Ueberlebenden heran, um ihnen für den Erfolg zu danken.
David wurde als der allerunerschrockenste bezeichnet. Vorge¬
rufen sagte er: „Ich bin David Blum, der Jude aus dem
Elsaß, der Ihnen einst in Spanien als ein phlegmatischer und
des Schwunges entbehrender Mensch bezeichnet wurde.
„Sie sind ein tapferer Mann und sollen Offizier werden."
„Tanke Ihnen, General, aber bitte keinen Rang für
mich; ich focht, um meine Kameraden vor den Kosaken zu
retten, aber ich würde nicht meinen kleinen Finger rühren,
um Ihren Kaiser zu retten, der meine geliebten Eltern in
Schande gestürzt, ruinirt und ins Grab gebracht hat."
Wieder vergingen einige Wochen, und die flüchtigen Truppen
waren an der Beresina. Haufenweise fielen sie vor Mangel
und Frost auf den gefrorenen Boden, der das Bajonett stumpf
machte und den Leichen ein Grab versagte. An einem Wacht¬
feuer stieg Napoleon vonr Pferde und war erstaunt über die
gute Ordnung, ja die Munterkeit dieser einzigen Truppe in
dieser Wucht von Elend und Verwirrung. Ein Sergeant
nahm das Wort:
„Sire, wir verdanken unsere Rettung David Blum.
Seine unerschöpfliche Energie erhielt unseren zusammen schmel¬
zenden Trupp, sein Muth belebte uns, wenn die Lanzenreiter
uns niederzureiten drohten und durch seine Vorsicht sind wir
allein nie ohne Nahrung und Feuerung gewesen."
„David, mein Krieger, sagte der Kaiser, mrt jener Stim¬
me, die Throne erbeben machte und doch in solchen Momen¬
ten wie dieser süß und gewinnend sein konnte, „ein Platz
ist für dich in meiner alten Garde bereit."
Zugleich heftete er ein silbernes Kreuz von seiner Uni¬
form los und übergab es dem Soldaten, in deffen Herzen
der noch gährende Sauerteig des Haffes sich regte, während
er doch zugleich unter dem Zauber der Ehrfurcht stand, den
der Gewaltige überall hin verbreitete. So antwortete er denn
ernst, wenn auch mit milderen Gestchtszügen:
„Srre, ich bin ein elsässer Jude, und kann keinerlei Be¬
lohnung, Beförderung oder Dekoration annehmen, denn das
hieße das Blutgeld für meine Familie empfangen, welche durch
Ihr Dekret vom 17. März in Schande und Verderben ge¬
stürzt ist."
„Ah" sagte mißvergnügt der Herrscher, „ich habe einige
so traurige Klagen schon früher gehört; denn, fügte er kurz
hinzu, „es war ein Jrrthum, aber wir können das auf-
heben und wieder gut machen" Die Wolke blieb jedoch auf
feiner Stirn, und sein vor Kurzem ruhig freundliches Gesicht
zeigte Spuren von Leidenschaft. Als wolle er weiterem Nach¬
denken, welches für den Augenblick unnütz gewesen wäre, ent¬
gehen, brach er auf, stieg zu Pferde und sprengte mit seinem
Stabe davon. David grüßte mit der einen Hand, während
die andere das Kreuz der Ehrenlegion fest umschloß. Er
hatte dem Tiger von Airgesicht zu Angesicht gegenüber ge¬
standen und hatte ihm fast verziehen, während er gefürchtet
hatte, er könne sich rächen; fein Kopf war voll von Vor¬
würfen, fein Heiz schlug heftig. Seine Kameraden eilten zu
ihm heran, um ihn zu beglückwünschen, doch erweckten sie ihn
kaum aus seinen Träumen. Aber drohende Gefahr machte
ihn vollends wach — die Kosaken kamen wieder über die
Flüchtlinge. Im heißem Kampfe wurde fast die ganze Nach¬
hut gelövtet und David verwundet. Er halte die ganze Ver-
theidigung so tapfer geleitet, daß man annahm, er fel ein
Offizier und ihn für die Gefangenschaft aufhob. In einem
Bergwerk Sibiriens war er achlundzwanzig Jahre begraben,
und dennoch, als man ihm sagte, daß er frei sei, war das
Gefühl »einer Vereinsamung so mächtig in ihm, daß er gern
in die Tiefe zurückgekehrt wäre. Indessen der Ruf „Nach
Frankreich" ließ seine Seele aufthauen, denn er war doch ir¬
gendwo, in einem Thale dieser grausamen Welt geboren,
hatte dort gelebt und geliebt, und was die Barbaren auch
von „dem Juden" sagen mochten, er halte dennoch ein
Vaterland. So durchkreuzte er muthig ganz Europa, seine
Stütze der Wanderstab und die Gaben mildthätiger Herzen.
