Jüdische Erziehung - die Aufgabe unserer Zeit!
Im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde
zu Berlin“ vom Dezember 1931 veröffent¬
licht Prof. Dr. LI boxen die folgenden Leit¬
sätze. In ihrer hervorragenden Formulierung
stellen sie einen kraftvollen Appdll zur Be¬
jahung des Judentums dar, der in der gan¬
zen deutschen Jndenheit gehört werden
sollte. Die Redaktion.
In dieser Woche tilgte die Reichsvcrtretung der
Deutschen Juden und beriet u. 11 . über die bren¬
nendste aller unserer Sorgen den Unterricht und
die Erziehung unserer Jugend. Du warf eines der
Mitglieder die Kruge auf: ..Was ist das eigentlich,
jüdische Erziehung? Gebt uns Eltern und Erziehern
eine klare Anweisung, was Ihr unter der neuen jüdi¬
schen Erziehung, dem Jasngen zum Judentum ver¬
steht!" Ich will das kühne Unternehmen wagen, eine
Vntwort zu erteilen, nicht im Namen des Er/iehungs-
ansscfiussc-s der Reichsvertretung. sondern für meine
eigene Person, auf völlig eigene Verantwortung. Ich
schreibe nicht auf Grund einer Ideologie, eines Par¬
teiprogramms oder System* alles das liegt mir
fern ich schreibe- als denkender Jude, als alter
I eh rer und als Familienvater. Die Frage ist sicherlich
allen aus der Seele gesprochen wird es die Ant¬
wort ebenfalls sein? Sie wird viel Kritik finden, und
jede sachliche Kritik soll willkommen sein, denn so
ernste* Probleme die das Wohl con Generationen he-
Ireffe», können nicht subjektiv lind auf den ersten
\nhic-b. sondern nur durch die vcr-lnnilni-vollc Ge¬
meinschaftsarbeit vieler gelöst werden.
Das Problem der jüdischen Erziehung ist nicht neu.
es ist nur für uns deutsche Juden besonders akut
ICC worden. Die Lösung des Problems kann nicht eine
besondere für uns sein, sie gilt für die- Juden aller
/eiten und Länder, sic- kann immer nur heilh-n:
Erster Grundsatz jüdischer Erziehung niulT sein, da»
Judentum in den Mittelpunkt der gesamten E,ziel,nt,u
stellen, das Judentum bejahen.
Das Judentum bejahen heißt
sich als Glied jener alten Gemeinschaft fühlen, die
cor Jahrtausenden an beiden Seiten des Jordan
zum Volke geworden ist. dann ihr Land verloren,
w iedergewoiinen und wieder verloren, sich in alle
Welt zerstreut hat. aber seelisch der alten Ib-imat
verbunden geblieben ist. bis vor etwa Itto Jahren
die einen diese Verbitterung völlig aufgaben. die
ande ren zur neuen -Besiedelung des Landes Vor¬
schriften.
Das Judentum bejahen heißt
sich zu der Lehre vom Sinai bekennen, die durch
Propheten. Weise und Loh rer weiter ausgebaut,
von Denkern mit der Weltanschauung ihrer /eit
jii Einklang gebracht, die bald mehr, bald weniger
streng in Gruiidlehrcii formuliert wurde, aber in
dem Glauben an den einen Gott gipfelt, der die
Welt in Güte lenkt und sie der inessianischc-n Voll¬
kommenheit entgegenführt.
Das Judentum bejahen heißt ,
sein Leben heiligen wollen, nicht von seinen
Sinnen und Gelüsten, sondern von der Stimme des
Gewissens sich leiten lassen, sich in Gesinnung
und Handlung dem Gebote Gottes unterwerfen,
das der Prophet Micha klassisch ziisainmengefaßl
hat: Recht üben, an Liebestätigkeit sich freuen
und in Demut wandeln vor deinem Gott.
Das Judentun) bejahen heißt
die Lebensform des Judentums bejahen, die sich
in seinen Einrichtungen. Satzungen und Bräuchen
int Einzelleben, im Hause, in der Gemeinde ent¬
faltet hat. heißt dein Alltag in der Arbeit, dem
Sabbath und den Festen in der Feier ihre Weihe
geben, dem innigen jüdischen Familienleben seine
Grundlage und seine Festigkeit wahren.
