Uefcb und Ausland: Leitungsprelsltlte.
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Hofbuchhändler, AnSbach (Bayern).
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durch die Glsäsfische Aktiengesellschaft vorm. A. Ammel. In
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Vierteljahr, 10 Fr. das Jahr. In der Schweiz per Post 4 Fr.
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Lesterreich per Post 4 Kr., per Stteifband 9 Kr. das Jahr. I»
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V. Zabrgang. Stratzburg, 1. flßat 1914, 5. 3jar 5674. ißr. is
Inhalt.
Leitartikel: Eine Vertrauensfrage. — Ein Justizmord an einem
Juden in Amerika? — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Kleine
Nachrichten. — Familiennachrichten. — Wochenkalender. — Gebets¬
zeiten. — Briefkasten. — Rätsel-Ecke. — Sprechsaal. — Bücher¬
besprechung. — Ein Stimmungsbild. — Mutter und Sohn. —
Inserate.
Z» »"in.
Eine Wertrauensfrage.
Die beiden Wochenabschnitte, welche an diesem Sabbat ver¬
lesen werden, stellen eine Vertrauensfrage; da sind eine Fülle von
Vorschriften, welche körperliche Zustände und Entartungen in Be¬
ziehung zu dem Heiligsten setzen, tief eingreifen in das bürgerliche
Leben, in die Eigentumsverhältnisse. Und dies alles im Anschluß
an die Begriffe von Reinheit und Unreinheit, wie sie die Thora
feststellt und genau ummarktet. Fast in jeder Generation gab es
Menschen, welche den Versuch wagten, diesen Vorschriften Motive
zu erfinden, bis zu jener Verzerrung, welche in den beiden
Wochenabschnitten die Grundlinien der altjüdischen Hygiene ent¬
decken und dabei gar nicht genug bewundernde Worte für —
Moses aufbringen können. Es ließe sich aus der Aufzählung der
Einzelheiten der strikte Beweis erbringen, daß die Begriffe Rein¬
heit und Unreinheit jedenfalls etwas andres sind, als Ansteckungs¬
gefahr und Schutz gegen djeselbe. Vielleicht nirgends in der
ganzen Thora stellt der Allmächtige eine so ernste Vertrauens¬
frage an fein Volk. Gedanken und Beziehungen find es, die ganz
jenseits der Sphäre liegen, in denen sich sonst Dein Fühlen und
Dein Denken bewegt und doch sollst Du ihnen Dein ganzes
Leben unterordnen; auch nach Ablauf der Krankheit bist du dem
Leben erst wiedergegeben nach einem Gang ins Heiligtum.
Gibt es etwas höheres als das Mutterglück? Und doch
könnte sich im Fühlen der jungen Mütter bei überströmender Hin¬
gabe an das Kind eine leise Abkehr vom Gatten vollziehen. Sie
gehe ins Heiligtum und suche opfernd Sühne. Dem Aussätzigen
mögen in seiner Ausschließungszeit alte, längst entschwundene
Stunden sittlicher Verfehlung, argen Mißbrauches des göttlichen
Geschenkes der Sprache vor das Auge getreten sein; heiße Sehn¬
sucht nach Menschen ward in ihm lebendig. Der Weg zur All¬
täglichkeit, zur Reinheit führt durch das Heiligtum.
Es stellen aber diese Vorschriften noch eine zweite Ver¬
trauensfrage, die an den Menschen selbst. Wer von der Außen¬
welt konnte wissen, ob irgend jemand mit dieser Entartung be¬
haftet war und ihn so zu dem ernsten Gang zum Priester
zwingen? Worin lag der Schutz, daß diese Unreinheiten nicht
auf andere übertragen wurden? Rur in dem Kranken selbst. Man
muß sich nur hineinversetzen in die Stimmung desselben, muß
bedenken, welche Selbstentäußerung dazu gehörte, als Büßer mit
zerrissenem Gewand durch die Massen zu schreiten und
Zu rufen, um die anderen vor Berührung zu warnen.
Aber der Allmächtige hatte das Vertrauen zu seinem Volke; das
ist nach unserer alten Weisen Auffassung die an jeden einzelnen
ergehende Mahnung □PK2E2 PN Dmim
„warnet vor Unreinheit!".
Auch dies ist ein Ausfluß des Verantwortlichkeitsbewußt¬
seins, das in 'jedem einzelnen für die Gesamtheit wohnt; es wäre
ein furchtbares Sterben, wenn der Allmächtige dieses Vertrauen
nicht mehr haben könnte, es wäre ein Entweihen des Heiligsten,
wenn jüdische Frauen und Männer dieses Vertrauen täuschen
würden. Einen höheren Adel der jüdischen Frau können wir
uns gar nicht denken, als dieses Vertrauensvotum, welches die
jüdische Ehe mit dem Schimmer himmlischer Reinheit verklärt.
P. K.