Freies Blatt.
Nr. 48.
nur die Antisemiten, wenn irgendwo ein Viimp auftaucht, sich ver¬
pflichtet fühlen, zu erklären, daß der Betreffende keiner der ihrigen sei.
(Jüdische Kosaken.) Der „Jcschny jkr.ag" thcilt über jüdische
Kosaken am Don Folgendes mit: „Unter der Negierung dcS Kaisers
Nicolaus wurden Kantonisten (jüdische Loldatrnsöhnc), die Hornbläser
waren, in das Land der Kosaken coinmandirt, um dir Letztere» in den
militärischen Signalen zu nuterrichtc». Einige- derselben' haben sich im
Gebiete niedergelassen und wurden in der Folge dem Kösakenstand
zugezählt, ohne daß sie deshalb genöthigt wurden, ihre» Glaube» zu
ä»dßr». Man wollte dazumal diesem Umstaude keine besondere Be¬
deutung beimcffcn. Erst viel später, als die jüdischen Kosakcnfchiiilicn
sich bedeutend vermehrt haben und die Juden überhaupt ein wichtiges
nnd geachtetes Element des KosakcnthnmS am Don wurden, versuchte
cS die Ecntral-Militärvcrwaltung. welche nicht nmhin konnte, aus den
Berichten des HetmanS das stetige Anwachsen der jüdischen Eonfession
zu constatircn, und darin eine Gefahr erblicken zu müsse» glaubte, den
jüdischen Kosaken am Ton den gütlichen Borschlag zu niachcn, entweder
dcn-Glauben ihrer Bätcr zu verlassen npd zur orthodoxen Kirche übcr-
zutrcten, oder' daS Gebiet und mithin auch den Kosakenstand zu vcr-
lasicn, iu welchem Falle ihnen UntcrstützungSgcldcr versprochen wurden.
Doch die jüdischen Kosaken lehnte» das Eine wie daS Andere mit gleicher
Entschiedenheit ab, nnd man ließ sic ruhig weiter gewähren." Gegen,
wärtig hat die Sbrigkeit im Kosakcnlandc von Petersburg die stricte
Beeisung erhalten, wie der „Jeschuy Kraj" mitzutheilcn und die
„Nowosti" zn bestätigen weiß, die genauesten Angaben über die
Zahl der jüdischen Kosakenfamilien und deren Bestand cinzuscudcii.
antisemitischen Oereinen- und Oer
sannnlungen.
lKkar und deutlich.) Die Temonstralioue» de» llciucn Häufleins, welches
ans Schönerer schwört, lasten au Klarheit und Deutlichkeit »ichlS zu wünschen
übrig. ;}Ar Feier deS^Gedcnktages der Begründung des Tciltsche» Reiches fand
eine Jestverjaininlnug des „Deutschen VolkSvereineS" statt, bei ivelcher
der Redacteur eines Uliner Antiscinitenblatles eine „markige Rede ' hielt, die in
einen „Heilrus" ans Bismarck anSklang. Tic eigentliche Festrede besorgte ein
ninger Mensch, welcher RaknS heißt nnd an der inedicinischcn Facullät
innnatriculirt ist. Rach cinei» von der „Ostdeutschen Rundschau" mit-
gclheilten Berichte sagte dieser Festredner: „Ter Staat weiß durch seine Schul
gesetzgebnng i» wohlberechneter Weise zu sorge», daß seine Anschauungen jeder¬
zeit wohl gehegt nnd gepflegt werden, und sucht dieselbe» »och nach Kräften
durch den religiösen Glaube» zu stübc». . . . Müssen toiV es hciuzmage nicht
»och immer erlebe», daß Kinder deutscher Ellern von Staaiswege» die Ge
schichte eines Volkes mit peinlicher Genauigkeit cingetrichtert erhalten. daS uns
nicht nur ganz fremd, sonder» in seinem Wesen auch höchst-
•(in »inst, und daß die Ausiprüche deSsclbeu als göttliche Weisheit zu Hallen
ilmen anbesohlen wird, während die wahrhaft göttliche» Ideale unseres Volkes
mit Fußen getreten, verhöhnt »nd in de» Kolh gezogen werden, wahrend »ns,
lvcnn wir für die Ideale unseres Volkes cintretcn, Verfolgung, ja Kerker
diohl. . . . Tie Gesundung nin'creS Volkes kan» nur dann mit Riesenschritte»
vorivärtS geben und gründlich für dauernde Feiten gesichert werden, wenn die
deutsche Geschichte dem eigenen Volte nicht mehr ei» unverständlich Vnch.mil
sieben-'Ziegeln ist, sondern wenn die deutsche Geschichte Pas Evangelium keS
'deutsche» Volles geworden, au» dem es allein seine Heilslehrc schöpfe» lau».