Das Judentum bejahen heißt
sich für die Zukunft des Judentums verantwortlich
wissen, sich dafür eiItsetzen, daß seine Lehre rein
und lebendig fortbesteht, aber auch dafür, daß
seine Menschen sich heil an Leib und Seele erhal¬
ten. daß sie in körperlicher Ertüchtigung und see¬
lischer Reinheit in angemessener und gesunder
Berufsverteilnng nützliche Bürger ihres Vater¬
landes seien.
Das Judentum bejahen heißt
für den jüdischen Menschen Verständnis zeigen,
w je er heute ist. mit seinen Schwächen und Vor¬
zügen -- nicht nur für die kleine Gruppe, in die
Geburt und Erziehung den einzelnen gestellt
haben, sondern für alle, die sich zum Judentum
bekennen, an seiner Forterhaltung zu arbeiten
bereit sind und darum auch uns in unserer Not
hilfreich ihre Arme entgegensf recken.
Das Judentum bejahen heißt
sich das Schrifttum des Judentums zu eigen machen,
vor allem das Buch der Bücher, die Bibel, die für
die Gesittung und Bildung der abendländischen
Welt grundlegend geworden ist. unseren Vätern
den Namen „Volk des Buches“ eingetragen hat.
den letzfen Generationen aber verloren gegangen
ist - neben ihm auch jenes weit verzweigte, mehr
als zweitausendjährige Schrifttum, in dem das
Ringen, das Denken und Fühlen, das Singen und
Sagen des jüdischen Menschen Ausdruck gefun¬
den hat.
Das Judentum bejahen heißt
sich in die Geschichte des Judentums vertiefen,
die ein einzig dastehendes Beispiel von Stand-
Von Prof. Dr. J. Elbogen, Berlin.
haftigkeit und Ueberzeugungstreue bietet, das
Leben einer Minderheit, die in einer fremden
meist gegnerischen Umwelt einen heroischen
Kampf um ihr Dasein geführt, jede Zurücksetzung
auf sich genommen hat. um ihre Eigenart zu be¬
haupten. nach den Gesetzen ihres Seins zu leben,
die ungeachtet harten Kampfes ums Dasein an der
\rbc-it für Kultur und Zivilisation der Mensch heil
ihren redlichen Anteil geleistet hat.
Das Judentum bejahen heißt
in geschichtlichen Zusammenhängen denken. Ver¬
gangenheit und Zukunft verbinden, wissen, daß.
wer heute über das Weh des Enkels klagt, mor¬
gen das Vorrecht des Ahns genießt, heißt darum
auf die kommenden Zeiten schauen und das Ge¬
waltige begreifen, das sich in unseren Tagen in
Palästina vollzieht wo Begeisterung und Opfer¬
bereitschaft jüdische junge- Menschen befähigt,
den Aufbau des I aiidc-s der Väter zu vollziehen.
Pioniere eines neuen, mit der Natur und der
Bodenarbeit verknüpften jüdischen Lebens zu
werden.
Das Judentum bejahen heißt
nicht, sich von andersartigen Menschen, von frem¬
der Bildung und Gesittung abschließen. Das Ju¬
dentum lehrt die Einheit des Menschengeschlechts
und gebietet, den Nebe nmenschc-n ohne Unter¬
schied zu liebelt. Wenn das erste- Blatt der Bibel
einen Schöpfungsbericht aus Babylonien verar¬
beitet. wenn der größte Prophet des Volkes einen
.i u v puschen Namen trägt und an, ägyptischen liefe
erzeigen ist. so zeigt das. daß das Jude Hum sich,
nicht hinter einer Mauer gegen die Welt tbsperren
und sich die Anregungen von außen f|ernhalten
will.
