CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR
VON SCHALOM ASCH
Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz
(Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien)
1. Kapitel
CHAIM LEDERERS KARRIERE
Am Morgen nach dem großen Bankett, das
zu Chaim Lederers sechzigstem Geburtstag
veranstaltet worden war, wußte der alte Le¬
derer nicht, was er nunmehr beginnen sollte.
Das Bankett hatte im Saal eines der Neu¬
yorker Riesenhotels stattgefunden. Das Essen
war koscher, Redner waren ein Rabbiner und
Mister Großmann, der Vertreter der Versiche¬
rungsgesellschaft, bei der Lederer versichert
war, nebenbei eine bekannte Figur in der Neu¬
yorker jüdischen Öffentlichkeit. Die Feier war
nicht nur aus dem Grunde veranstaltet wor¬
den, weil Mister Lederer sein sechzigstes
Lebensjahr vollendet hatte. Der Sechziger
stimmte nämlich nicht ganz genau; denn
eigentlich hatte Mister Lederer die Sechzig
schon um ein gutes Stück überschritten.
Wenn man es ganz genau nahm, wußte er
eigentlich selbst nicht recht, wann er Geburts¬
tag hatte; sein Geburtstag war eine Einfüh¬
rung seiner Frau, von ihr erst viel später er¬
funden. Als es ihnen bereits gut zu gehen
anfing, hatte sie ihm der Leute wegen einen
Geburtstag angehängt, indem sie irgendeinen
gewöhnlichen Tag im Jahr dafür bestimmte.
Den eigentlichen Anlaß der Feier bildete denn
auch nicht so sehr der sehr problematische
sechzigste Geburtstag, als vielmehr der Um¬
stand, daß der Chef der großen Neuyorker
Wäschefirma „Lederer and sons“ auf Broad¬
way sich vom Geschäft zurückzog und das
Unternehmen seinen zwei verheirateten Söh¬
nen überließ, natürlich nicht ohne vorher sich
selbst einen entsprechenden Anteil als lebens¬
längliche Rente gesichert, seiner Frau für den
Fall seines Todes eine gebührende Jahres¬
pension ausgesetzt und überdies eine bedeu¬
tende Summe als Mitgift für seine unverhei¬
ratete Tochter, die noch im Hause der Eltern
wohnte, reserviert zu haben ...
Der alte Mister Lederer war ein Mann der
Arbeit. Seit er vor fünfundzwanzig Jahren
begonnen hatte, sein Unternehmen aufzu¬
bauen, hatte es keinen einzigen Tag gegeben,
an dem er des Morgens erwacht wäre, ohne
zu wissen, was er zu tun hatte. Stets wartete
Arbeit auf ihn. Wie ein Rennpferd unter der
Peitsche stürzte sich Lederer schon am frühen
Morgen in den brausenden Kessel des Ge¬
schäftsbetriebes. Noch während er halb sit¬
zend, halb stehend hastig das Glas Kaffee
schlürfte, das er noch von der alten euro¬
päischen Heimat her am Morgen zu trinken
gewohnt war, wobei er von einem Zucker¬
würfel zwischen Daumen und Zeigefinger der
linken Hand kleine Stückchen zum Kaffee ab¬
biß, hielt er in der rechten Hand das Notiz¬
buch, in dem er die wichtigsten Geschäfts¬
angelegenheiten verzeichnet hatte, die über
Tags zu erledigen waren: die Zahlungen, die
Inkassi, die geschäftlichen Verabredungen,
den Lunchpartner u. dgl. Schon während des
eiligen Frühstücks entwarf er im Kopfe Ge¬
schäftspläne für die Firma „Lederer and sons“.
Wenn er dann das Haus verließ, wurde er
rasch von der Erde im Riesenschlund der
Untergrundbahn verschlungen. Zusammen mit
Tausenden, Zehntausenden seinesgleichen, die
ebenso wie er im Leib eines stählernen Unge¬
heuers zusammengepfercht waren, flog er mit
der Geschwindigkeit des Blitzes unter der Erde,
unter Häuserzügen und Wasserläufen dahin.
Bis sie die Erde wieder ausspie, jeden in seine
Straße, an seinen Arbeitsplatz. Den ganzen
Tag war er ins hastig schwingende, lärmende
Rad des Geschäftes gespannt, es warf ihn von
den Geschäftsräumen in die Werkstätten, von
den Werkstätten zurück in die Geschäfts¬
räume. Unzählige Male im Tag riß ihn das Te¬
lephon an sich: dem einen bot er freundlich
lächelnd Gruß, dem anderen tönte aus gleich¬
gültigem Gesicht ein trockenes „Ich kann
nichts tun“ entgegen, dem einen ein Lachen,
dem anderen ein Zornausbruch. Im Geschäft
bot er Zigarren an, nahm Zigarren, fertigte
Reisende ab, empfing Einkäufer. Später, als
die Firma emporkam, nahm er den Lunch aus¬
wärts und erledigte auch dabei Geschäfte mit
mehr Heißhunger als er für die Gänge hatte,
die ihm vorgesetzt wurden. Am Abend sandte
ihn die Straße wieder heim. Todmüde kam er