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DER JÜDISCHE CHARAKTER .
Zwei Lehrmeinungen über den Weg zur
Feststellung des Charakters ' größerer Ge
memschaften standen einander im neunzehn¬
ten ^ Jahrhundert unversöhnt gegenüber . Die
Lehre Lamarcks von der Wechselwirkung zwischen
Anpassung und Vererbung behauptete die Verän¬
derlichkeit der Gattungen und damit die Unmög¬
lichkeit der Annahme von Volkscharakteren . Ihr
trat Weismann mit der Anschauung von der
durch alle Zeiten fortbestehenden Gleichheit der
Gattungscharaktere gegenüber . Den Mittelweg
schlug Semons Theorie der Mneme ein ,
daß sich geistige Erwerbungen der Ahnen in
Form von Anlagen oder ^ Dispositionen vererben ,
die nach Neigung vertieft und erweitert werden
können . Die Abkömmlinge alter Kulturen be¬
sitzen einen Schatz ererbter Fähigkeiten , die ver¬
hältnismäßig leicht geweckt und aktiviert werden .
Das Gehirn eines Neugeborenen enthält die Spu¬
ren aller geistigen Erfahrungen und Fähigkeiten
der Vorfahren , die von ihm vertieft oder nivel¬
liert werden können . Die Summe dieser unbe¬
wußten Erfahrungen nennt Semon die Mneme .
Sie ist das geistige Material , die Begabung im
Unterbewußtsein , die potentielle Energie des Ge¬
hirns , die in bewußte Energie umgesetzt werden
kann . Vom Standpunkt Semons aus läßt sich
die Frage nach dem Charakter des Juden am
schlichtesten beantworten .
Es gibt eine Fülle von Versuchen von Freun
den und von Feinden des Judentums , den jüdi¬
schen Charakter in eine knappe Formel zu fassen .
Wer sich aber in diesen oft bedeutenden Darstel¬
lungen des jüdischen Menschen Rats erholen will ,
erlebt eine ernste Enttäuschung . Er wird kaum
zwei Darstellungen finden , die zu dem gleichen
Endergebnisse kommen . Gewiß enthalten sie alle
gut gesehene Einzelzüge , kluge Beobachtungen ,
richtige Urteile . Und doch empfindet jeder , ob er
im Judentum wurzelt und das Wesen des Jude -
seinS in seiner Person erlebt oder ob er als
Beobachter von außen an das Judentum heran¬
kommt , daß diese Darstellungen falsch gesehen
sind . Sie zeigen Juden iw . einer bestimmten Be¬
leuchtung , durch ein besonders geschliffenes Glas
geschaut — aber dem Charakter des jüdischen
Menschen werden sie nicht gerecht . Verkümme -
rungserscheinungen , Entartungszüge , Anzeichen
der Dekadenz , die bei einzelnen Juden sicher
richtig beobachtet worden sind , werden verallge¬
meinert auf die Gesamtheit übertragen . Zumeist
sind es Erlebnisse einer flüchtigen Berührung ,
also typische Oberflächlichkeiten , die als Wesens¬
züge der Gesamtheit ausgedeutet werden .
Die scheinbare Unmöglichkeit , zu dem Urbild
des jüdischen Charakters vorzudringen , erscheint
um so mehr unbegreiflich , als die Juden in
Deutschland mindestens 1600 Jahre in verhält¬
nismäßig engen Beziehungen zu ihrer Umge¬
bung gelebt haben . Man darf aber nicht vergessen ,
daß die 700 Jahre der Absperrung durch das
Ghetto eine scharfe Scheidung und Entfremdung
zwischen Juden und Nichtjuden geschaffen haben .
Andererseits hat das letzte Jahrhundert des Zu¬
sammenlebens nicht ausgreicht um der nichtjüdi¬
schen Umwelt ein zureichendes Verständnis der
Grundzüge deS jüdischen Charakters zu erschlie¬
ßen . Vielleicht darf eS noch mehr auffallen ,
auch die Selbstdarstellungen des Mischen
Charakters durch Juden überaus widerspruchs¬
voll lauten . Allerdings ist es besonders schwer ,
zu einem sicheren Urteil über sich selbst und seinen
engsten Umkreis zu gelangen . So scheint es , als
ob eine sichere mittlere Linie in dem Auf und
Nieder , dem Hin und Her btt Beurteiler hier
nicht entdeckt werden kann .
Der Hauptgrund für die Schwierigkeit , zu
einem sicheren Urteil über den jüdischen Charakter
zu gelangen , liegt in den Gegensätzlichkeiten , die
in ihm zur Einheit zusammenfließen . Ter Jude
LAUBHÜTTENFE ST
Wir denken oft ans ferne Kinderland ,
An jene Zeit der emtefrohen Feste ,
Da einer Mutter nimmermüde Hand
Die Hütte uns geschmückt rum traulich - stillen
Neste .
Im grünen Laubdach — prächtig anzusehn —
Lockt reifer HerbBtfrucht bunte Farbenpracht ,
Und zwischen Flitterwerk und himmelblauen
Schlehn
Hält unser Mögen Dowld treue Wacht . . .
Die Schabboslampe brennt . . . Ihr milder Schein
Erfüllt den Raum und macht die Herzen beben ' .
Der Vater preist den guten „ Neuen Wein * * ,
Die Mutter rühmt ein gotterfülltes Leben .
Von all dem ist Erinnerung geblieben :
Ein weher Gruä dir , jugendfrohe Zeit !
Wir bergen dich , wie uns re toten Lieben ,
Als tröstend Gut — bis in die Ewigkeit .