Diese la-itsätz.e ließen sich noch um eil, Anzahl
'veiniehren. jeder von ihnen kann mit zahlreichen
mannigfaltigen Einzelheiten ansgestaltet,
vielseitiges, inhaltsvolle- Schrifttum lebensl
hellt werden. Wie einst llillel dem Prosei
in- Judentum eingefiilirt worden wollte*,
den heutigen Eltern und Erziehern nur irji
immer wieder empfehlen: Geht hin nnd
werden viel lernen und doch nie uu-lc-ru
vvc-nii sic- alt darüber werden,
finden. Es wird nicht jedem alle-
neu. der eine wird dieses, der andere je»
Vordergrund stellen oder vriwerfei
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Bejahen
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ist. daß er es mit jüdischem I ebensw illen
antworttingsgc-rühl tut. I >erlich gibt cs eitzc
Grenze für die Anforderungen an diese
des Judentums. Sie ist kla-i-ch an-geclnic
Worte clc-s Propheten Jona.
„Ein Hebräer bin ich und den Ewigen, der Goll des
Himmels verehre ich, der das Meer gescha/fe 7 hat und
auch das Trod^enland.
Wer auf die- Frage nach seiner link, oft ohne
l ebc-rlegung diese Antwort gibt, vvein St.in nies-und
Glaubeu-zugehörigkcit -o in I Ic-c-ch midTtiit »ber¬
ge,-,, »gen sind, an dem hat die jiicEp-ein■ I Ziehung
ihn- VV ii kling getan*
Ein Freund spricht zu uns ...
Von C Z. Klötzel.
Dieser hochinteressante Bericht des bekann¬
ten Journalisten — der „Jücl. Rundschau"
entnommen — zeichnet in markanter Weise
die geistig-seelische Situation deutscher Neu¬
ankömmlinge in Palästina. — Dem großen
Dichter S eh in a r y a L e v i n . aus de ssen
wundervollen Werken wir schon manches
Kapitel veröffentlicht haben, wird in diesem
Bericht ein ehrenvoller Lorbeer gewunden.
Die Redaktion.
Kann man es sich verstellen, daß Schmarjahii Lev in
in Ercz. Israel einen Vortrag halten will und keine
Zeitung nimmt ein Inserat darüber auf? Einen Vor¬
trag. zu dein Hunderte kommen, obwohl es nicht
möglich war. ihn au den Anschlagsäulen Tel-Awiws
zu plakatieren, an denen jeder Kitsch fl Im in riesigen
Lettern angezeigt worden kann?
Nein, das werden die Juden in Europa -ich nicht
verstellen können. Und doch i-t es hier geschehen,
und das Sonderbarste- dabei ist. daß Schmarjuliu
Lev in selbst es als ganz natürlich empfindet, ja. daß
er empört gewesen wäre, wenn dieser Bann nicht auf
ihm gelegen hätte. Denn .'schmarjahii Lev in tat etwa-,
was man in Erez Israel nicht tun darf er hat vor
einem öffentlichen Forum in einer anderen Spruche
gesprochen, als in Hebräisch. E'r sprach deutsch zu
den Neuangekommenen aus Deutschland.
1 liest* Tutsuche wirft ein helles Licht auf einen be¬
stimmten Ausschnitt der .Situation in Palästina. Es
zeigt ein Dilemma, in dem das Land sich uns gegen¬
über befindet. Das Land spricht hebräisch und wir
verstehen es nicht. Zuerst bestand sehr stark die \b-
-icht. überhaupt keine Konzessionen zu machen.
..Wenn sie uns verstehen wollen.' mögen sie He¬
bräisch lernen!" Diese Parole wird offiziell auch
heute noch vertreten, aber sie hat -ich. wie -o viele
anderen, als 'praktisch undurchführbar erwiesen.
Wenn das Interesse am gegenseitigen Verstehen nur
bei den Neuen läge, wäre die Sache einfach. Aber dir
..Hebräer" haben ein miiidc-stc-iis so großes Interesse,
verstanden zu werden. Das gilt vor allem im Privat¬
leben. wo der Kaufmann zu seinem Kunden nicht
nach den Grundsätze» nationaler Disziplin, sondern
nach denen des Geschäftsinteresse* handelt. Es gilt
aber kaum weniger im öffentlichen Leben, obwohl
hier wenigstens die Form viel strenger gewahrt wird.
Es herrscht bei allen Parteien und Organisationen
ein lebhaftes Interesse, die Einwanderer aus Deutsch¬
land auch geistig — in erster Linie politisch ilcni
Lande einzuordnen. Die Ungeduld ist hier weit größer
auf seiten des Landes als auf seiten der Emigranten.
