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LITERATURBLATT
No. 10
uns diern Gang der Politik bis auf die jüngste Gegenwart gedrängt, aber
erschöpfend vorführt. Das Gleiche gilt von ״Polen“ (mit 2 Karten) und
״Portugal“.
Inr vorliegenden zählten wir im ganzen 38 farbige und schwarze
Tafeln in künstlerischer Ausführung. 14 vorzügliche Karten und 10 Text-
beilagen.
Notizen
Ein 6000 Jahre alte babylonische Vase.
Die archäologische Expedition, die von der Universität Chicago unter
Leitung des Professor E. J. Banks nach Babylonien entsandt wurde und
die soeben nach umfangreichen Arbeiten in die Heimat zurückgekehrt ist,
hat in Bismya, der ältesten Stadt in Zentral-Babylonien, eine Vase aus
blauem Seifenstein gefunden, die einzig in ihrer Art ist und höchst wert-
volle Aufschlüsse über d!ie älteste Kultur des Londes gibt. Die reich mit
eingravierten menschlichen Gestalten verzierte und mit Elfenbein und
Juwelen ausgelegte Vase war bei der Auffindung zerbrochen; unter
Hunderten von Trümmern anderer Vasen fand man jedoch drei Teile in
einem Abfallhaufen des alten Tempels, auf den die Vase offenbar achtlos
geworfen worden war. Die Kulturschicht, in dier sie begraben lag, geht
nach der Annahme des Professors Banks etwa auf das Jahr 3800 v. Chr.
zurück, doch der Ornamentstil der Vase weist auf eine noch bedeutend
frühere Zeit hin.
Der Durchmesser des Gefässes betrug etwa 22 cm., die Höhe ihrer
fast senkrechten Seitenwände 20 cm; aber die drei aufgefundenen Bruch-
stücke bilden nur etwa ein Viertel des Ganzen. Auf den drei Bruchteilen
sind nicht weniger als dreizehn menschliche Gestalten dargestellt. Die
zwei Mittelfiguren sind Musikanten; sie schreiten vorwärts und spielen
im Gehen auf ihren Instrumenten, einerjünf- und einer siebensaitigen Haufe.
Schon dadurch ist die Arbeit besonders wertvoll; denn sie gibt ein klares
Bild der Musikinstrumente vor 6000 Jahren. Hinter den Musikanten
schreitet die Gestalt irgend einer hervorragenden Persönlichkeit vielleicht
des Königs. Hinter ihm gewahrt man noch zwei weitere Gestalten; die
eine stellt ihrer Grösse nach offenbar ein Kind dar, die zweite erhebt mit
einer Geberde der Anbetung die Hände. Vor und über den Musikanten
sind mehrere Figuren in raschem Lauf dargestellt; sie eilen offenbar
herbei, die Prozession zu sehen. Eine dieser Gestalten trägt in der Hand
einen Zweig mit Laub. Die herbeieilenden Gestalten legen die Vermutung
nahe, dass es sich um den Triumphzug eines siegreichen Herrschers handelt.
Aber das Interessanteste an dem Fund ist zweifellos die Ausführung
der Arbeit. . Während der blaue Stein den Hintergrund bildet, sind alle
Figuren zum’ grösseren Teil aus eingelegten Materialien gearbeitet. Bei
der Auffindung fehlten die eingelegten Stücke, mit Ausnahme einiger Lasur-
steinstücke in den Laubzweigen; aber die tiefen Lücken zeigten deutlich,
wo solche Einlageteile angebracht waren. Später entdeckte Banks ein
kleines flaches Stück Elfenbein, das nach näherer Untersuchung zuz dieser.
Vase gehört hatte; es bildete den kurzen Hüftenrock für die Gestalt, die
den Labzweig trägt. Aus diesem Elfenbeinstück kann man schliessen, dass
die Kleidung der anderen Gestalten aus. demselben Material dargestellt
war. Auffallend ist, dass, alle Gestalten mit riesengrossen Nasen dargestellt•
sind, so dass sie fast an die Karikatur treifen. Die wenigen Dokumente
frühbabylonicher Kunst, die wir besitzen, zeigen die Nase in einer■ geraden
Linie mit der Stirn zusammengefasst; man findet nur bei einigen Terra-
kottastatuetten ein derartig übertriebenes Herausarbeiten der Nase.