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fi. daOroano
ettrttQort, l. Qfprtl 1929
2lr. i
Zu spate Reue.
Zwei Berliner Grabreden auf den Reidisverband der deutschen Juden.
Am 4. Februar hat die Berbandstagung des
Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemein¬
den den Entwurf der Berfassung des Reichs
Verbandes der deutschen Juden mit 46 gegen
45 Stimmen bei siebe» Stimmenthaltungen ab
gelehnt. Eine Zusallsmehrheit von, sage und
schreibe, einer stimme hat diesen glorreichen
Tieg herbeigesührt. Tie beiden Parteien, die die¬
sen Lieg davongetragen, die Volkspartei und die
Liberalen, stehen vor einem Trümmerhaufen. Tas
haben sie natürlich beide nicht gewollt! Und
nun ergreifen ihre Parteiführer zu mehr oder
minder erschütternden Rachrufen auf den unglück
seligen Reichsverband das Wort.
Tr. Max Kollenscher gesteht zunächst gerührt,
daß die Entscheidung aus keiner Leite freudige
Zustimmung ausgelöst hat. Auch die Gegner des
Entwurfes empfinden darüber Lchmerz und zu
späte Beschämung, daß das der Erfolg einer
Ernsten Arbeit von zehn Jahren gewesen ist.
(jfr weist allerdings, nicht ohne sich und seine
J lartei entlasten zu wolle», darauf hin, daß
ereits am 23. November 1926 die Prcußen-
i agung einen Entwurf der Gesamtorganisation
bgelehnt, daß also schon einmal ein Verfassung»
ntwurf in der Preußentagung totgestimmt war
en ist. Vielleicht wird also auch dieses Mal
wieder die liebe besiegte Partei so freundlich
sein, einen neuen Entwurf vorzulegen. Es ist
ja doch schließlich betrübend, mit dem Bewußt-
sein eines Herostrates vor einer Brandruine
yazustehen. Es darf also davon keine Rede sein,
als ob mit dem so jämmerlich abgetanen Ent
Wurf das Schicksal der Gesamtorganisation für
immer gesprochen ist. Kollenscher entwirft deshalb
ein Bild einer neuen Organisation, die er mit der
rührenden Erwartung einsührt, „daß sie vor dem
Forum der deutschen Judenheil mit Einmütig
keit angenommen werden wird."
j Tabri weiß der Grabredner ganz gut, daß der
Reichsverband der deutschen Juden nur als
Lpihenorganisation der bestehenden jüdischen Ver
bände geschlossen werden kann. Besonders die
süddeutschen Verbände, die ihre altbewährte Or¬
ganisation besitzen, haben durchaus kein Verlan
gen danach, chre Verfassung um der schönen Au¬
gen des Herrn Kollenscher willen preiszugeben.
Es ist also verlorene Liebesmühe, wenn er die
Verbände mit hoch erhobenen Händen beschwört,
sich zum Harakiri zu entschließen.
Lein Entwurf soll .nicht den bisherigen Irr
weg beibehalten, daß „das deutsche Judentum
hinter den historisch nicht bekannten Judentümern
der Länder verschwindet". Es scheint also Kol¬
lenscher entgangen zu sein, daß diese Judentümer
der Länder mindestens seit der Emanzipation eine
eigene Geschichte gehabt haben, daß also die Ge¬
schichte sie doch zu rechtfertigen scheint. Aber
als ein echter Patriot erinnert er die Judentümer
der Länder daran, daß alles zum Unitarismus
drängt, und daß die deutschen Judentümer trotz
ihrer vollkommen gleichen Art und Struktur ohne
innere und äußere Notwendigkeit nicht das Recht
haben, einen Partikularismus zu schassen. Er
befürchtet, daß in einer Tachorganisation die
Verbände doch schließlich nur bestrebt sein werden,
ihre Landesinteressen zu wahren. Taß man das
eigene Interesse wahren und dabei doch das
Gesamtinteresse vertreten kann, hält er scheinbar
für unmöglich.
Als echter Preuße also doch ein
klein wenig Partikularismus! hält er
es für untragbar, daß Preußen, welches
bekanntlich zwei Triitel der deutschen Jude» be
hrrbergl, im seligen Eniwurs eine Stimme weni
|«er als die Hälfte aller für sich beanspruchen
buijir, also nichf einmal die Hälfte aller Ltim
men de.' Verbatides besitzen sollte. Taß damit
eine Majorisicrung der deutschen Judentümer ver
hütet werden sollte, dje eben an das preußische
! Heil nicht so kinderselig glauben können, kann
Kollenscher gar nicht fassen.