Aber getrostI Man wird es noch erlebe», daß die germanische und insbesondere
die nordische Gefühls- und AnschauungSarl, eine freiwillige Milgabe der Mutter
Natur, die angejüdelten Vorstellungsweisen, die ein Ergebnis; künstlicher Ver
lchulung und religiösen Irrlhuines darstellen, mit Macht überwinden nnd nieder
ringen wird." Darüber, was Rakus unter „augejüdcllen Vo> stelluiigsweise»"
versteht, werde» auch Judenfresser vom Schlage eines Brunner, Wiesinger »nd
Schcicher keinen Moment im Unklaren sein, Tie „christlich germanischen Ideale"
sind »u» ei» überwundener Standpunkt; jetzt wird für die „nordische GcsühlS-
»nd AnschauungSarl" geschwärmt. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese
Schwärmerei, gesährlich ist oder nicht. Jeder ilefterreichcr, der. sich seiner
Pflichte» gegen Kaiser und Reich bewußt ist, dor nicht a» LandespreiSgebung
denkt, muß es aber mit Entrüstung zurückweiic», daß so ein Schwärmer sür
nordisches Barbarenthmn auch die. Mahnung ergehe» läßt, an dem größten
Werke der Deutschen", an dem „deutsche» Vater lau de" bis zu dessen
„Vollendung" mit- und weiter zn arbeiten. Der Junge zwitschert übrigens
io, wie die Allen singen. In einer früheren Festversammlnng dcS „Deutschen
Volksvereines", die anläßlich dcS, sechzigste» Geburtstages Tühring'S statlsand,
iagle der Festredner, Fabriksleiter Joses Carl Kern reut er: „Gerade wir haben
diese Gelegenheit gerne ergriffen, um zu zeigen, daß unser Blick auS dem
dumpfen Kerker, in de» wir eingeschlossen sind, verständniß- und
liebevoll zn den Hochgipfeln deutscher Größe emporzuschaue» vermag" Ter
Anhang Schönerer« schließt über seine nunmehrige Stellung zum Ehristenthnm
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und z>w staatlichen Gei»ei»scha!t, i» der wir leben, jede» Zwcijel au». Ria»
weiß, wessen man sich von ihin zu 'versehen Hai, und es ist »ich: schwer, sich
danach einzurichlen, während die Aniiihrer der Christlich Socialen heuchlerisch
ihre wahre» Ziele verbergen und im Trüben zu fischen suchen. Ter Verein,
als dessen Dbmann Psenncr.snngirt, kann weit eher unberechenbare» Schade»
verursachen als der „Deutsche Volksverein".
(Elttuproulittirt.) In Folge der Wanderveriammlung des Vereins „T e n l s ch e
Presse" in Währing erscheint der Abgeordnete Franz Richter arg com
promitlirt. Dieser au» Slcncrgcldern aller Staatsbürger erhaltene Millelschul-
lehrer wagte es, al» er für daS ZukunflSbÜttt der Antisemiten Stciinvendcr'scher
Färbung die Reclainetrommel schlug, die Juden als Fremdlinge hinzuftelleir
nnd von der Rothwendigkcit zu sprechen, die Feffcl» einer Fremdherrschaft ab
zustreifeii. - Einem Mitlclschullehrer steht es übel an, die jüdischen Steuerträger
nicht lals Ei'ihcimische anerkenne» zu wollen; von einem solchen erwartet man
mehr Verständniß und mehr Takt als ;. B„ von eincin subalterne» Post-
bediensteten. Hat Herr Fra»; Richter schon durch den Ton, welche» er selbst
anschlug, sich eine-..Blöße gegeben, so -wird er in noch höherem Grade von Ver
gaui comproinilsirt, welcher ans Anlaß dieser Wandervcrsammlung erzählt, daß
Richter daS übelriechende Btatl von der Linke» Bahngaffe wiederholt „in Anspruch
genommen" hat. -
(Laudatores temporis aeli.t Man schreibt u»S: In, einer Gewerbe-
Versammlung zu Mürzzuschlag traten kürzlich die Herren Schlesinger
»nd Hosma »»-Wellenhof als Retter de» Kleingewerbes auf. Schlesinger
erzählte dort de» Leuten seine LebenSgeschichle. Er (ei der Sohn eine» Mährisch
Sckiöubcrger Webermeisters, habe selbst am Webestuhle gcseffe» »nd sei a l S
Meisterssohn »ach einem Jahre sreigesproch en worden. Nachher
