Barches genannt) zu verschwinden,
uer Weg der zwei Frauen führte zu den „Verborgenen", d. h.
?u solchen Leuten, die ihre Armut geheimhielten. Eher hätte
J:c h meine Großmutter die Zunge herausreißen lassen, als
sie den Namen einer „Verborgenen" verraten hätte.
Mittelpunkt ihres Betätigungsdranges, dauernd zu geben,
Ü ,1r für meine Großmutter, die j.Pischkc", das war die
;■taliikabüclisc des AU'ir Baal-Ness. Unzählig waren die Ge-
^'"ll'iicn, b.i denen die l'Nehke bedacht wurde. Beim
" r - ! 'a!inehmcn", d. h. bei Gelegenheit des Barchcshackens,
' Ao man verpflichtet ist, einen Teil des Teigs den Kohanim
^ opfern, gab meine Mutter, deren Mann Lcvite war,
Ablösung einen Betrag, das „Chalegeld", in die Büchse,
i^'ß meine Mutter als Frau eines Kohens von dieser Ab-
^""Rspflicht entbunden war. Nach Hawdalah, am Sabbat-
^■tlang, g a b meine Großmutter eine Spende in die Büchse.
J n jedem Montag und Donnerstag, die als Halbfasttagc
fachtet wurden, vergaß man an die alten Juden nicht,
ff ^ Jeruschulaim vor der Klagemaucr für das ganze Volk
^ ra cl Gebete sagen. Das waren die regelmäßig wiederkeh-
od S P cndc " t t , rminc. Außerdem aber bot das Gelingen
> ." fr . Mißlingen irgendeiner Sache, jeder Ik-such und jede
ä r ? SC Von Q äs tcri » alle Feiertage und freudigen Ereignisse
j,. ° c r Familie willkommenen Anlaß, etwas in die Pischkc
''"Anzuwerfen. Diese, ein Hohlzylinder aus Blech mit einem
jj «mitiven Vorhängcschlößchcn, hing in der guten Stube aji
U • °f tWand ncbcn dcm Misrachbüd, das zwei „dräuende
h *5 n " darstellte, die in ihren Pranken die zwei Tafeln des
bun des hielten.
»n Alter von 16 Jahren wurde ich in die Geheimnisse des
v ;°. n '^us eingeführt, d. h., um genau zu sein, ich hatte schon
1 früher von der neuen Bewegung, von Dr. Hcrzl und
l^A? l>IauC ' * tir dic J utlcn cil1cn St,lat zu begründen, gehört.
j n 'Wer von 16 Jahren aber wurde ich von einem Kameraden
Stud ll,C ^ , "' cror 2 am ' sal i on .iSckeilt", in der Mitglieder von
"cntenvcrbindungen Vorträge über Zionismus hielten. Es
ist zu bemerken, daß derartige Schülcrvcrbiudungcn von der
Sehlde verpönt waren und daß für die Zugehörigkeit zu
einem derartigen Verein die allcrschwerstcn Disziplinarstrafen,
Karzer und Ausschluß, angedroht waren. Zu Ehren aller
Mitglieder unserer „Blase" sei es gesagt, daß kein einziger
Junge vor Unberufenen das Geheimnis von der Existenz der
Schülerverbindung ausplauschte. Line der Hauptaufgaben
unserer Vereinigung war die Werbung neuer Anhänger für
den Zionismus und die Sammlung von Spenden für den
Nationalfonds, um von der Erlösung des Volkes den Boden
des Landes zu erlösen.
Im eifrigen Betätigungsdrang beschloß ich in den nächsten
Ferien aus meiner Großmutter eine Zionistin zu machen und
vor allem ihre leidenschaftliche Spcndcnhr.t für den National-
i'oiuls auszunutzen. Mit einer Keicu lM-jemeHi-Buchs.' aus¬
gerüstet, trat ich die Reise aus der Gymnasialstadt nach
Czortkow an und bald nach meiner Ankunft machte ich mich
daran, meine Großmutter zu bekehren. Es galt in der
Hauptsache ihre geliebte Meir Baal-Ncss-Pischkc gegen die
mitgebrachte Nationalfondsbüchse umzutauschen.
