\o. 9.
Das
Jahrg. IX•
Jüdische Literaturblatt.
Znr Beleuchtung aller Juden•
thum und Juden betreffenden
literarisch. Erscheinungen auf
dem Gebiete der Philosophie,
Geschichte,Ethnographie,The-
ologie,Orientalia, Exegese, Ho-
miletik, Liturgik, Pädagogik.
Herausgegeben
von
Rabbiner Dr. Moritz Rahmer.
•« 1 ׳$׳•
Magdeburg, £5£5. Februar 1880.
Bücher der einschlägigen Li•
teratur, welche der Redaction
zugesandt werden, finden in
diesem Blatte eingeh. Besprech-
ung. BeiEinsendung von zwei
Becensionsexeroplaren erfolgt
auch. Erwähn, i. d.Wochenschr.
Das ״Jüiliselie Iiiteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen־, Preis bei allen Buchhandlungen (in
Leipzig bei Robert Friese) pro J ahrg ang: 8Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten
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spaltene Petitzeile, buchhändlerische Beilagen mit 15 Mark berechnet. Die Expedition der ״Israelitischen Wochenschrift.“
Inhalt:
Wissenschaftliche Aufsätze: Ludwig Bamberger über
Deutschthum und Judenthum. — Samaritanische Aphorismen.
Von Jos. Loewy in Or.-Kanischa.
Literaturbericht: Recensionen: Hamhurger, Realencyclopädie
für Bibel und Talmud. — Natonek, ־כתר שם םוב Ehren-
kranz des guten Rufes. Festgabe zum 25jährigen Amtsjubi-
läum des Dr. M. Landsberg.
Notizen.
Ein Wort in eigener Sache.
Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet.
Ludwig Bamberger über Deutsehtlium
und Judentlium.
Durch die socialen Kämpfe der letzten Monate mit
der Hochtluth von Flugschriften, welche die wieder
einmal auf der Bildfläche des öffentlichen Lebens in
Deutschland erschienenen ״Judenfrage“ erzeugt hat, dürfte
in Manchem sich von Neuem die Frage aufgedrängt
haben, was Deutschthum und Judentlium für einander
sind, was sie für einander sein könnten — oder, mit
anderen Worten: die Frage über Sland und Zukunft
des socialen und geistigen Verschmelzungsprocesses, in
Avelchem diese beiden Culturmächte lange schon sich
befinden. Um so erfreulicher ist es wohl für jeden
ernster denkenden Deutschen, der, sei es in dem einen
oder dem anderen Lager, in all diesen Kämpfen in Wort
und Schrift nach dem gesucht haben mag, was ihnen
einen bleibenden Werth verlieh, ich sage, um so er-
freulicher ist es, hier, in dem Aufsatze des bewährten
Publicisten und Staatsmannes L. Bamberger nach den
schätzbaren Beiträgen- die die Flugschriften zur Orien-
tirung in dieser Frage bereits früher gebracht, auf neue
und höchst bemerkenswerthe Gesichtspunkte in Beur-
theilung desselben Gegenstandes zu stossen. Wenn in
der Jndenfrage des Oefteren schon auf die allerdings
nicht zu unterschätzende Thatsache liinaewiesen worden,
dass die modernen Grossstaaten sich aus verschiedenen
Nationalitäten aufbauen, so geht L. B. noch einen Schritt
weiter, in solcher Assimilation gerade ihre
Stärke zu suchen, woraus sich auch der Schluss
ergiebt, dass es eine Absurdität wäre, die heute beste-
henden nationalen Grossstaaten nach dem Grundsatz
absoluter Rasseneinheit purificiren zu wollen. Das
Nebeneinanderstehen, ja die gegenseitige Durchdringung
von Deutschthum und Judenthum ist ihm nur eine Seite
dieses in der Neuzeit sich allgemein zwischen den Na-
tionalitäten vollziehenden Verschmelzungsprocesses. Und
war es denn auch — so könnte man hinzufügen — in
den letzten Jahrhunderten vor der christlichen Aera
anders? Haben nicht die hellenistischen Reiche unter
den Nachfolgern Alexander des Grossen die verschie¬
densten Volkstämme des Morgen- und Abendlandes
vereinigt? Und ist nicht die so reiche, in mehr als
einer Beziehung so interessante hellenistische Literatur
eine Frucht dieses Verschmelzungsprocesses? Dabei
vereinigt das Judenthum, wie unser Beobachter aus-
drücklich anerkennt, scheinbar einander aufhebende
Gegensätze in sich, es besitzt neben einer starken Le-
benskraft, die eine starke Individualität voraussetzt, auch
wieder die wundersame Fähigkeit der Assimilation, die
es ihm möglich macht, Eigenes aufzugeben und Fremdes
in sich aufzunehmen. Mit keinem Volke aber haben
sich die Juden auch nur entfernt so eng zusammenge-
lebt wie mit den Deutschen, sie sind germanisirt weit
über Deutschlands Grenzen hinaus, sie bleiben mit der
deutschen Sprache verwachsen, auch wenn ihre Heimath
längst nicht mehr din deutsche Erde ist. Da gelangt
denn L. Bamberger zu dem ganz richtigen Schlüsse, dass
es Berührungspunkte im Grundcharakter der beiden
Volksstämme sein müssen, welche Deutschland und
deutsche Sprache von jeher anziehend für Juden, und
umgekehrt diese geeignet, das deutsche Volks-
wesen zu ergänzen, gemacht haben. In beiden,
Deutschen 11nd Juden, findet sich der spirituaie Grundzug
menschlichen Denkens, der sie zu denspivitualistischsten
Nationen aller Zeiten und Länder gemacht. Vermöge
dieses spiritualistischen Grundzugns seien gerade die
Germanen so geeignet zur Aufnahme und Verarbeitung
des dem Judenthum so nahe verwandten Christenthums
gewesen. Die Neigung zu abstractem Denken sei bei
beiden gleich stark vertreten, die speculative Philosophie
des Juden Spinoza ist nirgends so tief erfasst worden, wie
in Deutschland. Beide auch seien die vorzüglichsten
Kau heute der Welt, wofür unser Beobachter auf das
Beispiel der deutschen Kaufleute im Auslande verweist.
Das Ingenium der Juden weicht aber auch erheblich
vom germanischen ab, was soll geschehen, wenn diese
oder jene Seite des jüdischen Ingeniums nicht völlig im
germanischen aufgehen will? Auch darauf hat unser
Führer die zutreffende, aus tiefer Beobachtung geschöpfte
Antwort. Nicht die Entäusserung derjenigen Eigen-
schäften, die den Juden vom Germanen unterscheiden,
nicht in der Verleugnung aller Stammeseigenthümlich-
keiten, also in der Selbstaufgabe, wie uns jüngst ziem-
lieh deutlich von anderer, sonst wohlwollender Seite
zugemuthet worden, erblickt L. Bamberger den noth-
wendigen Fortschritt in dem zwischen Deutschthum und
Judentlium sich vollziehenden Versehmelzungsprocess,
nein! er findet, dass die besseren Eigenschaften
des jüdischen Stammcharakters, und unbe-
streitbar seien solche vorhanden, sich sehr wohl in d i e s e r
Mischung verwerthen Hessen. (S. 190 .) Oder
verdient nicht das zum Theil noch in patriarchal!»