Es ist in diesem Falle das Land, das nicht warten
will und nicht warten kann, bis das Ohr des Ncu-
gekontmenen empfänglich ist für hebräische Laute.
Und darum beginnt das Land mit starken Vor¬
behalten und mit einem deutlich zur Schau getrage¬
nen bösen Gewissen, mit uns deutsch zu redeil.
Das ist kein Vorwurf, denn es ist eine sachliche
Notwendigkeit, und der Widerwillen, mit dem man
sich ihr beugt, spricht für das starke nationalkul¬
turelle Gewissen Erez Israels. Und darum war dieser
Vortrag Schmarjahii I.evins so bezeichnend. Indem er
deutsch zu uns sprach — er. der geehrte und geliebte
Vorkämpfer des Hebräischen — sanktionierte er so¬
zusagen die schweigende Uebereinkunft. die neue-
deutsche Alijah als eine „k'wuzath humuawar“ zu
betrachten, als eine Uebergangsgruppe. für die ge¬
wisse UebergangsBestimmungen für befristete Zeit
Geltung hüben sollen. Und wenn er darauf verzich¬
tete-. die übliche ii Wc-geder Piop.igancl.i ciui h Zeitung
iiiiiI Säiilenan-chlag zu gehen. -o lag es gewiß nicht
nur au den Gründung—luluteii de- *»u.ve- ..Oltel
Schein" (Zelt Sems), in dem der Vortrag stattfand.
I)ie-er Saal ist dem von Bialik eingerichteti-n ..Oneg
Schubbuth" gewidmet, den Feierstunden vor Sab-
huthuusgung. die zu den schönsten Emanationen des
hebräischen Leben- gehören, und sntzungsgi -imiß darf
.dort öffentlich kein Wort in einer fremde I Sprache
/gesprochen werden. Aber nicht mir cb rum hat
Schmarjahii Lev in -einem Abend den Uharakte-r
einer ..privaten" Au—prache gegeben. Im Familien¬
kreis darf man die Sprache de- hc-imgekehrten Soh¬
ne- sprechen, der -o lange in der Eremde war. daß
er die Muttersprache vergaß. In der Oeffe »tlichkeit
wird man sich dessen mit Recht schämen . .
Amtl. Bekanntmachungen
Die Isr. Landesversammlung wird hierdirch auf
Sonntag, den 7. Januar 1934. vorm. I6't Uhr.
in den großen Saal des Jüdischen Lehrhaitjtes. Statt
gart. Schloßstr. 12 A. 3_Treppen. einberufe
Tagesordnung:
1. Einführung und Verpflichtung der neu ‘intreten¬
den Mitglieder der Landes Versammlung,
2. Wahl des ersten Stellvertreters de- Schriftführers,
3. Ersatzwahlen zum
a) Beschwerden ii—chuß.
b) Besetziiiigsaussthiiß.
c-| Verfassling-an—chull.
4. Bericht des Oberrats für die Zeit vom
bis 3|. Dezember 1933. _
3 . Ilau-Iiaitplan der 1-r. Zrntrnlka—e für
nungsjahr 1933 34.
fi. Lande*— teuerbc-chliil! für das RechII»I,
1933,34.
7. Gehaltskürzung-* erordnnng.
H Ermächtigungsverordnung.
Ergänzung der Tagesordnung bleibt vm
Stuttgart, den 21. Dezember 1933.
Der Präsident der l-r. Landes* e
Dr. Hav tim.
e-j
rl >i-
Zu der öffentlichen Sitzung der Isr. Landes Ve rsamm¬
lung am Sonntag, den 7. Januar 1934, werd *n wie in
den Vorjahren Eintrittskarten für Zuhörer ausgege¬
ben. Sie sind bei unserem Sekretariat,
Königstr. 82, während der üblichen Kan
erhältlich.
Stuttgart, den 21. Dezember 1933.
' Israelitischer Oberrat.
Israel. Oberrat.
Der Oberrat hat den Bezirksrabbiner
linger, Hall, mit seinem Einverständnis
Anerkennung seiner langjährigen, treuen
vollen Dienste auf 1. April 1934 in den
versetzt.
.Februar
a- Rech-
nhr
c halten,
-jam mlung
Stuttgart
istunden
zl H
Dr. Her¬
unter
ind wert
Ju bestand
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