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Romanbeilage des „Jüdischen Echo;
Nr. 37
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blickte dabei neugierig nach dem offenen
Buche.
Nun aber wurde der junge Mann verlegen,
weil er einen Juden polnisch angesprochen
hatte; als er Mordechais Neugierde merkte,
klappte er das Buch zu, bereute es aber
gleich, stammelte etwas, als wäre er dem
Fremden eine Erklärung schuldig, und zeigte
ihm das Buch:
„Nehmt es mir nicht übel, ich meine...
wenn Ihr einen Blick hineinwerfen wollt,
selbstverständlich . . . ja, das ist ein Kom¬
mentar zum ,Führer der Irrenden 4 des Mai-
monides...“
„Hörst du, Chane?“ die Alte klapperte mit
ihren zahnlosen Lippen. „Ein Kunde kommt
und will essen und er füttert ihn mit
Büchern!“
„Ärgert Euch nicht, Mütterchen!“ Morde-
chai wollte sie freundlich stimmen.
„Wer ärgert sich denn?“ Sie knetete die
Worte zwischen ihren Lippen. „Ich sage nur,
daß von Psalmen noch keiner satt geworden
ist!“
„Was wollt Ihr essen?“
„Kann man einen Pfannkuchen bekom¬
men?“
Der junge Mann sah sich um, als suchte er
jemanden. Zaghaft zog er den Vorhang zur
Seite, hinter dem die Betten standen und
fragte leise:
„Chane... Chane... schläfst du?“
„Was willst du von Chane, ich komme
schon, ich komme,“ die Alte stand auf und
schüttelte die Kartoffelschalen von der Schürze
ab. „Hol’ indessen die Eier aus der Kammer.“
Mordechai öffnete ein zweites Buch* es
waren die geometrischen Formeln des Gaon
von Wilna. Nun war ihm klar, daß die geo¬
metrischen Figuren, die aus Pappdeckeln
geschnitten waren, zur Geometrie des Gaon
von Wilna gehörten. Er merkte gar nicht, daß
die Alte näher gekommen war. Sie hüstelte
und begann zu ihm zu sprechen wie zu einem
alten Bekannten:
„Gott ist mein Zeuge, ich habe mir nicht
helfen können, ich habe diese Unreinheit in
mein Zimmer nehmen müssen,“ sie wies auf
das Muttergottesbild, „meine Tochter krän¬
kelt schon den ganzen Winter und das Würm¬
chen verlangt sein* Recht, es muß eine Amme
haben... mein Schwiegersohn, er bleibe mir
gesund, lernt und lernt... er sitzt bei seinen
Büchern, da könnte alles auf dem Kopfe
stehen, es geht ihn nichts an. Dabei taugt er
wirklich nicht zum Handel, nun meine ich
taugst du nicht zum Handel, so schau’ zu,
ein Row zu werden, du bist doch schon Vater
eines Kindes! Er antwortet nicht. Ganze
Nächte durchwacht er. Wo er eine Schachtel
erwischt, zerschneidet er sie und macht sich
Spielzeug daraus, wie ein kleiner Junge; da
liegt das Zeug herum,“ die Alte wies auf die
geometrischen Figuren. „So hab’ ich Euch
bitten wollen, nehmt es mir nicht übel, aber
vielleicht lasset Ihr ein Wort fallen... ich
meine...“
„Mutter, wozu redest du so viel? Ruf lieber
die Magd herein, das Kind weint, es ist
hungrig.“
„Wer redet viel, wer? Kein Wort darf man
sagen!“ Die Alte streckte die Hände vor, als
wollte sie sich vor einer Verleumdung schüt¬
zen, öffnete die Tür und rief: „Franka, Franka,
was tust du so lange im Stall?“ Und jiddisch
fuhr sie fort: „Nicht erleben sollst du herein¬
zukommen!“
Franka, die ein paar Schultern hatte wie ein
Bauer, kam herein, den Arm voll Holz. Sie
schleuderte es beim Herde hin, faßte das Kind,
legte sich lang auf ihr Bett und reichte ihm
die Brust. Das rote Bauernkind riß dem Klei¬
nen die Brust fort und schrie. Die Magd
machte ihre zweite Brust frei und gab sie
ihrem Kinde. Ein zufriedenes Lutschen, das an
das Schmatzen von saugenden Ferkeln er¬
innerte, erfüllte die Schenke.
Mordechai betrachtete die ganze Häuslich¬
keit, die drei Frauen, welche die Wirtschaft
führten und mit dem jungen Mann umsprangen
wie mit einem Lehrjungen, betrachtete die ge¬
rahmte Mutter Gottes, die umherliegenden
Bücher; sein Blick konnte nicht von dem
Strick loskommen, der um den Herd gespannt
war und auf dem Windeln, Zwiebel- und Knob¬
lauchkränze hingen.
Der junge Mann trat näher.
„Kommt Ihr von weit her?“
„Aus Plozk.“
„Ihr habt wahrscheinlich Geschäfte auf dem
Gutshof?“
„Nein.“
Der junge Mann wollte noch etwas fragen;
da er aber sah, daß die Alte mit dem Pfann¬
kuchen kam, schwieg er. Mordechai setzte
sich zum Essen und begann ein Gespräch.
„Habt Ihr wenigstens hier Euren Lebens¬
unterhalt?“
„Man schlägt sich gerade durch.“
„Andere Schankwirte sich doch reich ge¬
worden.“
„Von einer Schenke ist noch niemand reich
geworden, und wenn einer reich ist, so ist dies
ein sicheres Zeichen, daß er sich mit Hehlerei
abgibt, Schnaps aus Preußen schmuggelt...
man arbeitet doch nur für den Gutsherrn!
Außerdem ist es ein übles Gewerbe ...“
„Wie meint Ihr das?“ (Fortsetzung folgt)