in frühcrn Zeiten eine jüdische Garküche betrat, konnte eher
den Apctit verlieren als stillen. Die Glanbcnsinnigkcit, die
in die tiefsten Falten des Magens drang, setzte sich jedoch über
alle Äußerlichkeiten hinweg, und die kümmerlichen Etablisse¬
ments für Erhaltung unserer irdischen Existenz waren jeder¬
zeit mit Gästen überfüllt. Heilte sind diese Anstalten ganz
zeitgemäß eingerichtet, mit allem möglichen Comfort ausge¬
rüstet. Speise und Trank, Lokalität und Bedienung entspre¬
chen den Anfordernngcu der kulinarischen Wissenschaft. Zur
Förderung der Verdauung dient das Billard, und damit das
Nachmittagsschläfchen gehörig vorbereitet werde, liegen zahl¬
reiche Zeitungen auf. Nur eines fehlt diesen Anstalten.
Es fehlen die Gäste. Eine alte Geschichte, höre ich Sie,
Herr Redakteur! bedächtig ausrufen. Bitte um Vergebung,
cs ist eine neue Geschichte, und hängt eng mit den religiösen
Zuständen zusammen. Ich möchte sie sogar als ein dankba¬
res Thema für eine Predigt in Vorschlag bringen.
Ich habe heute noch einen Vorschlag auf dem Herzen.
Der hiesige Tempel wird, wie alle Welt weiß, neu aufge¬
baut. Eine bedeutende Vermehrung der Sitze ist nothwendig
und zweckmäßig. Allein ein Hauptübelstand unserer Synago¬
gen ist, daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht,
man bekömmt nichts als Sitze und wieder Sitze zu Gesichte,
für einen freien großen Raum, der die Stätte der eigentli¬
chen Funktion von den Andächtigen trennt, der den Brenschen
aus sich heraus zu etwas anderem Erhabenerem und Geweih-
terem führt, wird selten Sorge getragen. Ohne in den Bauplan
cingeweiht zu sein, stellen wir unsere Anschauung dem Bau-
komite des Tempels zur Beherzigung anheim.
Nebenbei möchten wir auch die Einrichtung von einer
oder zwei Sitzreihen für Gäste empfehlen. Der Fremde, der
ein Gotteshaus besucht, weiß nicht, wohin er sich wenden soll,
und seine Verlegenheit wird dadurch nicht vermindert, daß
ihm der eine oder andere Einheimische auf seinen Platz neh¬
men will, abgesehen von der Störung der Andacht, die oft
durch das damit verbundene Hin- und Herwinken verursacht
wird.
Leiträge zur mittelalterlichen Geschichte der
Juden in den Rheinländer».
von Leopold Wolf in Prag.
Wenn wir das Thema über die Ausiedluug der Juden
und deren Aufenthalt in den Rheinländern behandeln, so
müssen wir vor allem den Mittel- Rhein und Maingau von
den cigentichen Ländern des Ober- und Niederrheins scheiden.
In die gesegneten Gefilde jener beiden Flüsse wandertcn die
Juden gewiß schon frühe von Bingen, Mainz und
Frankfurt aus, in welch letzterer Stadt sie in der ersten
Hälfte des 12. Jahrhunderts zuerst als Gemeinde genannt
werden. In Bingen kommen sie bereits im 11. Jahrhun¬
dert vor, im 13. zu Lorch Als deren eine Anzahl in einem
Tumult des Pöbels getödtet worden war, befahl K. Rudolf
dem Erzstifte zu Mainz dafür Entschädigung zu geben, denn
Otto IV. hatte 1209 am 20. November d: Lncca die unter
der Mainzer Kirche stehenden Juden frei von Abgaben an
das Reich erklärt; sie bezahlten also bloß ihr Schutzgeld an
den Erzbischof. (Guden I 758). Gegen das Ende dieses Jahr¬
hunderts gerieth durch die damals epidemisch gegen Stifter
und Klöster herrschende Raubsucht des durch Luxus und Un-
wirthschaft ruinirten niederen Adels die Cisterzienserabtei Ebcr-
bach in Rheingan in große financielle Noth. Selbstverständlich
mußten die Juden als Helfer in der Noth mit baarem Gelde
herhalten; als Helfer waren sie ihnen willkommen, als Gläu¬
biger jedoch lästig, was sich aus dem Mittel ergibt, das die
Ebersbacher Mönche endlich gegen die Juden ergriffen. Sie
wandten sich an K. Albrecht I. und baten um Schutz gegen
die wucherische Zudringlichkeit der Juden diesen erhielten sie
sofort. Albrecht erließ 1299 an alle Juden in dem Reiche
einen feierlichen Brief, worin er ihnen allen Wucher gegen
die Erbacher streng untersagte, und sie auf bloße Rückforde¬
rung der Capitalien ohne Zinsen beschränkte! Da die Mönche
in ihrer Noth ihnen die Zinsen handschriftlich zugesagt, und
durch Bürgschaften gesichert hatten, so kehrten sich jene nicht
an das königliche Edict. Allein K. Albrecht erneuerte im
Jahre 1300 seinen vorigen Erlaß und erklärte alle dergleichen
wucherischen Verträge für ungiltig. Die bedeutendsten Gläu¬
biger der Eberbacher waren nun die Witwe und die Söhne
eines gewissen Schönemann von Düren und Simon von
Berghcim. Da sie auch gegen das zweite Verbot auf ihrer
Forderung gegen das Kloster bestanden, so erlleß der König
in demselben Jahre 1300 an sie einen specieüen Befehl, und
verbot zugleich allen Christen, jene Juden bei ihren Forde¬
rungen gegen das Kloster irgendwie zu unterstützen! —
Dieses scharfe Wort drang endlich durch, stürzte aber das
Kloster in eine andere Verlegenheit, da die Juden jetzt das
Capital kündigten. (Bär: Gesch. d. Abtei Eberbach II. 283).