HANS STERNHEIM .
ist in ebenso weitem Ausmaß Verstandesmensch
wie Jrrationalist , Wirklichkeitsanbeter wie Idea¬
list , nüchterner Tatsachencharakter und schwär¬
merischer Phantast , Anbeter des Natürli¬
chen wie übersteigerter Intellektueller , ein¬
seitig reaktionär und zugleich revolutionär
bis zur äußersten Verneinung , Mensch
eiserner Schaffenskraft und willenloser
Schwarmgeisterei , kaltblütiger Rechner und Nütz¬
lichkeitsmensch und zugleich glühender Altruist .
Trockene Zahlenmenschen zeigen oft eine nervöses
Feingefühl für Malerei und Musik . So bietet der
jüdische Charakter ein buntes Farbenspiel schein¬
bar unvereinbaren ' Gegensätze . Dabei bleibe
unrrörtert , wie viele von diesen widerspruchs¬
vollen Charaktereigenschaften sich die Juden in
den Jahrhunderten harten Kampfes gegen die
feindliche Umwelt in der Abwehr angeeignet ha¬
ben . Aber für jede der genannten Antinomieen
lassen sich in der Judenheit mühelos Beispiele
anführen .
Damit wäre die Unmöglichkeit ausgesprochen ,
ein einheitliches Bild des jüdischen Charakters zu
zeichnen , wenn nicht diese Gegensätzlichkeiten im
jüdischen Menschen zu einer Einheit gebunden er¬
scheinen würden . DaS Gemeinsame in ihnen , die
verbindende Brücke , ist der stark ausgeprägte
Familiensinn , der geradezu den Charakter der
Religiosität angenommen hat . Es ist wahrschein¬
lich , daß dieser Familiensinn ein Produkt der
Abwehr der feindlichen Umwelt ist . Allerdings zeigt
das ideale Judentum der Patriarchenzeit diesen
Familiensinn bereits spurenhaft . Elkanas Worte
an Hanna beweisen , daß die Ehe im biblischen
Zeitalter bereits starke Eigenwerte besessen . Tie
Ehrfurcht vor der Mutter in Israel , die Ach
tung vor der Frau , vor allem aber die Wer¬
tung des Kindes offenbaren hochentwickelten Fa¬
miliensinn bereits im alten Judentum . Aber die
Familie wurde doch erst Träger des gesamten
Lebens , als die Judenheit aller anderen Bin¬
dungen beraubt ganz auf sich selbst und den
engsten Menschcnkreis angewiesen war . Die Flucht
in die Familie verlieh der religiösen Uebung
das familiäre Gepräge . Die jüdische Religiosität
ist niemals kirchlich gewesen , sondern vererbtes
Familiengut , das in allen seinen Formen und
Formeln auf den Familienkreis abgestimmt war .
Dadurch entstand eine gegenseitige Befruchtung
zwischen Familie und Religiosität . Die Familie
erhielt ihre religiöse Ausprägung , und die religiöse
Uebung ihre gesicherte Heimstatt in der Familie .
Ter Familiensinn in seiner religiösen Aus¬
prägung wurzelt in jedem jüdischen Menschen ,
sogar in dem , der sich sonst aus allen anderen
Bindungen des Judentums gelöst hat . Er ist das
ausgleichende und versöhnende Element in den
^ widerspruchsvollen Einzelerscheinungen des jüdi¬
schen Charakters . Der Zahlenmensch , der Mann
der nüchternen Realität , der Berstandesjude be¬
sitzt diese Familiarität , die den Uebergang zu
dem Gegenpol seiner Wesensart herstellt . Die
Mutter , die Gattin , das Kind schassen das innere
Gleichgewicht in der Seele des jüdischen Mannes ,
ebenso wie die Eltern , der Gatte , das Kind sie für
die jüdische Frau bedeuten . Der Familiensinn
ruht als unbewußte Erfahrung , als vererbtes Bä
tergut im Unterbewußtsein jeder jüdischen Seele .
Er wird durch die Umwelt , Eltern ^ Gatten ,
Berwandschaftskreis ständig aktiviert und wirkt
als Motor in jedem jüdischen Menschen .
Aus dieser Erkenntnis ergeben sich die beiden
Gefahrenquellen für das Judentum der Gegen¬
wart : die Berkirchlichung d . h . die Verdrängung
des religiösen Lebens aus der Familie in die
Synagoge , und die bedenllichen Anzeichen eines
Nachlassens des Familiensinnes infolge des Ein¬
dringens fremder Mneme durch die Mischehe und
der fortschreitenden Proletarisierung der Judenheit .
Die Erhaltung des Familiensinns ist die
beste Schutzwehr der Judenheit , und alle Bemü¬
hungen , ihn zu festigen und zu fördern , verdienten
ernste Beachtung . Es ist nicht uninteressant , daß
der Nichtjude Karl Gutzkow in seinem Trauer¬
spiel Uriel Acosta diese das Judentum erhal¬
tende Kraft llar erkannt und in Worten ausge¬
sprochen hat , die jeden Juden zu ernstlicher Nach¬
denklichkeit mahnen müssen : _
Tief in unserem Volke wurzelt
Der Zauber der Familie ! Sonst , o ja .
In alter Zeit auch riß sich mancher Zweig
Vom Stamme der Liebe los , wie Absalon
Bon David — später aber , im Exil ,
Da wir verfolgt , da nichts uns blieb im Elend ,
Als dieser Trost , daß uns doch — Kinder lieben ,
Daß uns ein Vater doch beschützt in Not , —
Ein Bruder uns doch — seinen Bruder nennt ,
Da schlang sich inniger um uns dies Band
Der Ehrfurcht vor dem heil ' grn Herd des Hauses .