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Romanbeilage des „Jüdischen Echos'
Nr. 38
das Essen, versprach, in den nächsten Tagen
mit einem Bekannten wegen der Schrift her¬
zukommen, verabschiedete sich und ging.
Er schritt die Fahrstraße entlang, dem Guts¬
hofe zu, dessen gemauerte Scheunen und Spei¬
cher wie Kasernen am Wege lagen. Er erin¬
nerte sich an den Kommentar zum „Führer“;
es schien ihm kein Zufall zu sein, daß vor
einem Dreivierteljahrundert sein Verfasser,
Salomon Maimon, genau so in einer Schenke
gesessen hatte wie jetzt der junge Mann, im
Verborgenen eine Schrift geschrieben und
davon geträumt hatte, ins Ausland zu gehen.
Dreiviertel eines Jahrhunderts — und nichts
hatte sich geändert, alles war wie damals;
vielleicht wird ein Dreivierteljahrhundert spä¬
ter ein hungriger Wanderer in die halbver¬
fallene Schenke einkehren und wieder einem
solchen jungen Manne begegnen — wer weiß?
Vielleicht.
Zwei Heger führten einen Bauern in den
Hof, dem die Hände auf dem Rücken gebunden
waren. Aus den Scheuern und den Pferde¬
ställen kamen die Knechte in Lammpelzen und
umringten neugierig den Häftling:
„Was ist los, Stach?“
„Wer hat dich so geschlagen?“
„Schau, wie geschwollen er ist.“
„Man sieht das Auge kaum.“
Der Gefesselte wollte lächeln, aber das ge¬
schwollene Auge verzerrte das Lächeln zu
einer weinerlichen Grimasse, leise fragte er:
„Wo ist Antek?“
„Antek Piasecki?“
„Ja.“
„Da kommt er.“
Antek, ein kräftiger Bursche in einer roten
Jacke, trat ohne Hut aus dem Stall. Er knallte
mit einer kurzen Peitsche. Als er Stach ge¬
bunden sah, lief er hinzu:
„Wo ist mein Alter?“
„Sie haben uns wund geschlagen!“
„Warum?“
„Stehlet nicht, so wird man euch nicht
schlagen!“ warf ein Heger ein.
„Du lügst!“ Der Gefesselte blickte verächt¬
lich auf den Heger und machte eine unbehol¬
fene Bewegung mit der gefesselten Hand, um
sich an die Brust zu schlagen. „Wir haben
nicht gestohlen! Wir haben Holz aus unse¬
rem Walde genommen, aus dem Bauern¬
wald ...“
„Hast du einen Erlaubnisschein?“ fragte der
Heger überlegen.
„Halt lieber das Maul, sei still!“ schrie An¬
tek den Heger an und wandte sich mit seiner
Frage an Stach: „Und wo mein Alter ist, weißt
du nicht?“
„Frage sie, die Hunde,“ der Bauer deutete
auf die Heger, „sie haben ihn geschlagen...“
Die Heger wurden sehr verlegen; sie wi¬
chen den Blicken der Knechte aus und zogen
sich zurück, um einer Gefahr, die sie nahe
fühlten, zu entgehen; endlich begann einer von
ihnen:
„Ihr geht gleich auf uns los! Wir sind doch
nicht schuld! Ihr an unserer Stelle wäret auch
nicht besser! Wozu hat man einen Heger im
Wald? Daß er das ganze Holz klauen läßt?
Dazu hat noch der Herr selber dabeigestan¬
den ... er hat uns befohlen, zu schlagen...“
„Also hast du geschlagen?“ Antek trat ganz
nahe an den Sprecher heran.
Ohne zu antworten, wich der Heger zurück.
Antek hielt ihm die Peitsche vor die Nase.
„So ein Hundsfott! Sofort bindest du Stach
los, hörst du!“
..Wer bist du denn?“ Der Heger warf sein
bleiches Gesicht trotzig zurück und hob ein
wenig seinen Knotenstock, als wollte er sich
verteidigen.
„Wer ich bin? Da hast du, damit du weißt,
wer ich bin!“ Antek versetzte ihm einen
Schlag ins Gesicht.
Das genügte, daß die Knechte sich auf die
Heger warfen. Sie schlugen auf sie los mit
allem, was ihnen in die Hände kam — mit
Schlegeln, Deichseln, Hufeisen, auch mit den
Stiefelabsätzen. In das Geschrei mengte si-ch
bald das Bellen der Hunde, die an ihren Ket¬
ten rißen, Mägde kreischten, und in das Ge¬
tümmel, das sich in den Gebäuden des Hofes
erhob und durch die stillen, verschneiten Fel¬
der rollte, drang ein verzweifeltes Schreien:
„Ola boga, helft! 01a boga ...“
Der Gutsherr kam mit seinem Gefolge aus
dem Walde geritten. Mit schußbereitem Ge¬
wehr umringten sie den Haufen und machten
der Schlägerei ein Ende. Eine unangenehme
Stille herrschte. Blutig und atemlos wiesen
die Heger auf Antek.
„Den werde ich lehren, den Rebellen, den
Lumpen!“ Der Gutsherr zügelte ärgerlich sein
Pferd, das fortwährend zu steigen versüchte.
„Fünfundzwanzig Hiebe auf der Stelle!“
Er spornte sein Pferd, ritt an Antek vorüber
und schlug ihm mit der Reitpeitsche ins Ge¬
sicht. Blutig lief ein Streifen auf der Wange
an. Antek hielt sich die Wange, lief im Kreise
umher und schrie so furchtbar, daß allen die
Haare zu Berge standen.
Die Knechte wollten Weggehen, um nicht
die Schmach eines Bruders mitansehen zu
müssen, doch man verstellte ihnen den Weg,
und der Gutsherr befahl, sie müßten Zusehen,
wie es einem Rebellen erging.
Fortsetzung folgt.