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RomanbeitaKe des „Jüdischen Echos''
Nr. 19
ihr Gepäck, durchwühlten die Taschen nach
den Pässen und Grenzpassierscheinen und
drängten sich zur Tür.
„Joschko, steh auf!“ Mordechai rüttelte sei¬
nen Reisegefährten, der noch immer schlief.
Josef Wirzbicki fuhr empor und öffnete
seine blauen Augen weit; dann richtete er
sich in seiner ganzen Größe auf, und seine
hohe, breite Gestalt versperrte wie ein Schran¬
ken den hastenden Juden den Weg.
„Was steht der Goj da wie rin Klotz?“
„Platz machen!“
Wirzbicki stammelte etwas, was wie eine
Entschuldigung klang; dann flüsterte er Mor¬
dechai zu:
„Alter, vergiß nicht, daß wir einen Wald
bei Krakau besehen fahren!
,Jch bin der Käufer.“ Mordechai lächelte.
„Und du?“
„Ich? Ich fahre als Fachmann mit.“
„Gut.“
Ein Beamter trat ein; als er die ausländi¬
schen Pässe in den Händen der beiden Rei¬
senden erblickte, musterte er die Fremden
mit einem Blick von Kopf bis zu den Füßen
und nahm höflich die Pässe zur Kontrolle an
sich.
Mordechai und Wirzbicki werfen einander
einen zufriedenen Blick zu: alles ging glatt.
Während sie, die Reisetaschen in den Händen,
auf ihre Pässe warteten, kam ein Schaffner
vorüber; sie hielten ihn an:
„Wann geht der nächste Zug nach Krakau?“
„Fünf Minuten vor Acht geht ein Bummel¬
zug.“ '
„Also noch eine volle Stunde Aufenthalt“,
sagte Wirzbicki mit einer Miene, als ver¬
säumte er etwas.
„Keine Sorge, Joschko!“ Mordechai faßte
ihn bei der Hand. „Wir werden noch heute
in Krakau sein!“
Der Beamte, der die Pässe mitgenommen
hatte, kehrte zurück; er winkte den beiden
Reisenden, ihm zu folgen. Sie verständigten
einander durch Zeichen, Mordechai möge für
Wirzbicki das Wort führen, der nicht Deutsch
konnte. Der Beamte öffnete die Waggontür:
„Bitte!“
Frische, trockene Kälte schlug den Ausstei¬
genden entgegen. Bei den Lastwaggons stan¬
den mächtige Leiterwagen, auf welche Trä¬
ger Petroleum, Salz und Mehl aufluden. Händ¬
ler signierten die Säcke und Fässer und schlu¬
gen dabei fröstelnd die Füße aneinander. Die
Luft hatte den Geruch eines Wintermarkt¬
tages.
Der Grenzkommissär, ein vertrocknetes,
sauberes Männchen mit einer langen, dünnen
Nase, nach er sich ohne Unterlaß griff, saß an
einem mit Papieren bedeckten Tisch und
strich seinen langen, blonden Schnurbart. Als
Mordechai und Wirzbicki eintraten, ersuchte
er sie, Platz zu nehmen, und indem seine
wäßrigen Augen von einem zum anderen
glitten, begann er:
„Darf man fragen, wohin die Herren fahren ?“
„Nach Krakau.“
„Sie beide?“
„Ja.“
„Zu welchem Zweck, meine Herren? Darf
man das wissen?“
„Ich bin ein Holzgroßhändler, Herr Kom¬
missär. Ich will einen Wald in der Nähe von
Krakau kaufen“, stotterte Mordechai.
„Und Sie?“ Der Kommissär wandte sich an
Wirzbicki.
„Das ist einer meiner Angestellten,“ gab
Mordechai rasch zur Antwort, „er spricht
nicht Deutsch.“
„Ich hätte Sie für Studenten gehalten, meine
Herren“, warf der Kommissär ein und fuhr,
sich wieder an Wirzbicki wendend, polnisch
fort:„ Wo liegt der Wald, Panie, den der
Herr kaufen will?“
„Der Wald liegt hinter Krakaü“, antwortete
Mordechai statt seiner.
„Und wer ist der Verkäufer?“, fragte der
Kommissär weiter.
„Ein Graf Komarowski“, antwortete Morde¬
chai ohne Zögern und erötete.
Der Kommissär lächelte unentwegt, griff
sich an die dünne Nase, strich seinen Schnurr¬
bart und begann gelassen:
„Hm, hm ... die ganze polnische Jugend,
die sich im Auslande befindet, reist plötzlich
nach Krakau, will iWre Onkel und Tanten be¬
suchen ... Studenten sind über Nacht Kauf¬
leute geworden, wollen den ,Deutschen* an
der Grenze hinters Licht führen. Unsinn, Pa-
nowie! Dieser ,Deutsche“* — er deutete mit
dem Zeigefinger auf sich — „ist ein ebenso
guter Pole wie Sie! Er liebt Polen, alle polni¬
schen Klassiker stehen in seinem Bücher¬
schrank! Doch er ist nicht wahnsinnig! Er
weiß, wohin Sie beide fahren; Es ist Wahn¬
sinn, sage ich euch! Es ist Wahnsinn, seinen
gesunden, jungen Kopf dem Wolf in den Ra¬
chen zu stecken! Hier, hören Sie!“ er griff
nach dem ,Dziennik Poznanski*, der auf dem
Tisch lag, und begann näselnd zu lesen:
,Die von Kurowski kommandierte Abtei¬
lung, der die Blüte von Krakau angehörte, ist
bei der Attacke auf Miechow aufgerieben wor¬
den. Von der Kavallerie und Infanterie sind
nur ein paar Mann zurückgekehrt.. .“*
Fortsetzung folgt.