Bald darauf kommen Juden in R ü d e s h e i m vor.
Im Jahre 1321 erhielt Tilman von Rüdesheim, aus dem
Geschlechte der Kinde von Rüdesheim, wie Bodmaun an¬
nimmt, — als Ersatz für den im Dienste der Mainzer Kirche
erlittenen Schaden das Schutzrccht über die zu Bingen und
Rüdesheim wohnenden (personaliter residentes) Juden, bis
er von ihnen 50 Mark erhalten habe (Bodmann Rheing.
Altcrth. I_435).
Am tänbe des 13. Jahrhunderts traten sie im Rheingau,
so wie überhaupt in dem Gebiete des Erzstiftes Mainz sehr
mächtig auf. Das folgt aus 2 Urkunden K. Rudolfs vom
21. und 23. September 1286. In der einen ermahnte er
die Bürger von Mainz, ihrem Erzbischof in Verfolgung der
Juden, die eine christliche Familie gefangen hielten, und des
Mordes angeklagt waren, Beistand zu leisten. Mit der an¬
deren citirte er den Moses, Bischof der Juden, und
die Mainzer Juden binnen 3 Wochen vor ihm zu erscheinen
und den Klagen des Bischofs Heinrich von Main; Rede zu
stehen. Es geschah dies eben um die Zeit, als viele Juden
aus dieser Gegend übers Meer „Vorflüchtig" geworden waren
(vergleiche meinen Aufsatz über die Rechtsgeschichte der Juden
in Deutschland in Nr. 12 dieser Zeitschrift) denn schon am
6. December desselben Jahres benachrichtigte der König dem
Stadtrath zu Mainz, daß er den Erzbischof und den Grafen
von Katzenellenbogen beauftragt habe, sich alles Eigenthums
der aus Speier, Worms, Mainz, Oppenheim und der Wct-
terau überhaupt übers Meer „Vorflüchtig" gewordenen
Juden zu bemächtigen und gebietet demselben, diesen hierbei
behülflich zu sein, auch gebot er zugleich der Judenschaft in
Mainz den Genannten bei der Aufspürung des Vermögens
der übers Meer geflüchteten Juden beizustehen. (Böhmer
Reg. 1246 — 1313) (133, 134.)
Von Bedeutung waren die Juden in Wetzlar. K.
Rudolf I. nahm 1277 dem cdelu Manne Sifrid von Runkel
zum Burgmaun der Reichsburg Calsmunt an, und gab ihm
10 Mark Einkünfte von den Juden zu Wetzlar als Burglehen.
In Runkel selbst erscheinen sie 1315; denn am 29
Juni dieses Jahres trugen die beiden Burgmänner zu Me¬
renberg, Giselbert Schitz (von Holzhausen) und Eberhard
Rublsame bei den Juden zu Runkel ein Kapital für ihren
Herrn Hartrad von Merenberg ab, wofür ihnen dieser die
jährlichen Zinsen aus den Centen Lare und Elsoff, die ihm
von Diez verpfändet waren, anwies. (Ibidem 86.)
Ebenso kommen sie in Katzenellenbogen vor. K.
Albrecht I. bewilligte 1303, am 15. Feber, daß Graf Eber¬
hard von Katzencllenbogen wegen dessen, was er demselben
schuldig war, den Zoll zu Boppard sammt Steuern von
Christen und Juden in seinem Gebiete so lange erheben
möchte, bis er völlig bezahlt wäre. (Vogel Taschenb. 53).
Und 1340 erlaubte K. Ludwig der Baier dem Grafen Wil-
I Helm von Katzenellenbogen und seinen Erben 24 Juden in
I ihrem Gebiethe zu halten, wo sie wollten. Schon vorher
1 hatte K. Heinrich IV. dem Grafen Diether als Belohnung