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Romanbeilage des „Jüdischen Echos“
Nr. 5
dort alle oberen Engel, die ewig über die
Zerstörung weinen. Dann kommt er von dort
heraus, gekrönt, gekleidet in alle Rüstungen
von unten und oben und viele heilige Armeen
um ihn. Die ganze Welt wird ein Licht sehen,
das vom Himmel bis zur Erde reicht. Sieben
Tage wird es stehen und die ganze Welt wird
erschrecken und hilflos sein und niemand,
außer den Weisen, welche die Geheimnisse
kennen, wird wissen, was das bedeutet. Die
ganzen sieben Tage lang wird er auch auf
der Erde gekrönt werden in dem »Vogelnest 4
— an Rachels Grab. Am Scheidewege steht
sie. Er bringt ihr die Botschaft und tröstet
sie und sie wird getröstet. Sie erhebt sich und
küßt ihn. Dann schwindet das Licht von dort
und bleibt stehen über der Palmenstadt Je¬
richo. Zwölf Monate lang wird er verborgen
sein im Licht des »Vogelnestes 4 . Dann wird
er das Licht zwischen Himmel und Erde hän¬
gen und wird in Galiläa ruhen; dort wird er
hervortreten aus dem Lichte des »Vogelne¬
stes 4 und zurück an seinen Ort gehen. An die¬
sem Tage wird wieder die ganze Erde er¬
beben von einem Ende des Himmels bis zum
zweiten und die ganze Welt wird erkennen:
Moschiach ist gekommen. Glücklich, der in
dieser Zeit sein wird und glücklich, der in
dieser Zeit nicht sein wird.. .‘ 4
Mordechai schaute auf Reb Itsche und
meinte, dessen Seele sei entrückt. Durch das
offene Fenster sah er ein Stück des Waldes
in Flammen — die Sonne ging unter. Beim
Stall putzte der Heger sein Pferd. Sein vier¬
zehnjähriger Junge, Wacek, saß barfuß auf
der Erde, hielt den Hund Filut bei den Ohren
und neckte ihn, indem er einen Stein warf.
Der Hund riß sich los, in seinem Eifer rannte
er über den Stein weg, dann faßte er ihn mit
lautem Bellen und trabte unzufrieden zu sei¬
nem Herrn zurück.
Mordechai schaute auf den Heger und auf
Wacek und bedauerte sie; sie wußten gar
nichts und lebten wie die Tiere; und da hin¬
ter der Wand sitzt Reb Itsche, der Welten
baut und zerstört.
Reb Itsche schloß das Buch, und als er
Mordechai bemerkte, sagte er freundlich:
„Gut, daß du gekommen bist, Mordechai . 44
Mordechai sah zu, wie Reb Itsche aufstand,
den Rock anzog, sich die Hände rieb und hei¬
ter durchs Zimmer schritt; sofort wurde ihm
wohl zumute und er wollte anfangen zu
beichten. Er stammelte, wurde rot und kam
in seiner Erzählung nicht vorwärts; da be¬
gann er von neuem, verwirrte sich aber noch
mehr, und schließlich sagte er in ein paar
Worten Reb Itsche, wie es mit ihm und Ra¬
chel stand. Mordechai merkte, daß ihn Reb
Itsche, solange er sprach, nicht ansah, damit
er nicht den Faden verliere; dafür gewann
er ihn noch mehr lieb.
Reb Itsche hörte bis zu Ende zu, dann blieb
er stehen und begann zu sprechen, als setze
er ein abgebrochenes Gespräch fort:
„Das bedeutet, daß du die erste Stufe er¬
reicht hast — andere kommen auch so weit
nicht — gut! Gut! Wisse, ein ehrlicher Jude
muß sich der Herrschaft des Zaddik ergeben
mit Leib und Seele, denn der Zaddik ver¬
einigt in sich Weisheit, Gnade, Liebe — was
sage ich? Er vereinigt in sich alle Sefiroth,
er hat nicht um das Herz die Kammer des
Samael, die linke Kammer, in der das Böse
Macht hat. Denn wisse, jeder Mensch hat auf
beiden Seiten des Herzens zwei Kammern.
Die rechte enthält bloß Geistiges, die linke
aber ist« mit Blut gefüllt, dort sitzt das Böse
und führt den Menschen vom rechten Wege
fort . 44
Nachdenklich durchmaß Reb Itsche einige
Male das Zimmer und kaute an seinem
schwarzen dichten Barte; dann blieb er wie¬
der stehen.
„Denn wisse, je mehr du dich des Irdischen
entkleidest und dich der Herrschaft des Zad-
diks ergibst — das bedeutet, dem Zaddik
deinen Willen, deine Seele übergibst —,
wird Dein Wille, deine Seele halbpart
dem Willen des Zaddiks und seiner
Seele, die voll von Liebe sind; Liebe, mußt
du wissen, ist das Herz der Welt, die Liebe
hat Stufen, die niedrigste ist die Liebe von
Amnon und Tamar. Eine Stufe in sich unter¬
drücken, wäre es auch die niedrigste, darf
man auch nicht — man muß alle Stufen durch¬
schreiten, und wenn du in dir alle Stufen
vereinigst, wirst du nie ein Diener des bösen
Triebes werden. Dann wird, du verstehst, die
Kammer Samaels in dir immer kleiner, das
Blut vertrocknet, das Böse verschwindet und
du selbst steigst immer weiter, unaufhörlich
von der niedrigeren Stufe bis zur höheren,
bis du in dir den ewigen Willen, deine eigene
Seele fühlst, imstande bist zu begreifen, was
ein Zaddik ist; da fühlst du ein Feuer in al¬
len deinen Gliedern und willst es löschen mit
einem Worte des Zaddik, mit einem Blick
von ihm . 44
Reb Itsche verstummte, schritt durch das
Zimmer, kaute an seinem Schnurrbart und
runzelte die Stirne, als disputierte er mit sich
selbst.
Fortsetzung folgt.