Tie herrlichen Lchlagworte von der demokrati
> scheu Fuhrerauslese, von dem ungerechten un
; gleichen Wahlrecht, von den Interessen geschä
digter Parteien, alle aus der Schatzkammer der
großen Politik, werden als Wertmesser aus die
j zu Grave getragene Gesamtorganisation ange
; wandt. Tas ist aber gerade die begründete Frucht
der deutschen Verbände, daß in dem neuen Reichs
verbano an dir Stelle des einen und einigenden
Jnvcntu.n» das | üble Parteigezänk treten wird,
dessen herrliche >Melodie nunmehr seit einigen
Jahren da/ Berliner jüdische Gemeindeparlament
der deutschen Juhenheit vorsingt.
Ernster zu nehmen ist der Nachruf des Bor
sitzenden der Bereinigung für das liberale Juden
tunt in Teutschland, Tr. Heinrich Stern, wenn
gleich gerade die! Liberalen beim Tode des Eni
Wurfes keine besonders rühmliche Rolle -durch
Gegnerschaft und Stimmenthaltung gespielt haben
Schon in einer Rede, die er damals im Pre.u.
ßischen Landesverband gehalten, hatte ft bar
auf hingewiesen, daß die Schaffung des Reichs
verbandeS, selbst wen» er nicht allen Ideal,vün
scheu entspräche, eine schöpferische Tat gewesen
wärt. Za angsläsisig muß jeder solche Entwurf
ein Kompromiß sein. Nur Unreife kann glau
den, daß ein Parteientwurf Aussicht aus An
nähme hat. Stern erkennt an, daß die Veran
staltung von Urwahlen für den Reichsverband
neben den schon eingesührten Urwahlen zu den
Gemeinden und Landesverbänden eine schwere
Belastung der deutschen Judehheit darstellt, ^u
mal ja die Lan resverbände schon aus Urwah-
len hervorgegans en sind. PN Urwahlen wäre
also im äußersten Halle nur fn den Verbänden
zu denken, die bisher kein Utwahlrecht besessen
haben. Stern ist auch scharfsichtig genug zu er
kennen, daß eS indenkbar ist, bei der Begrün
düng des Reich Verbandes die Landesverbände
auSzuschalten, zumal nachdem die süddeutsche Ar
beitsgemeinschaft der Verbände Bayern, Baden,
Hessen und Württemberg bindend erklärt hat,
daß für sie der Weg zum Reichsverband nur
über die Landesverbände geht.
Jetzt, nachdem überall, nicht nur in Süd
deutschland Laut esverbände mit Staatsaufsicht
und staatlicher Subvention gegründet worden sind,
diese zu übersehen und zu Urwahlen zurückzu¬
greisen, bedeutet eine Mißachtung der Vorhände
ne» Entwicklung. Nachdem die Landesverbände
einmal vorhandel sind, ist ihre Nichbeachtung
bei der geplanten Reichsorganisation eine Ano
malie. Tamit zei, hnet Stern den einzig gangbaren
Weg zur Reichsoi ganisation der deutschen Juden.
s>=
Mit
i.
April 1929
tritt die Gemeindezeitung in das 8. Jahr
ihres Beitehens ein. Wir benützen gerne
diesen .Apilaß, uni für das uns in so reichem
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trauensvoll wenden kann.
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1929 bis
Nr. 962
G. m. b.
der LI
Heute steht die deutsche Judenheit vor einem
EhaoS, da-9 Parteidünkel und politische kurz
sichtigkeit verschuldet baden. Einkehr bedeutet hier
Umkehr. Es!ist an der Zeit, daß die Uebertragung
des Parteiäüngeltums «:s die deutsche Juden
heit ihr veidientes rühmloses Ende findet. Wir
sind eine tleine Gemeinschaft, durch Schicksals
gemeinschafh zusammengehalten auf Gedeih und
Verderb. Nfcht die Partei, sondern das Gemein
same muß über die Schicksale der deutschen Ju¬
denheit entscheide». Tie süddeutschen Juden haben
>eit einem
Reife, daß
;uten Jahrhundert so viel politische
ie sich von unsruchtbaren und unge
rechtfertigten Parteizänkereie» fernhal en und in
allen Kämpfen sich das Einende, das Judenrum
vor Augen halten. Tie deutsche Judenheit-sollte
sich dies Beispiel zur Nachfolge wählen!
Et^>as vom Schnodern.
Don Helix Wolff.
Unter „Schnodern" versteht man, wie man in
unseren Krfisen allgemein weiß, da» Spenden
beim Thorq Ausruf. Ta» Wort entstammt dem
Jargon un
dar (=* wel
bei Licht be
ist au» dem Hebräischen sche no
her spendet) gebildet. Es ist also,
rächtet, eine Mißgeburt, dazu verur
teilt, zeitle >en» das verunstaltende Anhängsel
„sche" mit herumzuschlepprn; wollte man kor
rekt sein, so müßte man-nodern und nicht schno
dern. Tatsächlich heißt die alte Form menad
der sein (ge! oben).
Im weiteren Ausbau des Wortes nannte man
im Ghetto einen, der ansehnliche Beträge schno
derte, einen s,,schnoderigen" Gemeindegenossen, spä