1900
No. 1.
Israelitischer
Lehrer und Cnntor.
Organ für die Gesainintmteressen der israelitischen (Lultusbeamten.
(Beilage zur Jüdischen Presse.)
Herausgegeben von Dr. Glesch Hildesheimer.
Inhalt r Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche.
Deutschen Reich". — Correspondenzen. — Inserate. —
Derban- drr jüdische» Lehrerverei«e im
Deutschen Reiche.
Berlin, 14. Januar.
Der erste Verbandstag des ״Verbandes der jüdischen
Lehrervereinc", welcher am 27. und 28. Dezember zu
Berlin abgehalten wurde, hatte ein außerordentlich reiches
Arbeitsprogramm zu erledigen. In zwei Verhandlungs-
tagen hat derselbe eine Anzahl von Beschlüffen gefaßt, die
voraussichtlich von weittragender Bedeutung für die Zukunft
der jüdischen Lehrer wie der jüdischen Schule sein werden.
Aufgabe des neu gewählten Verbands-Vorstandes war es
nun, diese Beschlüsse zur Ausführung zu bringen, sowie
auch denjenigen Fragen näher zu treten, welche, weil sie zur
Zeit der Berathung noch nicht spruchreif erschienen, von
den Delegirteu dem Vorstande zur weiteren Veranlassung
überwiesen worden sind.
Der Beschluß der Delegirten-Versammlung, ״der Vor--
stand wird ermächtigt, eine Denkschrift über die Verhältnisse
der jüdischen Volksschule abzufassen", wurde einer Kommission
überwiesen, welche aus den Kollegen Blume nfeld-
Adelebsen als Vorsitzenden, A m r a m - Borken, L i e p -
m a n n s o h n -Minden und Dr. Heilberg - Euskirchen
bestand und den Kollegen Spatz- Affaltracht kooptirte.
Die Kommission hat eine Denkschrift entworfen, welche dem
Vorstand in der am 25. Dezember v. I. zu Berlin
stattgehabten Sitzung vorgelegt wurde und nach erfolgter Ge-
nehmigung durch denselben zurVertheilung anGemeiüden und
Lehrer gelangen wird. Eine zweite Kommission, bestehend aus
den Kollegen Steinhard t-Magdeburg als Vorsitzenden,
B e r n h a r d-Tarnowitz, Lev y-Neuß und G r a f-Effen,
wurde berufen, um die Frage der Begründung einer peri-
odisch erscheinenden Verbandsschrift zu prüfen. Tie Kom-
misston, welche die Kollegen Müller-Mülheim und
Peri tz-Königsberg kooptirte. hat vorgeschlagen, vom
1. April nächsten Jahres ab eine pädagogische Monatsschrift
erscheinen zu lassen, vorausgesetzt, daß 'sich mindestens 4M
Kollegen zu einem Abonnement auf zwei Jahre verpflichten
und . eine genügende Anzahl von Mitarbeitern gesichert ist.
Zu diesem Zwecke hat sich die Kommission wiederholt an die
Vereins-Vorsitzenden sowie mit 10M Aufrufen unmittelbar
an die jüdischen Lehrer gewandt. Ein definitives Ergebniß
steht zur Zeit noch aus. Die Kommission wird das einge-
gangene Maierial einschließlich eines Programmartikels
dem Vorstande zur entgiltigen Beschlußfassung unter-
breiten. Eine dritte Kommission, welcher die Kollegen
Wer t h e i m e r-Heldenbergen als Vorsitzender, Feiner-
Hamburg. S t u r m a n n-Osterode und Becke r-Wollstein
angehören, wurde berufen, um Material für den im Prin-
zip gefaßten Beschluß der Delegirteu auf Begründung
Borstavds-Sitzurrg des ^Verbandes der Wijcherr Lehrervereine im
eines Stellennachweises für die Mitglieder des Verbandes
zu sammeln. Die Kommission hat auf Grundlage eines
Entwurfs des,Kollegen Becker ein Statut entworfen, nach
dem der Nachweis organifirt werden soll, und wird dasselbe
der nächsten Deligirten-Versammlung unterbreiten.
Die von den Delegirten gefaßte Resnlotion: ״den
Gemeindebund zu ersuchen, bei den Gemeinden dahin zu
wirken, daß dem Lehrer Sitz und Stimme im Schulvor-
stände eingeräumt werde", wurde dem Gemeindebunde als-
bald übermittelt, und dieser verfehlte nicht, in den ״Mit-
theilungen" Nr. 51 (Mai 1899) s>. 31, den Gemeinden
dringend zu empfehlen, diesem berechtigten Wunsche der
Lehrer zu entsprechen. Inwieweit die Gemeinden dieser
Mahnung gefolgt sind, entzieht sich unserer Kenntnißnahme;
wir bitten die Herren Kollegen, uns Kenntniß davon zu
geben, ob die Gemeindebehörden darüber in Berathung ge-
treten und welche Beschlüsse gefaßt worden sind.
Im Anschluß an die Verhandlungen des Delegirten-
tages, die Vorbildung der jüdischen Lehrer betreffend, hatte
der Vorstand den Vereinen die Berathung folgenden Themas
anheimgegeben: ״Welche Anforderungen müssen an die
jüdischen Lehrer und Lehrer-Bildungsanstalten gestellt und
von beiden erfüllt werden?" Die meisten Vereine haben
in ihrer diesjährigen Versammlung dieses Thema behandelt;
die eingegangenen Referate find dem Kollegen Dr. Spanier-
Magdeburg zur Bearbeitung übergeben worden, welcher dem
Vorstande in der Sitzung Bericht, erstatten wird.
In zahlreichen Fällen hat der Verbands-Vorstand
gemäß Z 58 der Statuten, die Standesinteressen der jüdischen
Lehrer zu wahren gesucht und ist jeder Verkümmerung
unserer Rechte nachdrücklich entgegengetreten. Zu besonderem
Danke fühlen mir uns herbei Herrn Rechtsanwalt Dr.
Eugen Fuchs -Berlin verpflichtet, der allezeit uns
zur Seite gestanden und unsere Interessen energisch ver-
treten hat.
Als in jüdischen Lehrerkreisen sowie in der jüdischen
Presse die Befürchtung ausgesprochen wurde, daß den Zog-
lingen der jüdischen Seminarien die Berechtigung zum
einjährig-freiwilligen Militärdienst vorenthalten werden
würde, wandte sich der Verbands-Vorstand an die Herren
Leiter der jüdischen Lehrer-Bildungsanstalten und ersuchte
dieselben um Auskunft über den Stand der fraglichen An-
gelegenheit. Die Antworten ergaben leider eine Bestätigung
jener Befürchtung. Darauf richtete der Vorstand am 8. Juni
eine Eingabe an den Herrn Kultusminister, ״der Herr
Minister wolle die Prüfungskommission der jüdischen
Lehrerseminarien ermächtigen, ihren Zöglingen nach ord-
nungsmäßigem Besuch dieser Seminarien und nach be-
stqndener Seminar-Entlaffungsprüfung Zeugnisse für die
wissenschaftliche Befähigung zum einjährig-freiwilligen Dienst