habe er als Tiuruift bei. der Bezirkshanptinannschaft wegen seiner schlechten
Handschrift.- viel Ungemach über sich ergehen lasse» müsse». Endlich sei er das
geworden, waS er jetzt ist. Tann sprach Schlesinger sehr viel von dem bösen
Großcapual, den guten Kleiugewerbetreibeuden und der „christliche» Moral",
natürlich auch vo» der Preffe. Letztere sei ei» unschätzbares Gut, aber der
Mißbrauch mache sic zu einer gefährlichen Waffe, ^iliü anderen Worten: Tie
anliicmitische Hetzpreffe, die de» Rus: „Kaust nur bei Christen!" erhebt und
ihn als großen Mann preist, ist ihm icho» recht, allein andere Blätter miß
sallrn ihm und. sollten chicaniu werde». Ter Realschullchrer Hofmann-Welleuhos
pflichtete- seinem Vorredner bei nnd schimpfte gleichsallS über die „jüdische
Presse", welche mittelalterliche Zustände unterschätze. Tie „schöne alle Zeit", in
der e« leine Freizügigkeit-, keine Gleichberechtigung aller Staatsbürger rc. gab,
ivurde vo» beide» Iugeudbildneru gepriesen. Er wird ihnen aber, hoffen wir,
nicht glücken, sic zum Besten von Meistersiohnen uud zur Kncchtmig der wirklich
arbeilciidcu Classe» wiederznerwecken. g.
i Russe» n»d „andere Orientale»", die „Sklaverei der Semiten" :e.s
In der verfloffenkn 'Woche fand i» Berlin daS Stistuugssest des antiscmilischcn
„Vereines deutscher Studenten" statt, wobei »ach dem Berichte- der
„Post" ei» General Sasse, der geheime Obe>sina,izralh Freiherr v. Rhein
baden, Freiherr v. Wackerbarth, S löcker, Adolf. Wagner und Lieber
'mann v. Sonnenbcrg zu Gaste w aren . Das große 'Wort führte Slöcker,
der den höchst verzweifelten Vernich machst', witzig zu sein. Er erinnerte an
eine Reihe von Ereignissen anS dem Jänner. Daß die Tragik nicht fehle, falle
die Hinrichlung Ludwigs XVI. in den Jänner. Auch der Humor fehle 'nicht
Am 17. Jänner fei Falk Cullusmiuister gewoiden und früher am 17. I,inner
Windlhorst geboren, also früher ^nsgestande» als Falk. Möge auch die Gründung
des „Vereines deutscher Slndenton" einst weligeichichlliche Bedeutung gewinne».
Unter Anspielung ans' Caprivi meinte Slöcker, man müsse sich nicht bloß gegen
Franzose» uud Russen wehren, - konter» auch gegen anderes-'! Orientalen, die,
lvenn sie auch nicht Russe»- seien, doch vielfach ans Rußland zu' uns kämen-
Tie „Sclaverei der Semilen" müsse aushören in Airika nnd in Europa,
«general Sasse danlle namens des .OiiicicrscorpS für die Einladung. Tann
feierte Liebcrman» v. Lonnenberg die autisemitiiche Jugend. Zu bcznerken ist,
daß es einen acliven General Sasie in der teuiichc» Armee nicht gibt, daß der
beirefsende antiseniilische Verfammlnngsbuniniler sonach ein Pensionist sein inuß,
der also umkoweiuger- Berechtigung hat. seine Wenigkeit im 'Namen dcS ge
sammle» Ossicierscorps sprechen zu laue».
2lus antisemitischen blättern.
lBerlorcuc Licbcsullill. i Al-S im Teccmber vorigen Jahres tie Wiener
anliicmitiichen Studenten in Elierlcin's Casino eine Versaminlung abbielle»,
um, man weiß nicht recht gegen wen und was, Stcllnng zu nehmen, beeilte
sich da« „Tculschc Volksblatt", dieses.welterschütternde Ereigniß an zwei
auseinandersolgenden Tagen durch längere Artikel urtii et v,l>i zn verküudc»
Herr Vergani dachte offenbar, darin, daß er den deutschen Studenten um den
Bart krieche, ein letztes Heilmittel für die galoppircnde Abonucnteuschwindincht
(eines journalistischen GeschäslSnnleruehmciiS gefunden zu haben. Tie jungen.
Herrchen haben aber die LiebeSbewcrbnng Vergani's schies aufgefaßt und dieselbe
in einer voii der „Tentorria" arlSgeheiideir uiid im Rofenauer Amtvblatlr ver-