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Romanbeilage des „Jüdischen Echos'
Nr. 12
„Ja, ja, ja! Ich will wieder in den Shop zu¬
rück. Ich muß in den Shop zurück, hörst du?
Ich muß, ich muß?!“
„Weißt du, was du redest? Begreifst du
überhaupt, was du redest? Du willst ein Ar¬
beiter werden? Du,*Chaim Lederer in Firma
„Lederer and sons“, willst in den Shop zu¬
rück? Ein halbes Leben hast du dafür ge¬
arbeitet, aus dem Shop herauszukommen, und
jetzt, da du endlich draußen bist, willst du in
Shop zurück? Weißt du, was du redest?
Weiß du, was das heißt? Du bist krank, mein
lieber Mann, sehr krank. Ich unglückliche
Frau, weh’ mir, ich weiß ja nicht, was ich mit
dir anfangen soll! Jetzt sehen schon alle, daß
du krank bist. Heute hast du dich in deinem
eigenen Shop mitten unter die Arbeiter ge¬
setzt und hast Schmach und Schande über
uns gebracht. Und jetzt willst du wieder ein
Arbeiter werden! Du bist krank, Chaim, sehr
krank! Ich muß die Kinder rufen, ich arme,
unglückliche Frau! ..
XIV. Kapitel
SHOP-KRANKHEIT.
Am nächsten Tag erhielt der alte Lederer
einen unerwarteten Besuch: Doktor Salkind
kam zusammen mit einem zweiten Arzt.
Dr. Salkind war der Hausarzt der Familie
Lederer. Lederer selbst brachte ihm nicht
viel Zuneigung entgegen, denn in seinen
Augen war Dr. Salkind eine der „Neuheiten“,
die seine Frau eingeführt hatte, seit sie reich
geworden waren; und Lederer liebte ihn
ebensowenig, wie die neuen Möbel und die
neue Ordnung im Hause, die er als ebenso
überflüssig empfand. Doch Dr. Salkind war
von unerschütterlicher Liebenswürdigkeit, lä¬
chelte stets und war immer bei gutem Hu¬
mor, so daß man ihm nicht ernsthaft bös sein
konnte. Und selbst wenn man ihm bös wurde,
so nützte es nichts; denn Dr. Salkind machte
sich nichts daraus, und wie die Katze immer
auf die Füße fällt, so blieb er in allen Situ¬
ationen der liebenswürdige, höflich lächelnde
Dr. Salkind.
Als Dr. Salkind diesmal kam, wollte ihn der
alte Lederer anfangs nicht empfangen. Als
ihm gemeldet wurde, Dr. Salkind wolle ihn
sehen (dies meldete ihm seine Frau in der
zartfühlenden Art, mit der man einem
Schwerkranken etwas beibringt), wurde er
wütend und drohte, den Doktor die Treppe
hinunterzuwerfen. Aber bald wurde er ruhig
und sein Zorn legte sich; denn er besann sich:
„Am Ende meinen sie wirklich, ich sei ver¬
rückt!“ Er kam selbst zu Dr. Salkind hinaus,
ein künstliches Lächeln auf den Lippen, über
das er noch aus seiner'Geschäftszeit ver¬
fügte.
„Ah, Sie sind wirklich gekommen, um fest¬
zustellen, ob ich bei vollem Verstände bin?
Bitte, mit Vergnügen! Überzeugen Sie sich!“
— mit diesen Worten empfing er den Arzt.
„Aber, Mister Lederer, was fällt Ihnen ein!
Wollen Sie mich beleidigen? Ich habe Ihnen
doch nichts Böses getan! Ich war gerade bei
Ihrer Frau Gemahlin, um ihre Leber zu unter¬
suchen — und da hat sie mich gebeten, ich
möge ein wenig nach Ihnen sehen. So möchte
ich mich einfach erkundigen, wie es Ihnen
geht, wie Sie sich fühlen, seit Sie sich vom
Geschäft zurückgezogen haben, und wie
Ihnen das Unbeschäftigtsein behagt...“
Fortsetzung folgt.
In der nächsten Nummer beginnen wir mit dem Hbdruck unseres neuen Romans:
Der letzte Waldjude
von J. Opatoschu
Äus dem Jiddischen übertragen von Siegfried Schmitz
Der hervorragende jüdische Dichter gibt in diesem Werk ein großangelegtes Bild vom Zustand
der polnischen und jüdischen Gesellschaft in der Zeit vor dem Polenaufstand von 1863 ; der
geistige Weg eines chassidischen Jünglings in die große Welt ist in einer Fülle plastischer
Szenen packend und mit großer Eindringlichkeit dargestellt.