Empfinden de* religiösen Lebens als Idyll ist gar nicht alten Datums,
ist nicht etwa Erbschaft aus einer Zeit, in der die Religion noch
nicht, von Gefahren umdroht war, wie heute. Vielmehr hatte religiö¬
ses Wollen gerade in jener Zeit Neigung, weit über die normale reli¬
giöse Betätigung hinaus anzuschwellen. Und daraus folgt, dass die
Idyllfreudigkeit nicht eihr alte Schuld ist.an der unsere Thuratn üet)
noch kranken, sondern «.-nie ner Schuld oder besser ein Symptom
des heutigen'Verfalls im allgemeinen. Was aber das Niohtrinpe-
stelltsein des religiösen Menschen auf materielle Gesamtheitsziele
betrifft, so entschuldigt es in keiner Weise den Mangel an treibender
und schöpferischer Kraft ; der in der thoratreuen Judenheit festzu¬
stellen ist. Denn unf solche zu entwickeln, braucht der religiöse
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Mensch gar keine materiellen Ziele, die ihn erst anfeuern müssen,
sondern nur, dass sein religiöser Eifer glühe und nicht bloss glimme.
Fehlt es an dieser Glut, dann ist eben seine Religiosität krank, dann
ist er im religiösen Idyll eingeschlafen, dann ist Behebung dieses
Mangels selbst höchstes Ziel und dann sind etwaige materielle Zwi¬
schenziele am Platze, um ihn, wie Meilenstein« den eilenden Ucj. en¬
den, mit wachsender Spannung zu erfüllen.
Sind wir nun aber einmal soweit gek ommen, uns einzugestehen,
dass trotz aller aufgewendeten Mühe unsere thoratreue Judenheit
aus ihrem idyllischen Schlafe noch nicht erwacht ist, dann haben wir
uns eben nur selber bescheinigt, dass wir nicht «Zug in die Sache zu
bringen» vermochten.
Wir organisierten. Gut! Organisation in allen Ehren! Aber selbst
inbezug auf geistige und gesellschaftliche Kategorien, die nicht von
so feiner Substanz sind wie die Religion, ist es damit allein nicht ge¬
tan. Auch für sie ist Organisation nur ein Werkzeug, das sie gut ge¬
brauchen können, solange sie selbst noch die Kraft besitzen, es zu
handhaben, solange eigene Bewegung, eigene Entfaltung, eigenes
Wachstum in ihnen ist, das ihnen aber zu nützen aufhört, ja immer¬
mehr zum Unheil für sie wird, je mehr Bewegung, Entfaltung,
Wachstum aus ihnen schwinden. Wie aber erst, wo es sich um Reli¬
gion handelt, um dieses höchste und empfindlichste Vermögen der
menschlichen Seile, um deren Hineinhorchen in die Ewigkeit! Was
nützt alle sichtbare Vereinigung unserer Getreuen, wenn wir die
Treue selbst nicht in ihrem wirkenden Wesen und in ihren Entfal¬
tungsmöglichkeiten hegen? Wag nützt es, dass wir sie mit äusserem
Schutzwerk umgel>en, wenn wir ruhig zusehen, wie die von aussen
Behütete von innen immer mehr einschrumpft?
Wir organisierten. Gut! Organisation in allen Ehren! Aber was