EINE JÜDISCHE A\ONATSSCHRlFT
I.JAHR, VI.HEFT TEWES 5691 (JAN. 1931) BERLIN-WIEN
IN DEN VERSCHIEDENSTEN LÄNDERN KAM ES IN
DEN LETZTEN WOCHEN ZU DEN ERNSTESTEN AUSSCHREI¬
TUNGEN GEGEN DIE JUDEN. DIE ANTISEMITISCHE BE-
DRANGNm WIRD IMMER GEWALTTÄTIGER. DIE AUS¬
SICHTEN SIND TRÜBE. UM SO MEHR IST ES NOTWENDIG,
SICH DIE SITUATION KLAR ZU MACHEN. WIR VERWEISEN
IN DIESER BEZIEHUNG AUF DEN LEITARTIKEL DES VOR¬
LIEGENDEN HEFTES (MUSS ES NOCH SCHLIMMER KOM¬
MEN?) UND AUF DIE NOTIZEN „MONOMANIE" UND „UBER
DEN ANTISEMITISMUS".
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Die Hedriinicnis wird immer schlimmer. Selbst in Hngland und
Amerika zeigen sich unerfreuliche Symptome. Die Länder Ost- und
Mitteleuropas aber vervollkommnen sich immer mehr nach der Richtuns:
antijüdischcr Gewalttaten. Pogrome und Pogrömchcn verschiederfcr Art
sind an der Tagesordnung, üb jüdische Stadtteile in Brand gesteckt
werden oder einzelne Juden auf der Straße oder in der Stadtbahn nur
auf ihr jüdisches Ausgehen hin niedergeschlagen werden oder Studenten
ihre jüdischen Kollenen und Kolleginnen (!) tätlich milihandcln — es ist
'mmer im Grunde dasselbe. Auf die Zahl der Opfer und die Schwere
der Verwundungen kommt es schlicUtTch nicht an. sondern nur darauf,
daß überhaupt zur Gewalt, und zwar zu einer (iewalt gegriffen wird,
die sich nicht als die von Kriegführenden, sondern die von Henkern an
Schwerverbrechern gibt. Man kann es noch als ein Glück bezeichnen,
daß den Massen der Juden dieser Charakter der heute üblichen anti-
uidischen Attacken nicht recht zum Bewußtsein kommt. Denn wehe
denjenigen, die ihn klar erkennen. Wie ungeheuerlich die bloße Er¬
kenntnis, auch wenn gerade keine Gefahr droht! Und wie schrecklich
die Angst, da Ii es wirklich niemals möglich werden sollte, das Richtcr-
nnd Nachrichterpathos dieser antijüdischen Uebcrzeugung zu er¬
schüttern, die Angst vor der Ewigkeit des Pogroms, der Pogromneiitunic
und der Pogromfahigkcit!
Natürlich flüchtet man schließlich vor dieser Angst ins Denken und
Grübeln und gelangt dann zunächst zur Präge, wie sich eigentlich (betet
unerschütterliche pathosgeladene Urteil gebildet hat? Wohlgemerkt.
dieses besondere Urteil, nicht der Judenhaß überhaupt. Was diesen bc-
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