Das Jüdische Echo
Nummer 28
13. Juli 1923
10. Jahrgang
Zionismus und Religiosität.
Eine Entgegnung
Es ist gewiß kein Zufall, daß in modern
zionistischen Kreisen die jüdische Reli¬
gion vielfach in gewissem Sinn als Über¬
lebtheit bezeichnet wird. Und auch dort,
wo das nicht geschieht, auch dort, wo
das Gegenteil behauptet wird, zeigt es
sich immer deutlicher, daß Zionismus und
Religiosität ihrem tiefsten Wesen nach
Gegensätze sind.
Mit diesen Worten leitet Hans Margolius im
„Hamburger Israelitischen Familienblatt“ einen
Artikel ein, in dem er zur Ablehnung des Zionis¬
mus aus Gründen heraus kommt, die zwar keines¬
wegs völlig neu, jedoch in der Absolutheit und
hckordmönät" des' Reren 1 '
Hajcssod.
Mai: 66 236 Pfund
Provisorische Aufstellung der im Mai 1923 in
London bar eingegangenen Beträge
£
U. S.A. .. 42,766.11.2
Canada . 4,968. 9. 7
Tschechoslowakei . 2,698.18.10
England. 2,250.—.—
Argentinien. 1,700.—.—
Südafrika . 1,500.—.—
Litauen .. 1,229.18. 6
Holland . 1,112.17. 4
Polen. 996. 9.—
Russische Kolonie, London .... 800.—.—
Danzig . 726.10. 3
Finnland. 696.18. 3
Rumänien . 663. 5.11
Deutschland . 483.15. 4
Ostgalizien.. 428.15.10
Österreich . 330.13. 8
Norwegen . 300.14. 2
Frankreich (Paris £ 179.9.1,
Straßburg 84.19.9) . 264. 8.10
Bukowina . 240.—.—
Tunis ,. 238. 6. 2
Schweiz. 194. 3. 6
Lettland. 163.19. 5
doch nur platonisch. Ist es nämlich erreicht, zur
Realität geworden, dann kann es eben nicht mehr
Ziel der Sehnsucht sein, dann ist das Ende der
jüdischen Religion da. Der kraft lose Wunsch
nach einem jüdischen Palästina bedeutet das
Leben, der kraft volle Versuch der Um¬
setzung dieses Wunsches in die Tat bringt den
sicheren Tod.
Selbst wenn das richtig wäre, schön, so finden
wir wenigstens, wäre es nicht. Gerade darin
unterscheidet sich doch das Ideal von der hoff¬
nungslosen Utopie, daß man die Möglichkeit hat,
ihm näher und immer näher zu kommen, daß es
Antrieb zu wertvoller, das Individuum oder eine
Mehrheit von Individuen fördernder Tätigkeit
bildet. Dürften wir Palästina nicht voll und ganz,
echt und wirklich, wollen, dann könnten wir es
auch nicht so lieben, daß es Ziel einer wahren
Sehnsucht für uns sein könnte. So etwas, wie
eine hoffnungslose Liebe scheint es uns auf die¬
sem Gebiete nicht zu geben. Hoffnungslosigkeit
haben wir, weiß der Himmel, auch sonst zur
Genüge auf allen Gebieten des Lebens täglich
und stündlich zu erfahren. Unbedingte Hoffnung
auf Erfüllung der Sehnsucht, auf Verwirklichung
in irgend einem Sinne macht ja gerade die Reli¬
gion zur Stütze der Gebeugten und Niederge¬
drückten, gibt den Halt, den jeder Mensch zu
irgend einer Zeit bitter benötigt, wenn nicht
innerlich etwas in ihm zerbrechen und für immer
zerstört werden soll.
Etwas ganz anderes wäre es, wenn der Ver¬
fasser des oben erwähnten Artikels sich auf den
Standpunkt derjenigen gestellt hätte, die als Ziel
1 unserer jüdischen Gebete nur das sogenannte
„geistige Zion“ anerkennen, die das Wort „Zion“
jnur als eine schöne Metapher, als ein Gleichnis
‘ohne konkreten Inhalt anerkennen, ein Stand-
t punkt, der ja bekanntlich seit der Zeit der Eman-
g dpation in allen möglichen Variationen, wenn
[Much hauptsächlich als apologetisches Argument
11 iv Kampfe um die Gleichberechtigung vertreten
vird. Die Unhaltbarkeit dieser Auffassung ist in
euerer Zeit mehr und mehr erkannt worden und
& edarf hier keiner Widerlegung, umso weniger,
dj 1s ja Herr Margolius implicite in seinen Ausfüh-
t 0 ungen diese Anschauung verwirft. Aber selbst
gJinem Anhänger des Glaubens an das nur „gei¬
zige Zion“ könnte man in dieser Frage ohne wei-
res entgegenhalten, daß sein Gedankengang
irch die Errichtung des jüdischen Staates in Pa-
stina jedenfalls nicht leiden kann; denn auch
cli der Schaffung des irdischen bleibt noch das
treben nach dem geistigen Zion als hohe Auf-
ibe unberührt.
Herr Margolius hat aber auch positiv unrecht.
soll nur ganz im Vorbeigehen daran erinnert
in, daß der Nimbus, der symbolische Klang des
'ortes Mekka keineswegs darunter gelitten hat,
iß ein arabischer Staat besteht und daß jähr-
h zur bestimmten Zeit tausende und aber-
usende von Mohammedanern nach Mekka wall-
hren oder täglich mit der Richtung nach der
iligen Stadt ihr Gebet verrichten. Schließlich
deutet die Klagemauer heute immer noch das-
lbe für den gläubigen Juden, als vorher, wo es
)ch kein Tel-Awiw gab und wo jüdische Sied-
ngen im Lande noch nicht existierten.