ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“
DER LETZTE WALD|UDE
VON J. OPATOSCHU
Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz
37. Fortsetzung
„Es ist doch klar — ich sitze da und muß
Gott bitten, daß sich ein Mensch betrinke und
seine Menschenwürde verliere ... Hätte ich
das früher gewußt, ich hätte meine paar hun¬
dert Gulden Mitgift nicht hineingesteckt..
„Wieviel habt Ihr wohl hineingesteckt?“
„Tausend Gulden.“
„Und wenn Ihr jetzt das Geld hättet, was
würdet Ihr damit tun?“
„Was ich täte?“ Der junge Mann rückte
seine Mütze fester und lächelte. „Die Hälfte
würde ich meiner Frau zurücklassen und mit
dem Rest von fünfhundert Gulden nach Ber¬
lin fahren.“
„Studieren?“
Der junge Man unterdrückte ein Wort, das
er sagen wollte, sah sich um, ob niemand zu¬
hörte, und fuhr leise fort:
„Die Sache ist so: Ich habe eine Schrift ver¬
faßt, welche der Geometrie des Wilnaer Gaon
widerspricht...“
„Das heißt also, Ihr stimmt nicht mit der
Geometrie des Gaon von Wilna überein?“
Mordechai hielt im Essen inne.
„Das gerade nicht“, der junge Mann machte
eine Handbewegung, die Ärger darüber aus¬
drückte, daß er nicht verstanden wurde. „Der
Gaon von Wilna hat in seiner Schrift gar
nichts Neues gebracht; er gibt selbst zu, daß
er Euklid folgt.. es ist ja richtig, bis auf ihn
hat niemand in hebräischer Sprache diesen
Gegenstand so klar behandelt... meine Theo¬
rie aber ist genau das Gegenteil von der
Euklids. Und ich beantworte jede Frage und
jeden Widerspruch mit meiner Theorie genau
so wie Euklid mit der seinen... das soll nicht
besagen, daß meine Theorie die einzige ist,
Ihr versteht? Das Schlimme ist, daß die Men¬
schen fortwährend von Raum und Ebene
reden, und in Wirklichkeit wissen wir bis
heute nicht, was das ist. So kommt es, daß
wir alles, was in unseren Augen unnatürlich
aussieht, für unmöglich halten! Ihr versteht?“
Die Augen des jungen Mannes blitzten, im Eifer
des Gesprächs schob er seine Mütze fort¬
während hin und her und stand auf. „Nach
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Euklid können die Winkel eines Dreiecks
nicht weniger als 180 Grad betragen; wenn
wir aber beweisen können,“ der junge Mann
verfiel in den Gemaras-Singsang, „daß sie
doch kleiner sein können als 180 Grad, und
das beweise ich in meiner Schrift, so muß das
zu einer neuen Geometrie führen, welche das
Gegenteil von der Euklids ist.“
Während der Rede des jungen Mannes saß
Mordechai begeistert da; er hatte beinahe
begriffen, worin der Gegensatz dieser Theorie
zur Euklidischen bestand. Jedoch konnte er
nicht auf den Namen eines russischen Profes¬
sors kommen, der berühmt geworden war,
weil er eine gleichfalls neue Geometrie her¬
ausgegeben hatte...
„Habt Ihr Eure Schrift schon jemandem ge¬
zeigt?“
Der junge Mann machte eine Bewegung mit
den Achseln, die nein sagte. Sein strahlendes
Gesicht, seine Haltung, alles überzeugte Mor¬
dechai, sein Gegenüber habe etwas Neues
gefunden, etwas aus dem Nichts geschaffen.
Jener nahm aus der Kommode einige Dutzend
zusammengeheftete Papierbogen und reichte
sie Mordechai:
„Das ist meine Schrift.“
Mordechai blätterte in dem Manuskript.
Der in Quadratschrift geschriebene gereimte
Titel fiel ihm auf. Auf einem zweiten Blatt
stand ein hebräisches Gedicht in Kursivschrift,
das den Titel trug „An die Zeit“. Der junge
Mann merkte, daß Mordechais Auge darauf
haften blieb; verlegen stammelte er:
„Das ist bloß ein Gedicht...“
„Dawid, Dawid,“ schrie die Alte „komm
her! Man braucht dich!“
Mordechai las indessen langsam das Ge¬
dicht; er begriff nicht, in welcher Beziehung
es zum Inhalt stand, und dachte daran, er
müsse Kahane herschicken, damit er die
Schrift lese.
Ein paar Bauern traten ein; ihr Geplapper
erfüllte die Schenke. Der schwere Bauern¬
tabak kratzte im Halse. Mordechai stand auf.
Der junge Mann kam herein, einen Pfropfen
zwischen den Zähnen. Mordechai zahlte für