An einem Dezembermorgen des Jahres 1840 erreichte
er die Heimath. Das alte zerschlagene Wrack war zurtickge-
trieben zu der Schiffswerft, wo es fröhlich, leicht und stattlich
aufgetakelt vom Stapel gelaufen war. Jeder sagte, dies sei
der Ort, aber David vermochte nicht, ihn wieder zu erkennen.
Der Garten, wo er für Sarah Blumen gepflückt hatte, war
mit einer rauchenden Fabrik bebaut. Zum ersten Male seit
langen Jahren benetzte eine Thräne des Kummers feine
Augen, welche von den Kupferdämpfen des Bergwerkes ge¬
trübt waren. Alle Gesichter waren ihm neu und unbekannt,
sein Name war ihnen fremd, sie sahen ihn mißtrauisch von
der Seite an Er betete auf dem Grabe eines Verwandten,
welches die Fabrikbesitzer verschont hatten.
So machte er sich denn auf, um nach Paris zu gehen,
wo das Begräbniß des Kaisers gefeiert werden sollte. Dort
hoffte er alte Kameraden zu finden.
Er kam dort am 14. an, frierend und ermüdet, aber zu
sehr erstarrt, um Schmerz zu fühlen. Er durchwanderte die
Straßen und hörte die Leute von dem Ruhm des Kaisers
sprechen, deffen Thaten Frankreich immer zieren würden —
aber Niemand schenkte ihm einen Tropfen Wein ein. O,
wenn die gemeinen Soldaten voraussehen könnten, wie un¬
dankbar ihre Landsleute gegen diejenigen sind, die für sie in
Kamps und Tod gegangen sind.! Der alte Vete¬
ran schlief auf der Stufenhalle eines Theaters; es war kälter
als in Sibirien!
Er grübelte darüber, daß ein Mann die Gewalt gehabt
habe, das Glück von hunderttausend Familien zu zerstören,
als der Ruf „Vive Tempereur“ ihn weckte. Die Menge
drängte sich zum Jnvaldenhotel, um ihrem vergötterten Helden
Huldigungen darzubringen. Furcht, Neid, Feindschaft, alles
war bei allen Klaffen dahingefchwnnden, und nur die mäch¬
tige Stimme der Geschichte machte über dem Grabe des Riesen
sich vernehmlich.
Das erhabene Schauspiel brachte David Blums Ideen
in Verwirrung. Plötzlich fühlte er Mitleid mit dem unglück¬
lichen. Manne, der, im vollen Besitze aller Macht, doch auch
nie häusliches Glück kennen gelernt hatte, weder an der Seite
Josephinens, die er von sich stieß, noch mit der Kaisertochter,
die ihm widerwillig die Hand und dann das Schattenbild
eines Sohnes gegeben hatte. Und er erinnerte sich an die
Bewegung des Kaisers, als sie einander gegenüber gestanden
hatten, nur wie Mensch dem Menschen, und jener gesagt
hatte: „Es war ein Jrrthum!" Und so beugte er sich
vor dem Mißgeschick der Halbgottes und verzieh ihm nach
einem Leben von Groll.
„Wir treffen einander zum letzten Male, o Kaiser! Du
kommst aus einem Gefängniß, welches Dir das Herz brach,,
und der arme Jude kommt aus seinem lebendiger Grabe
In einem Lande der Freiheit, Gerechtigkeit und Duldung, da
mag einst eine bessere Zeit kommen. Gott weiß wann, aber
sie kommt. „Jetzt Glockengeläute, Trommeln und Trompeten,
untermischt mit Myriaden Stimmen, welche riefen: da ist
er nun inmitten derer die er liebte!" Unter dem Triumph¬
bogen äs l'Ltoiäs („o glänzender Morgenstern, wie bist du
gefallen!") erschien der prächtige Leichenwagen, umgeben von
verstümmelten Generalen, geschmückt mit Fahnen und Adlern.
David sank in die Knie und betete. Eine segensvolle Ruhe
kam über seine Seele. Wie der Zug vorüber war, wurde er
ohnmächtig und sank gegen eine der Triumphsäulen.
Unter den zahlreichen kleinen Tagesbegebeheiten war im
„Moniteure“ zu leien: Ein alter Mann wurde bewußrlos in
den Champs Elys6es gefunden. Man weiß nicht, ob er in
dem Gedränge verletzt worden, oder vor Kälte und Hunger
umgekommen ist. Ec kam nicht wieder zum Bewußtsein, und
da er unbekannt ist, wurde er in die Morgue gebracht. In
seiner festgefchloffenen Hand war ein klernes Päckchen mit
einem Kreuz der Ehrenlegion mit Napoleons Bildniß und
einem bedruckten Stück Papier, welches so alt und mürbe
war, daß es nur mit Mühe entziffert werden konnte als „das
kaiserliche Dekret betreffend die Juden vom 17. März 1808."