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unserer Administration sowie im .Innoneenbnrcan
M. Tnfe». f. Wall,eil« n. '
Nummer 117.
Wien, I. 3nli 1894. III, Jahrgang.
„Die um Vragassy.V
Da« peinliche Aufsehen, welches die bekaniilc» Vorgänge inner
halb der Freiwilligen Rettuiigsgesillschaft und die daran an-
knüpfenden Scandale an der Universilät erregten, ist stark genug,
um selbst durch das erschütternde Ercigniß des TagrS nicht ganz
überschattet zu werden. Ja, der Feinerfühlende sucht instinetiv »ach
einer zeit- und völkerpsychologischen Berbindung zwischen de»,
verbrecherische» Treiben 'der Anarchisten, die dem unersättlichen
Moloch ihres Cultur- und Menschenbasses den Präsidenten der
französischen Republick hingeopfert, und dem wahnwitzieen Treiben
der Antisemiten, welche kaltblütig die edelsten Geschöpfe reiner
Menschlichkeit erdolchen, nur um einen in seinen Anlässen wie in
seiner Erscheinungsform gleich widerlichen Haß zu sätligen. Wer
schaudert nicht, wenn er sich ein Institut, welches dem auf der
Straße oder in der Ausübung seines Berufes Verunglückten, dem
vor Hunger und Entkräftung am WegeSrande zusammenbrcchenden
Fremdlinge wie dein am Ocran deS Lebens schiffbrüchig gewor¬
denen Selbstmörder die erste Hilfe und die letzte Labung zu bringen
berufen ist, in die haßerfüllte Sphäre der politischem Parteinahme
gedrängt sieht? Der Mensch ist nach einem Worte deS Aristoteles
ein politisches Thier, und er wird leider durch die Politik nur zu
oft ärger als das Thier. Auch wenn die in die Reltungsgesellschaft
eingedrungene politische Strömung minder thirrisch und minder
gemein wäre, als es der Antisemitismus an sich ist, man hätte
diesem Zustande mit entschlossener Hand ein rasches Ende bereiten
müssen, weil er die Anstalt nolhwendig ihrem bloß auf die Er¬
füllung reiner Menschlichkeit gerichteten Zwecke entfremden müßte.
WaS aber gar, wenn in ein solches Institut jener Geist einzog,
der die Menschen ängstlich in (Staffen und Racen scheidet, welche
verschiedenen Anspruch auf daS Mitleid, auf die Liebe, auf die
Gerechtigkeit Anderer haben sollen? Wohin sollte es kommen, wenn
in den der kranken Menschheit gewidmeten Räumen der Rettungs-
gcsellschaft ein besoldeter Jnspectionsarzt eine widerliche Lakaien¬
philosophie auskramen dürfte wie die in dem Aussprüche gelegene:
„Ich stehe als Arier so hoch über einem Juden, wie ein Graf
über mir." Run, eS gibt auch Grafen, ja sogar Fürste», welche
ihrer Gesinnung nach nicht über Herrn Dr. Zechmeister stehen.
f Das möge ihn beruhigen. Die Frage ist nur: Darf man einem
Menschen, der sich zu den Anschauungen Schneider'-, Deckert's
oder Gregorig'S bekennt, als Arzt Leben und Gesundheit eines
Juden anvertrauen?
Man setze sich über dieses Bedenken nicht mit der Ausflucht
hinweg, daß schon die berufsmäßige Bildung der Freiwillige» und
Söldling« der Rettungsgesellschaft eine Garantie dafür geboten
hätte, daß ihr Antisemitismus über eine gewisse akademische Be¬
wegung und über die sogenannte „Enljudung" der Gesellschaft
nicht hiuauSgegange» wäre. Die Untersuchung hat auf daa Un¬
zweideutigste dargcthan, daß der in der RelliinaSgeseUiäiaft ein
gerissene AnlisemilismnS ganz, von jeüer gemeinen und pöbelhaften
Art war, wie er in den Spelunken der Vorstädte prospcrirt.
Einer der von der Untcrsuchungscommission einvcrnoinuienen Frei¬
willigen vom Stabe Vragassy S verneint« die Frage, ob er Anti
femit sei, mit der Motivirung, ei» Anliscinit sei nur ,der, welcher
die Juden „hinauSschmeißt". Nu», „hinansgeschniisscn" hat man
die Juden nicht, aber cS ist am Lt'Ubcnring AcrgcreS geschehen.
Man hat zu den obscönsten Proccduren gegrisse», um den nicht-
jüdischen Eharakter der Eintrittswerber zu constatire», man hat
das günstige Ergebniß einer solchen Untersuchung mit einem anö
Anstaltsmitteln beschafften Glase Wein begossen, und der Hanpl-
faiseur dieser antisemitischen L'rgic halte vor der Untcrsuchungs-
commission den traurigen Mulh, dieselbe für eilten „guten Sctier;"
zu erkläre».
ES widerstrebt uns, näher auf die „Easernenschcrzc" und Ga-
inincrien einzugchen, in welchen sich der in die RettungSgesell
schaft eingezogene Geist auslebte. Die lange Reihe derselben, welche
die Untersiichungscominission constatirte, gehört keineswegs zu de»
erhebende» Erscheinungen- unserer Zeit; der Gedanke, daß die
untrr so vielen Opfern von Menschenfreunden gegründete und
gerade gegen den Ansturm der Antisemiten erhaltene Rcttungö-
gesellschaft der Schauplatz derselbe» war, erzeugt in uns ähnliche
Reflexcmpfindungen, wie etwa die Rückerinnerung an eine über¬
standene schwere Gefahr. ^ '
Ueberstanden aber ist auch diese Gefahr.. Die Uutersuchnngs-
commission hat ihr mit Gründlichkeit und Unparteilichkeit ge
schöpfteS Unheil in einer Erklärung zusaminciigesaßt, welche con-
statin, „daß . seit einiger Zeit in der Wiener Freiwilligen Rettung-
gesellschaft eine mit der Absicht deS GründerS-ProtectorS und des
leitenden Eomilis in Widerspruch stehende und. mit dem Grund--
gedienten und der Zweckbestimmung dieses im Dienste der reinen
Humanität errichteten Instituts unvereinbare starke Unterslrömung
Eingang gefunden habe, rücksichtlich welcher dem Ehc'furzte
Dr. v. Bragassy der Vorwurf nicht erspart werden kann, ihr
nicht rechtzeitig und kräftig genug entgegengetreten zu sein". Die
Hauptfaiseurc der Veranlisemilirung der Gesellschaft, Dr. Bragassy
und Dr. Zechmeister, haben die Eonsequenzen dieses Urtheilcs ge¬
zogen und ihre Demission gegeben. Ihr Anhang ist, soweit er sich
nicht von einem weiteren Verbleiben und einem kleinen Gesinnung»
wechsel einige materielle Bortheile verspricht, den Führern gefolgt
und sucht nun, da ihu die öffentliche Meinung und die leitenden
Personen der Gesellschaft auS dem Tempel der Humanität am
Stubenring gepeitscht, das Feld seiner Thätigkeit aus die Universität
zu verlegen.