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Romanbeilage des „Jüdischen Echos“
Nr. 1
Allmählich begannen die Waldjuden ihre
Söhne in andere Gouvernements zu schicken
und für die Töchter brachten sie gelehrte
chassidische Schwiegersöhne mit, die sich
bald nach der Hochzeit in den nahen Städten
ansiedelten und nicht im Walde wohnen woll¬
ten. So verbreiteten sich die Waldjuden über
Polen und Wolhynien; im Walde hörten sie
auf, sich zu vermehren, und mit jedem Jahre
wurde bei der Abrechnung zur Chanukkah-
zeit die Sippe kleiner. Zwei Generationen
später verblieb in den Wäldern von Lipo-
wiec nur Mordechais Vater.
Durch eine lange Reihe von Generationen
hatte Mordechais Sippe in den Wäldern von
Lipowiec gewohnt, und obwohl sie nur
„Schreiber“ waren, so hatten sie doch die
Herrschaft über die Wälder und hielten sich
für deren wirkliche Besitzer. Wo eine neue
Judengemeinschaft entstand, dorthin schick¬
ten Mordechais Ahnen Bauholz. Einen großen
Teil von Polen versorgten sie mit Bet- und
Lehrhäusern, wo die Juden dem Dienste ob¬
lagen. Wo eine Talmud-Thora, ein Beth-
Hamidrasch um Holz für den Winter bat,
dorthin schickte es Mordechais Sippe; sie
beheizte ein halbes Gouvernement.
Die Bauern der Umgebung sammelten frank
und frei die Zweige der gefällten Bäume, und
wo es einen Toten bei einem armen Bauern
gab, dort gab Mordechais Sippe die Bretter
für den Sarg.
Rechts die dichten Wälder von Lipowiec,
in denen hundertjährige Eichen vor Alter
stürzten, zerbröselten und noch stärkere Ei¬
chen aus sich trieben. Links fette Wiesen, auf
denen die kleinen weißgetünchten Fischer¬
häuschen nur wenig über das hohe Gras
heraussahen.
Die ganze Gegend lag fern von mensch¬
licher Siedlung, wie eingeschnitten zwischen
Wasser und Wald;—so wuchsen die Fischer¬
kinder halbwild auf und versteckten sich wie
aufgeschrecktes Kleinwild vor den Menschen,
die vorüberkamen.
Bei Tag schliefen die Fischer. Sie schliefen
sippenweise wie die Zigeuner. Das ganze
Zimmer hatten sie belegt, Vater, Mutter, Kin¬
der, Eidame und Schnuren lagen miteinander
auf Strohsäcken. Wenn die Nacht kam, zo¬
gen die Männer satt und ausgeruht zum Fang
aus. Bevor sie gingen, schlugen die Weiber
das Kreuz über sie, gaben jedem gerösteten
Weizen mit, um die Fische zu überlisten, und
eine Schnur mit Wolfszähnen als Amulett,
damit Wanda, die Königin der Weichsel, sie
nicht verlocke.
Die kräftigen, braungebrannten Fischer, die
mehr als einmal dem Tod ins Auge geblickt,,
hausten zwischen Wasser und Wald, große
Kinder, die die Sprache der Kinder sprachen
und mit den Wellen der Weichsel reden
konnten.
Die Fischer bestiegen ihre Kähne, warfen
den gerösteten Weizen ins Wasser und
horchten. Und wenn die Weichsel Blasen zu
werfen begann wie siedendes Wasser, da
waren sie sicher, der Fang würde gut sein.
Zufrieden richteten sie die Netze zurecht und
spitzten scharf die Ohren. Das Rauschen
wurde stärker — Scharen kleiner Fische jag¬
ten vorbei, fest aneinandergepreßt wie silber¬
weiße Eisschollen; sie verschwanden und ka¬
men wieder. Hungrige Hechte, dicke Karp¬
fen und Schleie mit offenen Mäulern jagten
ihnen nach.
Langsam ließen die Fischer die Netze ins
Wasser und immer wieder zogen sie aus den
Stiefelschäften die bauchigen Branntweinfla¬
schen, wärmten sich und träumten. Sieträum¬
ten von Irrlichtern, die des Nachts auf dem
Wasser leuchten und da und dort aus dem
Walde blitzen wie Wolfsaugen. Sie waren
überzeugt, das seien Schätze — Wandas
Schätze. Einem Irrlicht folgen darf man nicht
— es verlockt und führt irre.
Wenn die Weichsel unruhig wurde und
Wellen warf, die im Mondlicht aussahen wie
grüne Eisblöcke, da beteten die Fischer wie
Kinder zu ihr und baten sie wie eine Mutter,
sie möge Mitleid haben und aufhören, böse
zu sein. Und wenn das Wasser sich nicht be¬
ruhigen wollte, warfen sie Wanda einen
Wolfszahn nach dem anderen zu und veran¬
kerten alle zusammen die Kähne am Ufer.
Dort zogen sie die Tonpfeifen hervor, spuck¬
ten ins Wasser und hörten zum hundertsten
Male von den alten Fischern, daß der Fang
von Jahr zu Jahr schwächer werde, daß
Wanda gefesselt sei, daß die Weichsel aus¬
einandergerissen und die Zeiten von ehemals
nicht mehr da seien, da die Fischer frei wie
Vögel über das Wasser flogen. Dort im Was¬
ser taucht Wanda in die Nacht empor. Sie
erhebt sich, hüllt die Weichsel ein und klagt
vor ihren Kindern, daß man ihr Wasser ver¬
unreinigt. Daß fremde Menschen wie Heu¬
schreckenschwärme gekommen seien und
daß sie es eng habe. — Die jungen Fischer
löschten die Laternen, spuckten in die Fäuste,
faßten die Ruder fester und glitten über das
Wasser wie über den Rücken eines gelenki¬
gen, großen Tieres. So stahlen sie sich heim¬
lich in die Staatsgewässer, wo der Fang bes¬
ser war. (Fortsetzung folgt)