Meine Großmutter hatte auch schon vom Zionismus und
von Dr. Hcrzl gehört und meine feurigen Agitationsreden
waren für sie keine Ucbcrraschung. Sie wollte jedoch von
meinem Plane nichts wissen. „Kind" — sagte sie mir —
„Euer Beginnen ist gegen die Verheißung. Gott hat uns
in seiner Weisheit in die ganze Welt zerstreut und Gott wird
uns durch seinen Messias aus dnn Gölte; erlösen. Fs ist
eine Vermessenheit, Gott in den Arm zu fallen und außerdem
seid ihr ja alle mit curein Dr. Hcrzl keine richtigen Juden,
die das Volk zu erlösen vermögen". Gegenüber dieser Argu-
menticrung wußte ich mir keinen Rat. Es dauerte Tage bis
ich mir ein passendes Gegenargument zurechtgelegt hatte. Als
wir eines Abends im großen Garten des Wunderrabbi spa¬
zieren gingen, machte ich mich vorsichtig ans Werk. „Gro߬
mutter" — sagte ich — „ist es wahr, daß alles, was auf
Erden geschieht, von Gott vorher bestimmt ist?" „So ist es
mein Kind" — bejahte Großmutter meine Frage. — „Also
ist auch das, was Dr. Hcrzl tut und «agt, von Gott voraus¬
bestimmt und wir alle, die wir Hcrzl helfen wollen, sind
Werkzeuge Gotte.-»". Voller Bcgebtcnnig hatte ich diese Ar-
mentierung vorgebracht und meine Großmutter wurde stutzig.
Diese neuartige Beleuchtung der Frage hatte sichtlich Ein¬
druck auf sie gemacht.
Trotzdem war sie doch nicht dazu zu-bewegen, den Ehren¬
platz beim Misrachbüd, den ihre geliebte Pischkc innehatte,
meiner Nalionalfondshüchsc einzuräumen. Das einzige, was
ich erreichte, war, daß ich meine Büchse bei der Abreise bei
der Großmutter zurücklassen durfte, „denn" sagte meine
Großmutter „für jeden Fall handle es sich um eine jüdische
Sache und kein Jude könne dawider sein."
...Viele viele Jahre waren ins Land gezogen; ich hm
nicht mehr zu meiner Großmutter gekommen. Ich lebte
in Wien, kam selten nach Hause und keinmal mehr nach
Czortkow. Da brach der Weltkrieg aus. Czortkow wurde im
August des Jahres 101 1 von den Russen besetzt und ei>:
im Soinmrr l«)|7 von der drutsolu U Armvr zuruel.:-:-. >b ; 1.
Der Zufall, der uns An;-ehöri;;c der ö«Ucneichischen Ar;,;« e
bald an die Front im Norden, bald au die Fronten im Sikicr*.
und Osten stieß, führte mich im Herbst 1917 an die v o'.hy-
nische Grenze. Ich erbat mir bei meinem Kommando Urlaub
und nach beschwerlicher Fahrt unter Benutzung aller sich
hicten Reisegclegenheitcn kam Ich eines Tages j'.-idur.orgon 1 ;
in die Stadt meiner Großmutter. Es war an einem Fre;'.ag.
Im Laufschritt jagte ich in das mir wohlbekannte Haus,
lief durch die Küche in die gute Stube und dort fand ich
meine liebe, alte, gute Großmutter vor dem Misrachbüd gerade
im Begriff, in- die Natioualfondsbüchse, die neben dem Bilde
hing, das Chalegeld hineinzuwerfen____
Fs sei mir erspart, das Wideisehrn zu schildern. Au,
den vielen Gesprächen, die ich während der wenigen ür-
laubstngc mit meiner Großmutter führte, sei nur wieder¬
gegeben, was sie mir über ihre innere Wandlung erzählte.
Während der Bcsetzungszeit hatte sie viel von den russischen
Soldaten zu leiden gehabt. Am stärksten berührte sie je¬
doch der Umstand, daß sowohl bei den Oestcrrcichcrn wie
auch bei den Russen jüdische Soldaten kämpfen mußten.
„Das kann Gott nicht wollen" — sagte sie — „daß sich
jüdische Kinder gegenseitig umbringen und überdies weder
von der einen noch von der anderen Seite Dank ernten. .
Wenn wir schon kämpfen und sterben müssen, dann für
unscr eigenes Volk. . Ich bin zwar keine Zionistin ge¬
worden; dazu bin ich zu alt und ich könnte Euch auch
wenig nützen. Aber, was Ihr tuet, kann nicht gegen Gottes